Die 1002. Nacht
- Reinhard Straumann

- vor 26 Minuten
- 4 Min. Lesezeit
Scheherazade, die holde Haremsmaid, die nimmermüde während tausendundeiner Nacht Geschichte um Geschichte daherflunkert, um ihren frauenverachtenden Gebieter milde zu stimmen, müsste, wenn sie noch unter uns wäre, in ein betretendes Schweigen versinken angesichts von so viel Einfallsreichtum. Pentagon goes Hollywood. Was uns die vereinigten Traumfabriken letzte Woche auftischten, hätte selbst die erzählmächtigste Märchentante aus dem Orient (pardon: aus dem Mittleren Osten) nicht erfinden können. Da braucht es schon einen Märchenonkel. Er heisst Onkel Donald.
Folgendes wusste er einer staunenden Kinderschar zu erzählen: Ein US-Kampfflugzeug vom Typ F-15E wurde über dem Iran abgeschossen. (Dumm nur, dass der amerikanische Präsident zwei Tage zuvor in seiner landesweiten Rede noch behauptet hatte, der Iran verfüge über "keine Flugabwehrausrüstung" mehr. Sein Radar sei "zu 100 Prozent vernichtet".) So tönte es aus dem Weissen Haus via Truth social in die Welt [alle folgenden Trump-Zitate auf truthsocial.com/@realDonaldTrump…].
Aber offenbar entsprach diese Botschaft nicht ganz den Tatsachen. Der Pilot, ein "hoch angesehener Oberst" (Trump) vermochte sich mittels Schleudersitz aus dem Flugzeug zu katapultieren. Er kam, "ernsthaft verwundet", wieder zu Bodenkontakt im iranischen Bergland. Trotz seiner Blessuren erklomm er im Zagros-Hochland einen Gebirgskamm auf 2100 Metern Höhe und versteckte sich in einer Spalte oder Höhle. Er salbte seine Wunden und wartete. Er wusste: die Seinen, die keinen Mann verloren geben, würden ihn suchen und finden. Denn so lautet das Heldennarrativ, das die ruhmreichste aller Armeen, die seit 1945 Hunderte von Kriegen begonnen und verloren hat, am liebsten in die Öffentlichkeit trägt.
Und siehe da: Sie säumten nicht. Mit Hilfe ihrer Drohnen töteten die GIs im Umkreis von drei Kilometern vom Höhlenstandort alle Männer im wehrfähigen Alter, von denen angenommen wurde, dass sie für den verwundeten Soldaten eine Bedrohung darstellten. Um ihn zu repatriieren, scheute die Kameradenhilfe keine Mühe. Es gelang, einen "aufgegebenen Flughafen" zu beschlagnahmen, 200 Meilen tief im Feindesland (nämlich in der Nähe von Isfahan, wo sich, nebenbei bemerkt, auch das größte Atomforschungszentrum des Landes befindet). Sie landeten zwei militärische Transportflugzeuge auf diesem Flughafen im Rahmen einer Operation, die "Hunderte von Spezialeinheiten und Militärangehörige" umfasste. Unglücklicherweise blieben beide Flugzeuge vom Typ MC-130 "im Sand stecken", wo sie von eigenen Kräften zerstört wurden, "um zu verhindern, dass sie in iranische Hände fallen" würden. So weiss es Onkel Donald auf Truth social.
Drei neue Flugzeuge wurden eingesetzt, um die Kameraden zu retten. Tatsächlich berichteten iranische Videos von «schweren Zusammenstössen». Die Bilder zeigen auf dem Gelände eines «aufgegebenen Flughafens» in den Zagros-Bergen Trümmer von US-Flugzeugen und MH-6-Hubschrauberteile, noch immer rauchend und über das gesamte Areal verstreut. Was für ein Glück (hier machte der Märchenonkel eine kurze Pause… und das Publikum atmete auf), dass von Hunderten von Spezialeinheiten und Militärangehörigen nicht ein einziger Soldat verwundet oder getötet worden sei. Welch eine Fügung!
Dasselbe gilt im Weiteren auch für ein zweites US-Flugzeug, eine A-10 Warthog, das wundersamerweise ebenfalls abgeschossen wurde (denn das kann ja gar nicht sein…, wenn der Feind keinen Radar mehr hat), und zwar in der Nähe der Strasse von Hormus. Auch in diesem Fall wurde der Pilot offenbar "sicher gerettet".
Ist das nicht eine schöne Geschichte von schröcklichen Abenteuern, Heldenmut und westlichen Werten? Leider kennen wir den Namen des «hoch angesehenen Obersten» nicht, sodass die Gratulanten zum Rettungswunder vorerst zurückstehen müssen. Ein Foto des Helden existiert eben so wenig, ganz zu schweigen von einem Interview bei FOX, NBC oder ABC. Deshalb muss auch die öffentliche Würdigung mit Pauken und Trompeten und Anheftung der Tapferkeitsmedaille durch den Märchenonkel himself aussen vor bleiben. Zur Kenntnis genommen haben wir dagegen, dass die Zustimmungswerte für den Präsidenten leicht angestiegen sind. Und auch die Börse, die er vor sich hertreibt wie ein persischer Ziegenhirt seine Herde, zieht an. Nur von den Insider-Millionen für Trump und seinen Clan haben wir keine sichere Kunde; hier helfen nur Vermutungen.
Fassen wir also zusammen. Flugabwehrgeräte, die gar nicht existierten, schossen eine F-15 ab (und gleichentags eine A-10 Warthog). Ein schwer verwundeter Mann besteigt einen Berg auf 2100 Metern Höhe. Die USA kapern einen Flugplatz 200 Meilen tief im Iran, mit welchem sie im Krieg stehen, unmittelbar in der Nähe von dessen strategisch relevantesten Atomanlagen. Die USA setzen Hunderte von Soldaten ein und zwei Transportflugzeuge, die verloren gehen, aber niemandem wird auch nur ein Barthaar gekrümmt. Die amerikanischen Helikopter, die zurückbleiben, werden von eigenen Truppen zerstört. Die einzigen Bilder, die wir haben, sind iranische Videos, die tatsächlich schwere Zerstörungen zeigen.
Voilà! Hier hat Onkel Donald den Beweis, wie die USA die "überwältigende Luftdominanz und Überlegenheit unter dem iranischen Himmel erreicht» hätten. Etwas irritierend wirkt einzig der Umstand, dass die ganze Episode aus tausendundeiner Nacht nur passiert ist, weil der Iran trotzdem ein paar US-Kampfflugzeuge vom Himmel geholt hat. Scheherazade hatte wohl einen kurzen Aussetzer.
Aber einen positiven Punkt wollen wir dem Truthsocial-Märchen doch abgewinnen: den Umstand, dass mittlerweile der Hinterste und Letzte begriffen haben sollte, wie die US-Kriegsberichterstattung mit der Öffentlichkeit umgeht. Wir zweifeln keine Sekunde, dass sich Hollywood dieser Heldensaga annehmen wird. Dann haben wir die letzte Stufe des historischen Wahrheitsgewinns erreicht, das Märchen von der 1002. Nacht. Was tatsächlich mit dem armen Kerl passiert ist, der mit dem Schleudersitz im Zagros-Gebirge abspringen musste (sollte es ihn wirklich gegeben haben), wollen wir lieber gar nicht wissen.
Kommentare