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Unter den Talaren

Ein halbes Jahrtausend ist es her, als es an einem windigen Herbsttag heftig gegen die Eichentür der Schlosskirche zu Wittenberg pochte. Begehrte ein Verzweifelter Einlass in höchster Seelennot? Mitnichten. Ein extrem Verärgerter begehrte, Abstand zu nehmen von diesem Tempel der Bigotterie. Der Augustinermönch und Professor der Theologie Martin Luther hämmerte am 31. Oktober 1517, um seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel an die Tür zu pinnen und der Welt seinen Protest kundzutun. Bruder Martin sah sein Handeln als Warnung für seine Kirche – noch war es auch seine –, vom Weg der Verirrungen abzukommen und sich auf ihre Aufgaben zu besinnen.

Vergeblich. Die Renaissancepäpste zur Lutherzeit waren sich vollkommen bewusst, dass ihr Verhalten die Kirche spalten und die halbe Herde abspringen könnte. Aber da ihnen die Hälfte ihrer Pfründen allemal lieber war als das ganze Imperium ohne den materiellen Segen, den sie über Jahrhunderte abgeschöpft hatten, fuhren sie fort, die Gläubigen anzuschwindeln. Wenn der Taler im Kasten klingt, im Hui die Seel im Himmel springt. Es kam, wie es kommen musste.

500 Jahre später und angesichts von allem, was der Missbrauchsskandal um Joseph Ratzinger, damaligem Erzbischof in München, heute ans Licht bringt, stellen wir fest: Aus Rom nichts Neues. Unveränderlich ist die Schamlosigkeit, mit der die Kurie ihre Schäflein hinters Licht führt, eine Konstante sind die mafiösen Verstrickungen der Vatikanbank, und geradezu in Stein gemeisselt ist die einsichtslose Sturheit, mit der die Päpste ihr Deutungsmonopol der göttlichen Sendung zum Eigennutz verwenden.

Der Umstand, dass in irgendwelchen Konzilien der grauen Vorzeit eine Handvoll Machtmenschen das Weihesakrament erfunden hat, das bis heute die (Ein-)Geweihten quasi online mit Jesus Christus, dem Heiligen Geist und allen Märtyrern vergangener Jahrhunderte vernetzt, führte im Laufe der Jahrhunderte zu einer absurden Verwechslung. Aller irdischen Sphären entrückt, glaubten die Prälaten nach und nach tatsächlich, Gott habe sie in ihre Ämter und Würden eingesetzt. Das Gegenteil ist der Fall: Sie haben ihren Gott erfunden, damit sie aus der Naivität der Gläubigen maximalen Profit ziehen können.

Der Entrückteste von allen ist der Papst, der gottgleich auf dem Stellvertreterthron Platz nimmt. Joseph Ratzinger, Pontifex maximus a.D., führt uns diese Verirrungen exemplarisch vor. Geradezu verladen in seiner Selbstbeweihräucherung flüchtet er sich in der Frage, ob er Priester, die sich sexuell an Kindern vergingen, weiterhin auf Kinder losliess, in Lügenkonstrukte und wieder aus ihnen heraus. Immer gerade so, wie es die aktuelle Beweislage opportun erscheinen lässt. Mit nach oben abdriftendem Blick bekennt er übergrosse Schuld, aber Verantwortung gegenüber den Opfern übernimmt er keine. Denn Zerknirschungsrhetorik (schönes neues Wort, NZZ sei Dank!) ist etwas anderes als Verantwortung. Diese wäre nämlich mit Haftung verbunden, und das wiederum hiesse: Entschädigungszahlungen und strafrechtliche Verfahren nach bürgerlichem, nicht nach kanonischem Recht. Deshalb ist Ratzingers (und Konsorten) Geschwafel vom höchsten Richter nichts anderes als ein fauler Trick, sich aus der Verantwortung zu stehlen.

Wahrhaft pitoyabel an der ganzen Sache ist jedoch, dass unsere Gesellschaft höchsten Bedarf an einer valablen Kirche hätte. An einer Kirche, die sich mit Ernsthaftigkeit der Probleme der Menschen annähme. Eine Kirche, die – angesichts unseres materiellen Götzenkultes – glaubhaft immaterielle Werte vertreten würde. Eine Kirche, die idealistisch wäre, indem sie sich nicht von der Realität ab-, sondern ihr zuwenden würde. Eine Kirche, in der die Frauen die gleichen Rechte hätten wie die Männer und in der Priester und Priesterinnen einvernehmliche Sexualität leben dürften wie unsereins. Eine Kirche, die mit dem Leben im Diesseits etwas zu tun hätte statt mit der Vertröstung aufs Jenseits. Eine Kirche, in der sich auch die hohe Theologie kein Bildnis machen dürfte, statt sich einen Gott nach dem Bedarf der Päpste, Kardinäle, Bischöfe, Inquisitionen und Glaubenskongregationen zusammen zu pappen. Eine Kirche, in der das Gebot der Nächstenliebe gelebt und die Bergpredigt etwas gelten würde. Kurz: Eine Kirche, die in allem das Gegenteil von dem wäre, was sie heute ist.

Leider wird sie das nie sein. Denn die absolute Beratungsresistenz gehört zur römischen Kurie wie das Amen nach der Messe. Vor 500 Jahren hat sie die Hälfte der westlichen Christenheit an die Reformation verloren, obschon sie gewarnt war. Heute sieht sie zu, wie der Absprung kontinuierlich, aber unaufhaltsam voranschreitet. Keinen der Päpste seit Johannes XXIII. schien es zu kümmern (mit Ausnahme von Johannes Paul I., der nach einem Pontifikat von einem Monat aus ungeklärten Gründen verstarb). In der Parallelwelt, die die katholische Kirche bewirtschaftet, werden die Armen im Geiste mit dem Himmelreich der Hoffnung abgespiesen. Eine solche Kirche ist eine Schande vor allen Gläubigen und ein Hohn auf die verbliebenen Gutmeinenden, die sich Mühe geben, an der Basis sinnvoll zu arbeiten.

Als unveränderbares Zeichen der Sturheit hat, 1870 zum Höhepunkt des Kulturkampfs, das Erste vatikanische Konzil dem Papst das Kainsmal der Unfehlbarkeit auf die Stirne gebrannt. Wie wenn es dessen noch bedurft hätte. Wir haben auch so verstanden. Unter den Talaren – Mief von tausend Jahren, hat ein gewitzter 68er-Sponty einst an eine Kirchenwand getextet. Da hilft kein Lüften. Hier kann sich jeder, der Kirchensteuern zahlt, nur selbst helfen, indem er prüft, ob er dieses System noch mittragen will.

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