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Der ewige Todfeind

Da fällt mir gerade ein: Den Ukraine-Krieg gibt es ja auch noch. Fast hätten wir ihn vergessen. Ganz im Unterschied zu Donald Trump, der ihn offenbar komplett vergessen hat, wie er so im Windschatten von Iran, Mittlerem Osten und der Ölkrise daher trudelt. Aber die Wahlen in Ungarn haben ihn in unser Bewusstsein zurückgerufen: Magyar Péter – obschon seiner ganzen Natur nach nichts anderes als Orban Victor reloaded – hatte sich ja verpflichtet, im Falle seines Wahlsieges die ungarische Blockade gegen die Vergabe des 90-Milliarden-Kredits der EU an die Ukraine aufzuheben. Ein bisschen Dankbarkeit für die Unterstützung während des Wahlkampfs darf ja schon sein. Magyar, der noch gar nicht im Amt ist, hat Wort gehalten. Orban hat sich nicht einmal mehr in Brüssel blicken lassen. Was auch nicht nötig ist, denn die Absprachen zwischen dem alten und dem neuen Ministerpräsidenten an der Donau haben ja schon vor dem Wahltag bestens geklappt.

Jetzt ist er also unter Dach und Fach, dieser Kredit. 90 Milliarden Euro – wofür? Für gar nix, wie man vermuten könnte? Keineswegs. 90 Milliarden, die mit Sicherheit nie zurückbezahlt werden, kostet im gegebenen Fall ein Narrativ. Nämlich das Lieblingsnarrativ der von der Leyen, Rutte, Merz, Pistorius, Macron, Starmer, Tusk etc. etc., das uns seit vier Jahren unablässig über eine Endlosschleife eingetrichtert wird, sodass man schon eines gerüttelten Masses an Resilienz bedarf, um nicht darauf hereinzufallen: Der böse Russe, unser ewiger Feind (sagt der deutsche Aussenminister Wadephul), sei quasi auf dem Sprung, uns – den Westen – anzugreifen. In zwei Jahren steht er in Warschau, in drei Jahren in Berlin. Ergo müssen wir kriegsbereit sein. Die Bundeswehr will (darf man schreiben: wieder einmal?) die stärkste Armee Europas werden, im Bedarfsfall 460'000 Mann (inklusive Reservisten) mobilisieren können. Der Westen werde quasi im Donbass verteidigt (wie weiland am Jangtse Kiang oder am Hindukusch, man erinnert sich mit Schrecken). Die 90 Milliarden sind also eine unvermeidliche, gewinnbringende Investition.  

So ein Schwachsinn. Abgesehen von der Tatsache, dass im ukrainischen Korruptionssumpf bereits x-Milliarden irgendwie und -wo einfach versickert sind (um in der Form von Immobilienparks in London oder von Hundert-Millionen-Jachten wieder aufzutauchen), ganz abgesehen von dieser nicht zu beschönigenden Wahrheit trifft es schlicht und einfach nicht zu, dass Russland den Westen angreifen will. Nämlich aus dem einfachen Grund, dass diesseits und jenseits des Urals dazu alle Möglichkeiten fehlen. In Anlehnung an Emanuel Todd, den klugen französischen Historiker, der bereits 1976 den Untergang der Sowjetunion vorausgesagt hat (!) – nämlich aufgrund der Kindersterblichkeit in der UdSSR –, habe ich das Experiment unternommen, eine Chatbot um Auskunft über die Frage zu bitten, ob das heutige Russland sich aufgrund seiner demografischen Voraussetzungen einen Krieg gegen den Westen überhaupt erlauben könne.

Folgendes liess mich KI (die durchaus an pro-westlichen Informationen trainiert wurde) wissen: Russland ist bis circa 2030 militärisch noch handlungsfähig, dann aber wird es aufgrund der demografischen Krise schwierig. Mit einem Krieg gegen die NATO würde sich Russland «das eigene Grab» schaufeln. Die Geburtenentwicklung hat wohl noch eine wehrfähige Generation von heute 25- bis 35-Jährigen hervorgebracht, aber dann kam die russische Variante des Pillenknicks. Heute liegt die Geburtenrate bei 1,4 Kindern pro Russin – 2,1 wären nötig, um die Bevölkerung zu erhalten. Der Kreml selbst spricht von einer «Katastrophe für die Zukunft der Nation».

Bei einer Gesamtbevölkerung von 140 Millionen Menschen (für dieses Riesenreich!) würde ein Krieg gegen die NATO die demografischen Probleme Russlands dramatisch verschlimmern. Bereits heute leidet die russische Wirtschaft unter einem drastischen Mangel an zivilen Fachkräften, da Hunderttausende entweder im Ukraine-Krieg gefallen sind, in der Rüstungsindustrie arbeiten oder aus dem Land emigriert sind. Im Falle eines Kriegs gegen ein NATO-Land wäre die russische Industrie mausetot.

Natürlich wird im Westen damit argumentiert, dass Putin die Zeichen der Zeit erkannt habe und gerade deshalb jetzt einen Angriff forcieren müsse, solange die letzte kriegsfähige Generation noch einsatzbereit sei. Sagt die NATO heute, im Jahr 2026… vier Jahre vor 2030. Da müsste sich Putin aber sputen. Der russische Staatschef und sein Aussenminister Lawrow – die letzten europäischen Staatsmänner, denen (ohne ihr Freund sein) Rationalität zugebilligt werden darf – werden sich hüten, solche Dummheiten zu begehen. Dieses Privileg ist für ihre westlichen Kollegen reserviert.

«Fazit:», schreibt KI, «Russland könnte sich einen solchen Krieg menschlich leisten, indem es seine Zukunft verfeuert. Es wäre ein Pyrrhussieg. Selbst wenn Russland territoriale Gewinne erzielen würde, hätte es danach keine junge Generation mehr, um dieses Land zu verwalten, zu besiedeln oder wirtschaftlich am Leben zu erhalten. Der Preis für einen Angriff auf die NATO wäre die endgültige De-facto-Auflösung Russlands als lebensfähige moderne Industrienation innerhalb der nächsten zwei Generationen.»

KI steht mit ihrer Erkenntnis nicht alleine da. Der belgische Generalstabschef Frederik Vansina, der in Brüssel vor Ort ist, sagte kürzlich in einem Interview mit der belgischen Zeitung Le Soir, dass die EU die Ukraine dazu benütze, Zeit zu gewinnen. Sie möchte den Krieg bis 2030 fortsetzen, um sich auf eine militärische Konfrontation mit Russland vorzubereiten, auch wenn dannzumal mit keiner amerikanischen Unterstützung mehr zu rechnen sein sollte. „Wir haben dank des Blutes der Ukrainer noch einige Jahre“, sagt der General. Mit anderen Worten: Die EU will die Aufopferung der Ukraine fortsetzen (und ist sich darin offenbar mit dem ukrainischen Präsidenten Selenski einig, diesem Verfeurer seiner nationalen Jungmannschaft), bis man selbst wehrfähig ist. Was einschliesst: auch offensiv wehrfähig, denn dann wird Russland militärisch kaum mehr handlungsmächtig sein. Aber das darf natürlich niemand wissen. Wehrfähig müssen wir sein, weil uns der böse Russe bedroht, unser ewiger Todfeind.

 
 
 

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