Willy Ritschard und die Französische Revoluton
Nach einer langen Reihe schwer auf den Menschen lastender Hochsommertage toppte der 13. Juli das bis dato Ausgestandene massiv. Unerträglich lag die Hitze bereits am frühen Morgen über den mit wenig Grünzeug gesegneten Vorstädten von Paris. Wer sich trotzdem der Unbill der Alltagsbewältigung hingeben wollte, stellte fest, dass der Brotpreis abermals gestiegen war, von Mangel und mutwilliger Spekulation getrieben. Wo sollte das noch hinführen?
Es war das Jahr 1789. Die Leute murrten, ja, als sich ihre Wut staute, scharrten sie regelrecht mit ihren Füssen unter den Tischen. Was man bisher unternommen hatte, hatte nichts gebracht. Die Wut wandelte sich in Gewaltbereitschaft. In Versailles seien grosse Dinge in Vorbereitung, munkelte man. Der vielgehasste Genfer Bankier im Finanzministerium, Necker, sei endlich vom König zum Teufel gejagt worden. Ob das etwas bringen würde? Da klang eine andere Botschaft deutlich zuversichtlicher: die Quartierarsenale seien geöffnet worden. Man könne sich nur bedienen, dann gehe es den Reichen an den Kragen. Friede den Hütten, Krieg den Palästen!
Haufen rotteten sich zusammen und zogen unter den Kommandos irgendwelcher Grosssprecher zu den Zeughäusern, bedienten sich an den Musketen und warteten ab. Die städtische Obrigkeit liess die Zusammenrottungen geschehen und zeigte keinerlei Lust, gegen die eigene Bevölkerung einzuschreiten. Paris war in der Hand des Mobs. Ein Pulverfass. Ein Funke würde genügen, um das gesamte Ancien Régime in die Luft zu jagen.
Am 14. wurde der Funke gezündet: die Bevölkerung bemächtigte sich der Bastille, des grossen Arsenals der Stadt, und stand jetzt unter Waffen. In den nächsten Wochen brach das Gebälk des bestehenden Gesellschaftssystems in sich zusammen. Am Ende würde eine Hoffnung stehen: die Verfassung, die Republik.
Mittlerweile, nach mehr als 200 Jahren, hat sich die aktuelle politische Führung der Verfassung und der Republik bemächtigt. Jegliche Hoffnung darauf ist verflogen. Was wir heute als Demokratie verstehen, ist ein Systemzwang, der nicht der Mehrheit dient, sondern den Mächtigen zum Machterhalt. Und immer berufen sie sich auf die Demokratie als die einzig mögliche Staatsform, in der den Anliegen der Bevölkerung Rechnung getragen werden könne. In der ein solider Schutz der Minderheiten gewährleistet sei. Nachdem sie dieses System so zu ihren Gunsten zurechtgebogen hatten, dass es gar keine Änderungen mehr zuliess.
Demokratie ist zu einem Machterhaltungsapparat verkommen, der, mit den Mitteln, die sie selbst dafür bereitstellt, unveränderbar geworden ist. Wenn heute junge Franzosen und Französinnen für eine bessere Bildungsinfrastruktur auf die Strasse gehen und dabei Schaufenster zu Bruch gehen und Autos abfackeln, dann scheint die Bürgerliche Kritik berechtigt, es sei doch offensichtlich, dass es diesen jungen Menschen nicht um die Bildung gehe. Einverstanden, aber nur teilweise. Hätten unsere demokratischen Systeme ihnen auch nur ansatzweise gezeigt, dass man mit Politik auch Bildungssysteme umgestalten könne, dann wäre es nie zu dem gekommen, was heute der Fall ist: Dass junge Menschen sich enttäuscht von der Politik abwenden und in ihrem Protest andere Ausdrucksweisen suchen und finden.
Denn da sind nicht nur die Bildungsaffinen, die gerne bessere Stundenpläne hätten und kleinere Klassengrössen, sondern da ist auch ein riesiges Heer von zwanzigjährigen Perspektivelosen. Ihre politische Erfahrung durch Anschauung und Tradition ist: Diesem Land ist nur mit Revolution beizukommen. Den französischen Zentralstaat kriegt nur, wer die Zentrale erneuert. Solange diese aber über Jahrzehnte exklusiv in der gleichen Machtclique aufgehoben ist, ändert sich gar nichts. Da kann man Wahlen veranstalten, soviele man will.
Nun ist aber die Französische Revolution auch eine europäische. Über die Ähnlichkeit der Verfassungen hat sich eine Ähnlichkeit der Strukturen ausgebildet; über die Angleichung im Rahmen der EU auch eine Angleichung der Probleme und ihrer Scheinlösungen. Dementsprechend regieren die Menschen auch gleich. Überall sehen sie, wie der Ukraine-Krieg ihnen Schuldentürme an die Köpfe wirft, überall sehen sie den grössten Steuerbetrug der Geschichte: Mittels des Narrativs, dass der böse Russe uns bedrohe, wird in Rüstung, Rüstung und noch einmal Rüstung investiert. Für Waffensysteme, die in der Ukraine getestet werden, klappt man Renten und lässt zu, dass Bildungs- und Gesundheitssysteme verludern. Was hat so eine Politik mit Zwanzigjährigen zu tun?
Deshalb begehren sie auf, und deshalb wird ihnen von ihren eigenen Regierungen der Krieg erklärt. Giorgia Meloni in Italien will mehr Truppen aufbieten. Die Waffenbeschaffungsprogramme anderer Länder, beispielsweise Deutschlands, weisen darauf hin, dass einigen Schützenpanzersystemen auch innenpolitische Perspektiven anhaften.
Also Krieg gegen die jüngere Generation eigener Landsleute. Kann das wirklich wahr sein? Ist das mit der Demokratie vereinbar, die ihr uns verheissen habt? Vor fünfzig Jahren gab es in der Schweiz eine riesige Demonstration in Form der Besetzung eines für ein AKW vorgesehenen Geländes. Die Bürgerlichen forderten den Einsatz der Armee, aber der zuständige Bundesrat namens Willy Ritschard liess keine Diskussion aufkommen: Armeeeinsatz gegen die eigene Bevölkerung nur um den Preis seines Rücktritts.
Manchmal hilft wenig. Zum Beispiel ein bisschen Rückgrat.

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