Gipfel oder Gipfeli?
- Reinhard Straumann

- vor 1 Tag
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Aktualisiert: vor 6 Stunden
Bürgenstock, Bürgenstock, doch kein Bürgenstock. Egal. Wohin wir schauten in den gestrigen Tageszeitungen (18.7.2026), leuchtete uns als Seite-1-Illustration die Aussicht auf den Vierwaldstättersee entgegen, inklusive Fünfstern-Hotelanlage. Hier sollte also das Rahmenabkommen zwischen dem Iran und den USA unterzeichnet werden. Dass es vorerst nicht dazu kommt, spielt keine Rolle. Nichts ist langweiliger als die Zeitung von gestern.
Das dick aufgetragene Strahlewetter über dem Lake of Lucerne ersetzte, was wir eigentlich erwartet hatten: das Gruppenbild mit Damen vom Gipfel der Grossen Sieben, ebenfalls vor prächtiger Kulisse, nämlich im französischen Evian, mit Aussicht auf den Golfplatz (weil diese Trump gut tut). Zur Stabilisierung seiner Laune durfte er, statt Bürgenstock, mit Emmanuel Macron und Madame Brigitte im Spiegelsaal von Versailles dinieren. Ohne Golfplatz, aber umrundet von Barock, den Trump ebenfalls liebt. Dessen Disney-Land-Variante aus Mar-a-Lago sagt ihm etwas.
Den Verlust des G7-Gruppenbildes werden wir verkraften. Wer ersatzweise googelt, erfährt: Alles schart sich um Trump. Zu seiner Linken Macron, zu seiner Rechten, fürs Fotoalbum dazwischen gequetscht, Madame Macron. Giorgia Meloni und Ursula von der Leyen halten die Flügel (ähnlich wie die ewig lächelnden Ecksteher-Blondinen bei einer Show von RAI). Merz drängt sich, trotz der Länge eines Doppelmeters, ebenfalls in die erste Reihe, damit wir alle sehen, wo er seinen Platz sieht. Etc. etc. Wer sich dazu noch aus der Tagesschau informierte, bekam mit, wie Trump beim Betreten des Sitzungssaales – natürlich als Letzter – an der Stirnseite des Tisches kurz seinen Schritt verzögerte und also sprach: I’m the Boss. Allgemeine Heiterkeit. Bloss dem Onkel aus Amerika nicht den Spass verderben. Bloss kein unbedachtes Wort zum Iran oder zu Israel. Wenn er das nächste Sanktionspaket gegen Russland abnickt, ist alles gut.
Das ist das Bild, das die Mächtigen dieser Welt von sich abgeben. Abgesehen vom Japaner Takaichi und dem Kanadier Carney bleiben die Europäer unter sich, die üblichen Verdächtigen, deren Schleimspur sich in direkter Linie zum Onkel aus Amerika hinzieht, Merz, Macron, Starmer. Dazu die unvermeidliche EU, von der Leyen und da Costa, sowie ihr Aspirant Selenski (Giorgia Meloni wollen wir mit Verdacht ausklammern). Sitzt mein make up? Achtung Aufnahme! Pepsodentstrahlen an den Schalthebeln der Macht ist angesagt. Diese Ritter von der traurigen Gestalt soll bestimmen über Europas Zukunft?
Erinnern wir uns an die Fotos vergleichbarer Anlässe aus früheren Tagen. De Gaulle küsst Adenauer. Kennedy blickt mit Willy Brandt über die Berliner Mauer. Giscard d’Estaing ist zu Besuch bei Helmut und Loki Schmidt im Einfamilienhaus in Hamburg-Langenhorn. Gorbatschow und Kohl beim Abendspaziergang. Begin und Arafat beim Shake-hands. Sadat, Begin und Arafat reichen sich die Hände zu dritt. Wieso, um alles in der Welt, taugen die Politiker von heute nur noch als Karikaturen ihrer Vorgänger?
Gewiss, die Welt und die Politik sind nicht einfacher geworden. Die Social-Media unserer Tage sind gnadenlos. Keine unbedachte Formulierung ist erlaubt, kein Ausrutscher gestattet, und sei er vor siebenundzwanzig Jahren geschehen. Jede schiefe Mimik wird im Internet seziert und skandalisiert. Paffen wie weiland Helmut Schmidt? Undenkbar. Wer Ecken und Kanten hat, fliegt schon auf der Gemeindeebene aus der Kurve. Heute werden nicht Charakterköpfe belohnt, sondern Risikovermeider.
Ehrlicherweise muss auch zugestanden werden, dass in den 60er- oder 70er-Jahren die Gestaltungsmöglichkeiten in der Politik grösser waren. Die Daumenschrauben von Schuldenbremse, internationalen Abkommen oder Koalitionszwängen waren kaum spürbar. Heute ist Politik das Management von Dauerkrisen. Wo bleibt der Platz für Visionen? Die modernen Verwaltungsabläufe suchen Charaktere, die fehlerfrei funktionieren, nicht solche, die führen. Wer heute intellektuell brillant und führungsstark ist, meidet die Politik. Gestalten kann er anderswo besser.
Aber kein Weg führt daran vorbei: 30 Jahre Nachkriegszeit brachten Politiker anderen Formats hervor. Es waren Persönlichkeiten mit einer Ausbildung und einem Berufsleben vor und neben der Politik. Der Parteiapparat kümmerte sie nicht. Heute beginnen Karrieren in den Jungparteien. Juso, Junger Freisinn, Junge SVP. Die Jungspunde triefen vor Motivation, wenn sie zum Fahrstuhl hetzen, der sie nach oben bringen soll. Plakate kleben, jahrelange Kleinarbeit in Kommissionssekretariaten, dabei gute Laune zeigen und immerfort die Sitzungsprotokolle schreiben? Bitte gerne. Aber so werden Taktiker, Apparatschiks, Studienabbrecher und Karrieristen begünstigt. Und die Leute sagen: Der (oder die) hat noch nie gearbeitet. Soll doch erst einmal etwas lernen.
Die Schwindsucht an Charakter, die Anfälligkeit für Lobbying (wenn nicht für Korruption) sind mit Händen zu greifen. Welcher Politiker von heute hat noch eine Idee davon, dass Verantwortung mit Haftung verknüpft ist? Wer würde heute (wie Willy Brandt oder wie Elisabeth Kopp) im Schadenfall zurücktreten, um das Amt in Ehren zu halten? Heute wird ausgesessen bis zum Fremdschämen. Keir Starmer lässt grüssen.
Auch auf tieferer Ebene ist das Malaise spürbar. War der schweizerische Bundesrat je schwächer besetzt als gegenwärtig? Warmduscher wie Cassis und Mainstreamsurfer wie Pfister geben einander die Klinke in die Hand, nicht zu reden von Versagern wie Beat Jans. Wobei auch das Parlament in der Verantwortung steht: Haben die Räte nicht hinter der Hand die Baslerin Eva Herzog verhindert, weil sie lieber mit einer schwachen Führungsfigur zusammenarbeiten? Bonjour, Madame Baume-Schneider. Operation geglückt, Patient tot.
Man kann es drehen und wenden, wie man will: Wer heute in die Politik geht, tut es aus Karrierismus, nicht aus Gemeinsinn. Wo winken die schönsten Mandate, wo lockt das fette Lobbying? Zum Glück hat man uns das Gruppenfoto erspart. Der Bürgenstock ist allemal lohnender, fast lieber ohne Gipfel. Dafür mit Gipfeli.
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