Von Tier- und Menschenhaltung

Mit wachsendem Abstand zur Akutphase der Corona-Krise schärft sich unser Blick auf gesellschaftliche Missstände, die wir ohne Corona nie so wahrgenommen hätten, wie das jetzt möglich wird. Genötigt durch die gebotenen Vorsichtsmassnahmen haben wir aktuell die Chance, den Alltag zu hinterfragen. Die Liste der vertrauten Lebensumstände, die dringlich neu zu beurteilen wären, ist lang; sie reicht von der unzu-reichenden Anerkennung der Leistungen des Pflegepersonals in Spitälern und Altersheimen bis hin zum strukturellen Rassismus in den USA und anderswo.

Im Folgenden ist von der Produktion von Fleisch in der EU die Rede. Es handelt sich um einen Bereich unserer Lebensmittelindustrie, in den wir dank der Berichterstattung Einblick erhalten haben, welche die coronabedingte Schliessung von Schlachtereien in Deutschland mit sich brachte. Es ist zwingend, auch in der Schweiz davon Kenntnis zu nehmen. Zum einen deshalb, weil seit der laufenden Woche der Einkaufs-tourismus vieler Eidgenossen in die baden-württembergische Nachbarschaft wieder freie Fahrt hat. Zum andern aber muss uns das kümmern, weil auch bei uns geschlachtet wird. Wir dürfen zwar hoffen, die Verhältnisse in der Schweiz seien nicht ganz so drastisch wie im Grossraum EU. Aber sollten sie auch nur halb so schlimm sein, dann handelte es sich um einen widerlichen, unerträglichen Skandal.

Über die Tierhaltung in den industriellen Produktionsstätten von Fleisch jeglicher Gattung, über die Ernährung der Schweine, Rinder und Hühner durch Knochenmehl mit Hormonzuschuss, über die Schlachtbedingungen und über die Appetitlichmachung des Fleisches mittels Lebensmittelfarbstoff ist zum Glück schon viel Aufklärungsarbeit geleistet worden. Was Corona aber neu an den Tag gebracht hat, ist nicht der Skandal der Tierhaltung, sondern jener der Menschenhaltung. Die Arbeiter, die sich an den Schweinefliessbändern und in den Kühlhäusern abmühen, sind Miteuropäer aus Bulgarien und Rumänien, die für ein Minimaleinkommen Knochenarbeit leisten, Wucher-Mietpreise für überbelegte Bruchbuden mit unerträglichen hygienischen Verhältnissen bezahlen und noch einen wesentlichen Teil ihres Hunger-lohnes nach Hause schicken. In Gütersloh sind jüngst innerhalb eines einzigen Schlachtbetriebes fast 700 Arbeiter mit dem Coronavirus infiziert worden, 7000 Menschen wurden in Quarantäne geschickt. Und das zum Zweck, dass ein Kilo Schweinekoteletts bei einem Discounter in Süddeutschland für 5 Euro zu haben ist (abgerufen am 19.6.2020). „Geiz ist geil“, lautet die Losung, die der Neoliberalismus salonfähig gemacht hat.

Über das vergangene Wochenende wurde viel demonstriert. Alle sind sich einig: Black lives matter. Schweizerische Grossverteiler nehmen die Mohrenköpfe aus den Regalen. Denkmäler von Schweizern des 18. und 19. Jahrhunderts werden in Mitleidenschaft gezogen, weil deren Biographien mit Sklavenhandel zu tun haben. Ohne das damals verursachte und durchlittene Unrecht verharmlosen zu wollen, kommt man nicht um die Feststellung herum, dass es aktuellere Beispiele gäbe, unsern Protest gegen Sklaverei zum Ausdruck zu bringen. Das Schicksal, das bulgarische und rumänische Arbeiter in mitteleuropäischen Schlachthäusern erleiden, ähnelt in zu vielem den armen Schweinen, die sie ausnehmen. Ist das der Sinn von Europa?

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