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Terribles simplificateurs

Das hätte ich mir beim schlimmsten Willen nicht träumen lassen: Dass ich mich einmal vor Andreas Glarner stellen und eine Aussage von ihm verteidigen würde. Vor Andreas Glarner, diesen übelsten aller Brandredner der SVP, diesen frauenfeindlichen Macho, diesen xenophoben Gemeindepräsidenten a.D. und widerwärtigen Chefpolterer der SVP im Nationalrat. Glarner, der Mann fürs Grobe, der schon vieles von sich gegeben hat, was wir hier lieber nicht wiederholen, sagte anlässlich einer Sitzung der aargauischen Grossratsfraktion der SVP, die USA (unter der damaligen Regierung Obama) hätten 2014 in der Ukraine die russlandfreundliche Regierung Janukowitsch weggeputscht und sie durch eine amerikafreundliche Regierung Poroschenko ersetzt.

Glarner sagte dann noch mehr, und wie fast immer gilt: Hättest Du geschwiegen, wärest Du ein Philosoph geblieben… Er kam, wie üblich, ins Schwafeln, verstieg sich dazu, die USA in die Verantwortung für Putins Krieg mit hineinzuziehen und behauptete am Ende, wenn die NATO die russischen Forderungen nicht annähmen, würde sie sich mitschuldig machen an jedem weiteren Opfer dieser Katastrophe, die der russische Gewaltherrscher über die Menschheit gebracht habe.

Das ist natürlich Schwachsinn und entspricht ganz Glarners monokausaler Denkart. Da kann man offenbar nicht viel machen. Aber das Besondere an der Aussage über den amerikanischen Putsch in der Ukraine ist ganz simpel das folgende: Sie ist wahr. Das hinderte die schweizerische Presse des Juste milieus nicht, jegliche Hetze über Glarner auszugiessen und ihn einen Putin-Versteher, gar Putin-Verehrer zu schelten. Er, der Rundum-Diffamierer, war plötzlich der Diffamierte.

Ob er ein Putin-Verehrer oder -Versteher ist, können wir nicht beurteilen. Tatsächlich liegt im Umstand, dass Putin ausgerechnet von Seiten der SVP einige Sympathien zufliessen, ziemliche Irritation. Aber das ist nicht die grundsätzliche Frage, die sich anschliesst. Diese lautet vielmehr: Wird eine historische Gegebenheit, die ich als wahr erachte, durch den Umstand, dass mein ärgster politischer Feind dasselbe behauptet, plötzlich weniger wahr? Oder, anders gefragt: Wann (und wie) schaffen wir es aufzuhören, die Welt immer nur durch einen Filter von Feindbildern wahrzunehmen?

Gewiss, es ist viel bequemer, eine unliebsame These mit dem Hinweis auf das Weltbild dessen, der sie vertritt, von der Platte zu wischen, als sich mit ihr inhaltlich auseinanderzusetzen. Meistens ist es sogar noch ärger: Wenn einer etwas behauptet, was der Mehrheit nicht passt, wird ihm einfach ein Etikett angehängt, gegen das er sich nicht wehren kann. Die Geschichte ist voller einschlägiger Beispiele: Wer in den USA die Vorzüge einer allgemeinen Krankenversicherung vertritt, wird sofort als Kommunist verschrien. Wer in Israel die rechtsbrüchige Siedlungspolitik kritisiert, ist ein Antisemit. Wer auf Fehler im Untersuchungsbericht 9/11 hinweist, ist ein Verschwörungstheoretiker. Die Vermischung der Kategorien ist der einfachste Weg, sich mit unbequemen Inhalten nicht auseinandersetzen zu müssen.

Diese Methode hat nur einen Haken: Weder in Sachen amerikanischer Krankenversicherung noch in Sachen israelischer Siedlungspolitik noch in Sachen 9/11 haben wir damit auch nur ein Mü an Erkenntnis gewonnen. Wir haben einfach diejenigen zum Schweigen gebracht, die das Unpopuläre äussern. Aber die geltend gemachten Argumente sind noch da; sie hängen im Raum und irritieren alle, die nicht willens sind, sich mit Feindbildern abspeisen zu lassen. Es gibt nur einzigen Weg, diese Irritation aus dem Raum schaffen: Indem jemand bessere Gegenargumente findet. Wenn es keine gibt, dann sollte man die Kritik gefälligst zulassen und die Debatte eröffnen.

Das Paradigma dieses Vorgangs führt uns ins Jahr 1553 nach Genf. An einem unfreundlichen Abend im Oktober wollte ein spanischer Arzt namens Michael Servet auf der Durchreise in einer Herberge übernachten. Man hatte Servet, der in einigen theologischen Schriften die christliche Idee von der Trinität kritisiert hatte, vor Genf gewarnt: Dort throne Calvin, und der sei ziemlich humorlos. Servet hielt es für unmöglich, wegen einiger wissenschaftlichen Papers strafrechtlich belangt zu werden. Er irrte. Da der Ayatollah der Reformierten ein totalitäres System von Spitzeln etabliert hatte, erhielt er sogleich die Kunde, Servet, dieser spanische Dissident, sei in der Stadt. Sogleich schlug Calvin zu und liess Servet verhaften. In den folgenden Verhandlungen verweigerte dieser den Widerruf. Am 27. Oktober liess ihn Calvin auf dem Scheiterhaufen verbrennen.

Vieles wurde zusammen mit dem bedauernswerten Michael Servet abgefackelt: Die Idee von einer menschlichen Kirche. Die Idee von einem freudigen Streit der Wissenschaften um das bessere Argument. Die Idee vom mündigen Menschen. Nur eines liess sich nicht verbrennen: Die Thesen gegen die Trinität, die Servet in seinen Schriften entwickelt und begründet hatte. Sebastian Castellio, ein in Basel lebender Humanist und Zeitgenosse, brachte es auf den Punkt: Einen Menschen zu töten, heisst nicht, eine Lehre zu verteidigen, sondern einen Menschen zu töten. Castellio war der erste Bekenner der Toleranz in intoleranter Zeit.

Man kann nicht oft genug daran erinnern. Inzwischen sind zwar viele Schriften zur Toleranz hinzugekommen, Staubfänger in den Bibliotheken. Dass die Machthaber sich keinen Deut darum kümmern, ist bekannt. Wer aber glaubt, man könne den Kampf gegen die Potentaten gewinnen, indem man Tatsachen negiert, der irrt. Es sind genau diese terribles simplificateurs, die der Sache am meisten schaden, wenn sie dem Diskurs ausweichen und die Wahrheit unterschlagen. Denn genau so fängt der Totalitarismus an.

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