Sonntagsbraten
- Reinhard Straumann

- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 7 Stunden
In Max Frischs Theaterstück «Biedermann und die Brandstifter» spricht der eine der beiden Brandstifter ein wahres Wort gelassen aus: «Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität. Die beste und sicherste Tarnung aber ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand.» Das Internet hat sich diese Einsicht zu Nutze gemacht. Wer lesen, auswählen und dazu noch interpretieren kann, erfährt alles, was er nie hätte wissen dürfen. Beispielsweise, man staune, über die Europa-Verkaufszahlen der britischen Nobelkarosse Bentley. (Zwar gehört Bentley seit 1998 zum VW-Konzern, doch bleibt die britische Tradition der technischen Handwerkskunst, der Holz- und Lederverarbeitung unbestrittenes Markenzeichen.)
Bentley hat, Noblesse oblige, im Laufe des Frühlings in Marbella seine Verkaufsstatistik für 2025 veröffentlicht. Aus ihr geht hervor, dass in diesen drei Städten am meisten Bentleys verkauft wurden: Padua (Norditalien, eine der potentesten Wirtschaftsregionen Europas), Rotterdam (Diamantenhandel, Reedereien und Öl-Raffinerien) und – Überraschung! – Kiew.
Oder ist Kiew in der genannten Dreieinigkeit doch keine Überraschung? In Kiew macht Europas Personal den Haushalt: Man wäscht (Geld… wie nirgendwo sonst) und man betreibt die gewaltigste Küche, nämlich die Korruptionsküche. Richard Leopold, Regional Director bei Bentley, der die Zahlen präsentierte, führte aus – es wäre nicht nötig gewesen… – dass sich der Markt für Luxusautos in der Ukraine in den letzten Jahren verdoppelt habe. Ach ja? Und dass der durchschnittliche Preis für einen Bentley, der über den Ladentisch geht, mit ca. 400'000 Euro um einen Viertel höher liegt als der Durchschnittspreis im übrigen Europa. Wie der Herr, so’s Gscherr… Die hohen Staatsbeamten machen es vor und der Autohändler zieht nach. Korruption bildet. Gipfel des Zynismus ist dabei, dass Bentley Kiew innerhalb der Vergabe der Bentley-Awards für den Bereich Marketing besonders ausgezeichnet wurde.
Wir haben an dieser Stelle mehrfach die Frage aufgeworfen, wofür der neueste EU-Kredit (von 90 Milliarden) verwendet werden soll, der vor kurzem (nach den eingeforderten Retouchen in Budapest, wo bisher der Blockierer Orban am Ruder sass) in Brüssel verabschiedet wurde. Die EU sagt: Zwei Drittel für Rüstung und militärische Ausgaben, ein Drittel für den Staatshaushalt (Löhne, Gehälter, Instandsetzung der zerstörten Infrastruktur). Die Vergabe sei überdies an feste Bedingungen geknüpft und an Kontrollmechanismen der Korruptionsbekämpfung. Das soll wohl beruhigen. Jetzt werden die Bentley-Verkaufszahlen in Kiew bald in sich zusammenstürzen.
Jetzt wissen wir also, wohin unser Geld fliesst. Ja: auch unseres. Oder glaubt jemand, dass schweizerisches Geld in Kiew einer besonderen Schonung unterliege und dass nur EU-Geld in Bentleys verwandelt würde?
Ein Blick auf den Zählerstand der kumulierten EU-Unterstützung für die Ukraine seit Februar 2022, als der Krieg begann, zeigt: 200 Milliarden Euro. Wieviel davon fliesst in die Korruption? Selbstverständlich gibt es keine Zahlen (man stelle sich vor…!). Immerhin ist interessant zu erfahren, dass im Bereich von Rüstung generell fünf Prozent als quasi normal gelten. Diesen Wert strebt Frau von der Leyen für die Ukraine an, ein Land, das – nach grossen Fortschritten! Bravo! – in der globalen Korruptionsrangliste aktuell Rang 104 belegt. Viel Glück mit den fünf Prozent! Wir multiplizieren diesen Wert getrost mit sich selbst und kommen so geschätzt auf einen Viertel der gesamten Kreditsumme, also auf einen kumulierten Betrag von 50 Milliarden Euro. Tja… Bentleys sind nun mal teuer, besonders in Kiew. Und der Immobilienmarkt in London und auf den Bahamas und all die Luxusjachten sind es auch.
Mit wieviel Geld alimentiert der einzelne EU-Bürger die Bentleys (etc.)? Der Wert ist abhängig von den Leistungen seines jeweiligen Staates. Klar, dass Deutschland obenaus schwingt: Zählt man das Geld, das Deutschland bilateral bezahlt (hat) und die EU-Beiträge zusammen, dann sind es pro Kopf 1140 Euro. Ein Viertel davon verwandelt sich also in Bentleys… Frankreich und Italien sind etwas günstiger, dort handelt es sich nur um Beträge von 660 respektive 630 Euro. Günstig! Und in Grossbritannien, wo – als Nicht-EU-Staat – nur bilaterale Beträge anfallen, sind es noch 380 Euro (ein Hinweis darauf, was dem Schweizer Bürger in etwa bevorstehen könnte).
Weshalb, um alles in der Welt, lassen wir das mit uns machen? Um Demokratie und Menschenrechte in diesem Korruptionsloch zu installieren? Nichts interessiert die EU weniger (sonst würde dies auch in Palästina und im Libanon interessieren). Um einen Aggressor nicht ungestraft davonkommen zu lassen? Siehe oben (sonst würde es auch im Iran interessieren). Weil wir Angst haben, dass uns der böse Russe überfallen würde, sollten wir in unserer Rüstungs- und Korruptionsfinanzierung auch nur ein Mü nachlassen? Schwachsinn. Russland verfügt nicht ansatzweise über die demografischen und militärischen Mittel, die NATO anzugreifen. Diese weiss das und lügt, dass sich die Balken biegen.
Alle Narrative werden nicht wahrer, wie oft sie auch wiederholt werden (aber leider werden sie von den Menschen durch die unablässige Repetition allmählich internalisiert und in den Glaubensinhalt aufgenommen). Tatsache ist, dass – wie neulich Trump durch Netanjahu – sich die EU mit ihren damaligen Regierungschefs von der Leyen, Scholz, Macron, Rutte, Tusk etc. aus Angst, den transatlantischen Schutzschild zu verlieren (Angst vor wem?), von Old Joe Biden völlig planlos in das Chaos eines Krieges hat hineinreissen lassen, ohne Plan, wie man daraus wieder hinauskommen könnte. Für Biden mag das Ziel, Russland zu schwächen, vordergründig noch Sinn gemacht haben. Aber für die Europäer? Man hat die Abhängigkeit von Russlands Energie durch die Abhängigkeit von amerikanischer Energie ersetzt, die dreimal teurer ist, und sieht sich jetzt zusätzlich dem Problem ausgesetzt, dass der Biden-Nachfolger Trump jedes Interesse an diesem Krieg verloren hat und die Europäer vor sich hertreibt. Jetzt, wo man nicht mehr aus noch ein weiss, muss man alles aus eigener Kasse bezahlen.
In der Not ist man mit BlackRock einen teuflischen Handel eingegangen, den weltgrössten Investor, der die Vorkasse leistet, und haftet mit ungedeckten Blanko-Schecks. Das ist die nächste Abhängigkeit, und es könnte sich als die fatalste erweisen. Einzige hinterlegte Sicherheit sind die europäischen Steuerzahler. Die lassen sich ausquetschen. Aber einmal werden auch sie bemerken, dass ihnen der Sonntagsbraten näher liegt als die Konten der BlackRock-Shareholder.
Kommentare