Lieber tot als rot?

Aktualisiert: 27. Okt.

Vor zehn Tagen erschien beim S. Fischer-Verlag in Frankfurt ein Buch, das bereits durch seine Ankündigung eine heftige Kontroverse entfaltete: «Die vierte Gewalt» von Richard David Precht und Harald Welzer, beides geistreiche und scharfsinnige Denker und Formulierer, die einerseits durch ihre Schriften, aber mehr noch durch zahlreiche Auftritte in späten Talk-Shows einem breiteren Publikum bekannt geworden sind – etwas, was höchst selten einem Vertreter ihrer Zünfte gelingt (Philosophie, Soziologie). Ihr Buch geht von der Beobachtung aus, wie sehr die Berichterstattung in den deutschsprachigen Leitmedien sich angeglichen habe, was sie am Beispiel des Ukraine-Krieges vielfach belegen: Die Verleger, Chefredaktoren und Leitartikler überbieten sich seit Monaten darin, jede Zurückhaltung (etwa in der Frage der Waffenlieferungen) zu geisseln und jeden wohlbedachten Zögerer – allen voran Bundeskanzler Scholz – für seine Zurückhaltung moralisch zu diskreditieren.

Precht/Welzer stellen die These auf, dass die (Leit-)Medienmacher im deutschsprachigen Raum (in der Schweiz stimmen die Blätter der grossen Zeitungsverlage – NZZ, Tamedia, CH Media – in diesen Chor der Kriegspolterer ebenso ein wie die öffentlich-rechtlichen Medien) einer Rollenverwechslung unterliegen: Statt dass sie sich unabhängig als dritte Kraft neben die Konfliktparteien stellen und dem Publikum die Sachlage vermitteln, halten sie sich je länger desto stärker für berufen, steuernd in die Konflikte einzugreifen. «Dass die Grenze zwischen politischem Journalismus und politischem Aktivismus in den Leitmedien ohnehin immer fliessender wird, ist eine der Hauptthesen dieses Buches.» (S. 63).

Wie wenn es eines zusätzlichen Beweises für die Richtigkeit dieses Ansatzes bedurft hätte, brach mit dem Aufliegen des Buches auf den Tresen der grossen Buchhandlungen der Sturm los. Kein Wunder: Die Angegriffenen sind gleichzeitig diejenigen, die über das Deutungsmonopol in den einschlägigen Foren verfügen. Die Talkmaster (Lanz im ZDF) und die Besprecher des Buches in den Feuilleton-Spalten schlagen zurück, selten in sachlicher Art (weil die Beobachtungen und Argumente der Autoren halt nicht umzustossen sind), sondern meist in Form dümmlicher, nicht auf die Sache, sondern auf den Mann zielender Seitenhiebe: Ihre Fangemeinde nehme die beiden noch wichtiger «als sie sich selbst» (NZZ).

Wo, bitteschön, bleibt hier der Erkenntnisgewinn?

Als Autor des Blogs auf www.politischebildung.net erlaube ich mir dazu zwei Kommentare:

Erstens. Exakt dieselben Beobachtungen wie Precht/Welzer werden seit Wochen auf dem vorliegenden Blog angestellt. Voneinander völlig unabhängige Autoren kommen also zum selben Befund (vgl. u.a. https://www.politischebildung.net/post/terribles-simplificateurs

https://www.politischebildung.net/post/perspektivisches-denken

https://www.politischebildung.net/post/nur-den-hut-wechseln

https://www.politischebildung.net/post/marsch-auf-rom-reloaded).

Zweitens. Die Nonchalance, mit welcher die Entscheidungsträger in Ost und West derzeit an der Eskalationsspirale drehen, ist unfassbar. Bei Herrn Putin und seinen Apparatschiks kann dies nicht weiter erstaunen, wir kennen die Vorgeschichte und wir wissen, wes Geistes Kinder diese Kreml-Clique ist. Aber bei uns?! Die Leitmedien gebärden sich unisono so, als hätten sich die Chefredaktoren auf die Ultima ratio gebrieft, ein Verhandlungsfrieden mit Putin würde den Untergang des Westens bedeuten. Mit so einem verhandelt man nicht, heisst es, denn zu verhandeln hiesse, Schwäche zu zeigen. Dies aber würde bedeuten, dass sich Putin sofort Moldawien holen würde. Und dann das Baltikum. Durch unablässige Wiederholung wird dieses Narrativ mittlerweile weitherum geglaubt – wahrer wird es dadurch aber nicht. Russland ist auf Jahre hinaus zu keinem weiteren Angriffskrieg fähig, und dann wird die Zeit von Putin um sein.

Man müsste diesen Herren einmal erklären, dass wir nicht beim Oktoberfest und beim Hau-den-Lukas sind. In der Konsequenz bedeutet die veröffentlichte Meinung nichts anderes als: Lieber den Atomkrieg als einen Verhandlungsfrieden. Ein Nuklearwaffen-Experte hat am Mittwoch in allen Zeitungen des Tamedia-Verlags verkünden dürfen: «Russland könnte Atomwaffen über ukrainischen Städten einsetzen, um die dortige Bevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen.»

Ist dieser Experte noch bei Trost? Weiss der überhaupt, was er da schreibt? Atomwaffen gegen zivile Ziele einzusetzen hiesse, «Angst und Schrecken» zu verbreiten und nicht etwa Tod, Verwüstung, radioaktiven Ausfall auf Generationen hinaus – schlicht den Untergang. Gleichzeitig wird verkündet, «die Reaktion der USA wäre drastisch, aber nicht nuklear.» Was soll das anderes bedeuten als: Lassen wir doch Putin seine Bombe werfen, der von Biden bereits angekündigte «Armageddon» würde trotzdem ausbleiben.

Ist mehr irreführende Verharmlosung möglich? Haben diese Schreibtischtäter überhaupt einen Plan davon, wie sehr sie von der Meinung der Menschen abdriften? Um es in aller Deutlichkeit zu sagen: Im vollkommenen Bewusstsein, dass Putin der Aggressor ist und das Völkerrecht mit Füssen tritt, wäre ein Atomkrieg tausendmal schlimmer, als dass die Ukraine vier südöstliche Provinzen an Moskau abtreten müsste. Lieber tot als rot – das war einmal. Vergesst es, liebe Chefredaktoren. Die Menschen wollen leben.

71 Ansichten1 Kommentar

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Man wird nicht satt, sich zu ärgern. Am Montag konnten wir wieder einmal live verfolgen, wie die Wahrheit mundtot gemacht wird. In der ARD bei Sandra Maischberger war Alice Schwarzer zu Gast, grande d

Pünktlich zur Übernahme von Twitter durch Elon Musk (für 44 Milliarden Dollar) kündigte Donald Trump seine erneute Bewerbung um die amerikanische Präsidentschaft an – respektive für den Startplatz als

Mindestens etwas Positives müssen wir der kommenden Fussball-Weltmeisterschaft zugestehen: dass endlich dieses angeblich gemeinnützige, steuerbefreite Kasperlitheater mit Sitz in Zürich, genannt FIFA,