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Wie eine heisse Kartoffel

… da fällt mir grade ein: Ukraine… Ukraine… war da nicht mal was? – Ach, jetzt, wo Sie’s sagen: Klar doch! Ein Krieg! Und nicht irgendeiner, sondern der, auf den man uns eingeschworen hat. Von dem alle Zeitungen schrieben, er würde die Weichen stellen in Sachen Untergang des Abendlandes, der Showdown zwischen der alles verschlingenden Diktatur putinscher Prägung und dem demokratischen Westen. Hierin standhaft zu bleiben sei unser aller moralische Pflicht; koste es, was es wolle. Sollten wir diesen Krieg verlieren, wäre das der Untergang der politischen Moral überhaupt. Dann würden sämtliche Diktatoren dieser Welt wähnen, Arglist lohne sich. Dann würde Putin das zaristische Grossreich aus der Versenkung holen, mit Moldawien als nächstem Opfer. Also auf zum letzten Gefecht!

Europa folgte dem Ruf der NATO, und allen voran zeigten sich Deutschlands Ampelmänner als Musterschüler. «Bitte gerne», sagte Olaf Scholz, als die CIA Nordstream sprengte. Seither verzichtet Deutschland auf günstiges russisches Erdgas, stellt sich stattdessen bei den Amis um deren dreckiges und siebenfach teureres Frackinggas an. Dass der dafür eingehandelte moralische Weisswasch das Opfer einer ganzen Volkswirtschaft rechtfertige, ist das Mantra dieser Regierung, die den Kompass komplett verloren hat.

Die Medien des Mainstreams, von der ARD bis zum ZDF, von der NZZ bis zur Süddeutschen, wurden nicht müde, diesem Mantra zu huldigen. Damit wir bei Laune blieben, spielten sie mehr und mehr Erfolgsmeldungen von der Front auf die Titelseiten, unbesehen jeder Faktenlage: Die ukrainische Gegenoffensive komme gut voran, es fehlten nur noch ein paar Panzer westlicher Bauart, dann sei der Sieg eine Frage von Wochen. Und, um ganz sicher zu gehen, obendrauf noch ein paar F-16 Kampfjets von Lockheed Martin. Und, bitteschön, vielleicht noch der eine oder andere Marschflugkörper. Und natürlich Munition ohne Ende. Aber dann sei die Rückeroberung der Krim garantiert.

Wolodimir Selenski, der Komödiant, der vor dem Krieg in der Rolle des Friedensapostels wie die Jungfrau zum Kind zur Präsidentschaft gekommen war, schlüpfte schwuppdiwupp in ein olivgrünes Kostüm, in welchem er es zur oscarreifen Meisterschaft brachte. Der gesamte Westen huldigte ihm, die demokratischen Parlamente warfen sich ihm zu Füssen, und sogar in der neutralen Schweiz durfte er vor der Vereinigten Bundesversammlung sprechen. Anfänglich wäre er ja noch für einen Kompromissfrieden zu gewinnen gewesen, aber da war ihm der Westen davor. Boris (Johnson), Biden, Blinken, Baerbock, Scholz und von der Leyen (das personifizierte Bewerbungsschreiben um das NATO-Generalsekretariat…) rannten nach Kiew, meist mehrfach, denn da gab es viele geeignete Foto-Sujets, vor deren Hintergrund man sich medienwirksam ablichten lassen konnte. Und bei jeder Gelegenheit versicherten sie Selenski ewigen Beistand, unverrückbare Treue und die baldige Aufnahme in die EU. So resilient korrupt sich dessen Regime auch gebärden mochte.

Und heute?

Der Westen, das wohlstandsgeschädigte Kind, hat sein Interesse am Wargame mit der Clownfigur Selenski verloren. Der massgebliche, von Washingtoner Falken bewirtschaftete Think-Tank RAND hat errechnet, dass die Investitionen in den Krieg auf längere Frist in keinem Verhältnis zum erwartbaren Ertrag stünden (zumal BlackRock sich den Löwenanteil an der ukrainischen Infrastruktur inzwischen gesichert hat). Ergo nutzen die USA die Gunst der Stunde – den Hamas-Angriff vom 7. Oktober – und schenken ihrem militärisch-industriellen Komplex ein neues Game, ein noch spektakuläreres, bei dem noch mehr Pulver verschossen, noch mehr Kitzel um einen dritten Weltkrieg entwickelt werden kann. Und bei dem die Rendite viel umfassender zu werden verspricht.

Und siehe da: Seither schweigen die Medien über die Ukraine. Mit einem Mal ist die allrussische Bedrohung weg. Was kümmern uns unsere Leitartikel von gestern. Da die Sanktionen gegen Russland bestehen bleiben, wird man den Krieg als Geräuschkulisse aus dem Off auf Schmalspur noch laufen lassen. Und auch, weil es in der Öffentlichkeit doch irritierend wirkte, würden sich Regierungen offen zu solch einem Lügenkonstrukt bekennen.

Ukraine war gestern, heute ist Nahost. Das ist doch ein ganz anderes Tuch! Robert Kennedy, Präsidentschaftskandidat, sagte am 8.11.: «Israel ist unser Bollwerk. Es ist, als hätten wir einen Flugzeugträger im Nahen Osten. Wenn Israel verschwindet, werden Russland, China und die BRICS-Staaten 90 Prozent des Öls der Welt kontrollieren, und das hätte katastrophale Folgen für die nationale Sicherheit der USA.»

Da jegliche Eskalation auf eine Auseinandersetzung zwischen Israel und dem Iran hinausläuft, heisst das für die Strategen im Pentagon: Die seit zwanzig Jahren in ihren Hinterköpfen lauernde Vision von einem Krieg gegen den Iran wird aus der Mottenkiste geholt. Was würde das für Möglichkeiten bieten im Positionsbezog gegen China!

Also frisch, ihr Medien, seid zur Hand! Malt den Teufel an die Wand! Haltet euch an die bewährten Begriffe: Islamismus, Terrorismus, Antisemitismus. Immer gut machen sich beklagenswerte Einzelschicksale auf der Seite der Guten; die Opfer auf der anderen Seite sind Statistik und können vernachlässigt werden (z.B. 4000 tote Kinder in einem Monat). Das Selbstverteidigungsrecht Israels ist immer zu betonen (auf der anderen Seite gibt es keines, das sind ja Terroristen). Hervorzuheben ist, dass Israel Kollateralschäden in Kauf nehmen muss, weil Hamas die Zivilbevölkerung als Schutzschild benutzt und ihre Kommandozentralen unter den Spitälern eingerichtet hat (Belege dafür braucht es keine, solange man es oft genug wiederholt).

Der Beweis, dass richtig lag, wer im Ukraine-Krieg der Phalanx von westlicher Machtpolitik, Waffenindustrie und medialer Beeinflussung entgegentrat – hier liegt er vor. Es ist selbstentlarvend, wie USA und NATO die Ukraine wie eine heisse Kartoffel fallen lassen und wie den westlichen Medien plötzlich egal ist, was ihnen bisher heilig war. Wir sollten uns fragen, welche Schlüsse für die kommenden Kriege wir daraus ziehen sollten.

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