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Westliches Wunschdenken

Jewgeni Prigoschin, Putins Mann fürs Grobe, probte den Aufstand. Oder war es eine Revolte, eine Meuterei? Ein Putschversuch? Oder doch nur eine Protestaktion? Höchstwahrscheinlich weiss nicht einmal er selbst, was für ein Teufel ihn geritten hat, als er mit seinen Truppen gen Moskau marschierte, um dann, 200 Kilometer vor der Kremlmauer, doch die Segel zu streichen, die Panzerkolonnen wenden zu lassen und das weissrussische Exil zu wählen (mal schauen, wie lang er es überlebt). Alles bleibt diffus an dieser nebulösen Aktion eines schwerkriminellen Gewalttäters, der, ursprünglich Putins Koch, zum Unternehmer in Sachen Krieg aufgestiegen ist, ein Vermögen machte und zum Scharfmacher in der russischen «Spezialoperation» gegen die Ukraine wurde. Noch einmal Glück gehabt, müssen wir sagen… Denn es ist nicht auszudenken, was hätte geschehen können, hätten sich die Regierungstruppen und deren Generalität mit diesem Schlächter solidarisiert und wäre ihm deshalb die Verfügungsgewalt über das russische Atomwaffenarsenal in die Hände gefallen.

So mysteriös Prigoschins Manöver war, so aufschlussreich waren die Reaktionen im Westen. Erste Bewegung: ungläubiges Staunen – ach, die machen sich jetzt gegenseitig kaputt, ist ja nicht zu fassen. Zweite Bewegung: Häme und Schadenfreude. Dritte: Hoffnung – wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Viertens: Angst und Sorge – um Gottes Willen, was passiert, wenn Russland ins Chaos stürzt?

Nichts zeigt die Unbedachtheit der westlichen Politik in diesem Krieg besser als die Ratlosigkeit, mit welcher unsere Regierungschefs der Möglichkeit gegenüberstanden, dass die Schalthebel der russischen Atommacht in die private Regie eines Schwerverbrechers übergehen könnten. Der Westen wünscht sich Putin weg und tut alles, um seinen Abgang zu beschleunigen. Aber man hat keinen Plan davon, was danach sein wird. Ob rivalisierende Banden, tschetschenische Gewalttäter und mafiöse Oligarchen im Klein- oder gar im offenen Bürgerkrieg um die Macht in diesem Riesenreich streiten – egal. Hauptsache, Russland verschwindet als die dritte Macht neben den USA und China, öffnet sich dabei aber für westliche Investoren. Während jeder Unbeteiligte, der bis drei zählen kann, voller Sorge über solche Entwicklungen nachdenkt, überschlägt sich die offizielle Politik der Herren Biden und Blinken, Sunak und Scholz vor lauter Frivolität angesichts der Vorstellung, in Russland ein Machtvakuum zu generieren. Wie wenn dieses nicht in Sekundenschnelle alle möglichen Kräfte anziehen würde, die sehr schnell unkontrollierbar würden.

Ein Abbild dieses stupiden Frohlockens geben unsere Medien des Mainstreams. Zwei Beispiele:

Für die NZZ sind zwar noch einige Fragen offen; dennoch wurde bereits am Tage nach der Nacht-und-Nebel-Aktion Prigoschins ein finales Fazit gezogen. «Putin ist der eigentliche Verlierer», hiess es diskussionslos. Und mit zwei Tagen Abstand: «Jetzt hat die Welt gesehen, wie schwach der Machtmensch Putin zu Hause in Wirklichkeit ist – das wird den Niedergang Russlands auf der internationalen Bühne noch beschleunigen.» In dieselbe Trompete stiess die Süddeutsche Zeitung: «Der Ukraine verschafft die Demütigung der russischen Armee einen psychologischen, aber auch einen militärischen Vorteil. Er könnte verstärkt werden, wenn die westlichen Unterstützer bei der Bewaffnung noch einmal nachlegen.»

Putin als Verlierer, Demütigung der russischen Armee – bitte was? Die gesamte russische Nomenklatur stand geschlossen an der Seite Putins. Kein einziger General, kein Minister und kein Chefbeamter, der von ihm abgefallen wäre. Und die Russinnen und Russen gaben deutlich zu verstehen, dass sie das Chaos nicht im Mindesten als Alternative zu Putin anschauen, im Gegenteil. Abgehauen in Privatjets sind einzig ein paar Oligarchen, die um ihre Milliarden fürchteten. Ein unbestrittener Fachexperte, der Osteuropa-Historiker Prof. Jeronim Perovic (Universität Zürich), den die Tamedia-Blätter im Interview zu Wort kommen liessen, lässt keinen Zweifel aufkommen, was von dieser phantasielos-öden Herbeischreiberei des westlichen Siegs zu halten ist. Dass Putin geschwächt sei, sei reines «westliches Wunschdenken.»

Die Reaktionen der USA, der NATO und der EU auf die Episode um Prigoschin sind nichts als der finale Beweis für die Verantwortungslosigkeit, mit welcher der Krieg von dieser Seite der genährt wird, mit immer gewaltigeren, immer intelligenteren und immer offensiveren Waffen. Der Steuerzahler der westlichen Welt wird dafür aufkommen. Um ihn bei Laune zu halten, wird ihm das ewige Eiapopeia von Demokratie und Menschenrechten vorgesungen und ein baldiger Untergang Putins angekündigt.

Statt einer kritischen Beurteilung aller Probleme, die dieser Krieg aufwirft, wird auch die Episode Prigoschin zur blindwütigen Kriegstreiberei genutzt. Der Westen soll, gemäss der Süddeutschen Zeitung, bei der Bewaffnung der Ukraine bitte «noch einmal nachlegen». Ja, es stimmt, heisst es dort, Putins Niedergang birgt Risiken, «aber für die Welt liegt darin eine grosse Chance.» Also nichts Neues im Westen, immer feste druff. Gehen wir halt die Risiken ein, es ist eine grosse Chance. Fragt sich nur, für wen. Wenn dann alles kaputt ist, können wir immer noch weiter schauen.


Liebe Leserin, lieber Leser Mit dem vorliegenden Text verabschiede ich mich in die Sommerpause. Ab Mitte August können Sie mich wieder regelmässig lesen. Ich wünsche – aller Unbill des Weltenlaufs zum Trotz – Ihnen allen erholsame Sommerwochen. Reinhard Straumann


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