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Zu viele Noten

Kaiser Joseph II., Sohn Maria Theresias und grosser Aufklärer im Habsburgerreich, sprach nach der Premiere von Mozarts Oper «Die Entführung aus dem Serail» (und zwar nicht nur in «Amadeus», im Film von Milos Forman, sondern echt und historisch überliefert): «Zu viele Noten.» O je. Wie musikalisch der Kaiser war, wissen wir nicht. Dem guten Wolferl entgleisten jedenfalls vorübergehend die Gesichtszüge. Das ist halt so, wenn ein gerüttelt Mass an Selbstvertrauen brutal erschüttert wird.

An des Kaisers flapsige Bemerkung fühlt sich erinnert, wer dieser Tage an einer Overdose an Fussball leidet. Zu viele Mannschaften, zu viele Spiele. Solche, die kein Mensch sehen mag. Wer, um alles in der Welt, braucht Kongo gegen Usbekistan? Wer braucht Neuseeland gegen Ägypten? Dass entweder Südafrika oder Kanada in die Zwischenrunde (den Sechzehntelsfinal) aufsteigen, wäre ok – aber gleich beide? Hätte es eine von beiden Mannschaften geschafft, beispielsweise gegen Portugal oder Argentinien oder Belgien oder Frankreich, dann hätte das geheissen: Jetzt schauen wir erst einmal, wie sich die Spreu vom Weizen trennt. Das ist der Sinn der Weltmeisterschaft. Aber beide, Südafrika und Kanada und dann noch eine Zwischenrunde, das ist Inflation. Aufblähung des Spiele-Volumens mit Wertverlust des Ganzen. Ja, lieber Wolfgang Amadeus Infantino: Wenn die Währung nicht mehr gedeckt ist, dann wird sie zu Ramsch. Zu viel Mittelmass gibt keine Weltmeisterschaft, sondern das grosse Gähnen um Mitternacht. Das reicht nicht für einen befriedigenden künstlerischen Gesamteindruck. Zu viele Mannschaften, zu viele Spiele. Wir gehen schlafen, gute Nacht.

Weniger wäre mehr. Vor allem würde uns dann, zu allem Überfluss, nicht noch Gianni Oberwallis Abend für Abend frei Haus geliefert, der transkontinentale Jet-Setter. Klar, wir haben den Knopf an der Fernbedienung und machen Gebrauch davon, aber eine Wohltat wäre es trotzdem, ihn nicht permanent Seite an Seite mit allen möglichen Staatschefs angucken zu müssen. Denn auch wenn wir den Knopf drücken, so ist uns doch bewusst, dass das Dabeisein von mindestens sechzehn überschüssigen Nationalmannschaften – so sehr wir deren Fans die Freude gönnen – nix, aber gerade gar nix mit der Globalisierung und Demokratisierung der (früher einmal) schönsten Nebensache der Welt zu tun hat. Sehr wohl aber mit den überquellenden Finanztöpfen der FIFA. Denn auch im Weltfussballverband finden ab und zu Wahlen statt, und das Bei-der-Stange-Halten eines mehr als 200köpfigen Wahlgremiums geht ins Geld, wie überall in der «Demokratie» (diese Ausdrucksweise ringt uns einiges an Selbstüberwindung ab). Die nächsten Wahlen ins Präsidium der FIFA sind anlässlich der nächsten Generalversammlung im März 2027 in Marokko angesagt.

Der smarte Gianni hat sich natürlich schon in Stellung gebracht und seine erneute Kandidatur vorgemerkt. Bis jetzt hat niemand Lust, gegen ihn anzutreten. 211 Verbände (im Vergleich: die UNO hat 193 Mitglieder) sind bei der FIFA eingeschrieben, was bei der Wahl eines Präsidenten ein absolutes Mehr von 106 erfordert. 2016 erreichte Infantino als Kandidat des europäischen Kontinentalverbandes, der UEFA, gegenüber drei weiteren Kandidaten aus Afrika, Nord-, Mittel- und Südamerika und Asien im ersten Wahlgang 88 Stimmen. Im zweiten Gang putzte er dann seinen härtesten Konkurrenten, den favorisierten Scheich Salman bin Ibrahim al Chalifa (den Präsidenten des asiatischen Verbandes aus Bahrain), mit 115 Stimmen von der Platte.

Wie es ihm gelungen ist, sämtliche Stimmen, die in der ersten Runde auf seine drei Gegenkandidaten entfallen waren, samt und sonders auf seine Seite zu ziehen, bleibt Infantinos Geheimnis. Darüber schweigen die Protokolle. Aber es dürfte, angesichts der numerischen Stärkeverhältnisse innerhalb der FIFA, nämlich der Anzahl der Mitglieder der Kontinentalverbände, grundsätzlich kein Hexenwerk gewesen sein (Europa: UEFA 55, Afrika: CAF 54, Asien: AFC 47, Nord- und Mittelamerika: CONCACAF 41, Südamerika CONMEBOL 11). Voraussetzung ist natürlich, man habe die nötigen Mittel dafür. Unmittelbar nach der Wahl kam es zu einer Strukturreform innerhalb der FIFA, die im ersten Moment gut und demokratisch tönte, aber im Nachhinein in schiefes Licht geriet. Die faktische Kassierung der sogenannten Ethikkommission durch Infantino, während genau dort ein Verfahren gegen ihn, Infantino himself, lief, entwertete nicht nur jede pseudodemokratische Strukturreform, sondern liess auch die Wahl noch fragwürdiger erscheinen.

Zweidrittel aller Mitgliedsnationen sind auf der Südhalbkugel domiziliert. Logisch, dass Infantino dort seine Streicheleinheiten besonders sorgsam appliziert. Darunter fallen vor allem drei Qualitäten: Erstens die Ausweitung der Partizipation am Weltturnier (diesmal von 32 auf 48), zweitens das Versprechen, die Ausrichtung der nächsten Weltmeisterschaften in die "richtigen" Wege zu leiten, und drittens die Ausschüttung der Gewinne.

Wie gesagt, ganz günstig ist all das nicht, vor allem wenn der Kandidat am liebsten lebenslang Präsident bleiben möchte. Die Schamlosigkeit der Preispolitik der FIFA (für Ticketing und insbesondere für die TV-Rechte) und die Schamlosigkeit, wie der Präsident kraft seines Amtes seine Schleimspur stets auf direktem Weg zu den (anderen) Mächtigen dieser Welt hinzieht, finden hierin eine Erklärung. Der Geldbedarf ist hoch. Es sind halt, wie bei Mozart, etwas viele Noten im Spiel, auch ausserhalb der Opern und Sinfonien. Mozart starb verschuldet und wurde in einem Massengrab beigesetzt. Dieses Schicksal wird dem cleveren Gianni erspart bleiben, und seinem famosen Weltverband ebenso, der in Zürich immer noch steuerbefreit als Gemeinnütziger Verein firmiert. Da fällt es leicht, ein paar Abstriche am künstlerischen Gesamteindruck in Kauf zu nehmen.

 
 
 

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