Person, Frau, Mann, Kamera, TV

In seinem Stück „Die Physiker“ lässt Friedrich Dürrenmatt drei Vertreter ihres Wissenszweiges einander in einem Irrenhaus begegnen. Der eine, Möbius, hat sich dort installiert, weil ihm die Entdeckung der Weltformel geglückt ist, das System aller möglichen Erfindungen. Er weiss: Wenn das öffentlich wird, wenn es in die Hände der Militärs oder des Kommerzes fällt, dann ist die Welt verloren. Also nimmt er die ihm auferlegte Verantwortung wahr und zieht sich zurück ins Irrenhaus. Aber zu spät, die Sache ist schon durchgesickert. Der russische und der amerikanische Geheimdienst haben Wind bekommen und schicken je auch einen Physiker in die gleiche Klinik, Spione, Geistesverwandte und ideologische Gegner zugleich, damit sie Möbius seine Erfindung abluchsen. Möbius aber schafft es, den beiden Gegenspielern die ent-standene Pattsituation einsichtig zu machen und beide zu überzeugen, dass es nur einen Weg geben kann, die Welt zu retten: indem sie bei ihm im Irrenhaus bleiben, ihr Leben opfern, um die Menschheit zu retten. Leider ist das Opfer vergeblich. Die einzige Irre im Haus ist die Direktorin der Klinik, Frau Dr. Mathilde von Zahnd, die sämtliche Pläne Möbius‘ bereits kopiert hat. Eine Irre ist jetzt der mächtigste Mensch auf dem Planeten. Die Welt ist dieser Frau ausgeliefert.

Die Welt: ein Irrenhaus. Selten war so viel Prophetie in einem Stück Literatur wie in Dürrenmatts „Physikern“, entstanden im Jahr 1962, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges. Die Skepsis des Autors gegenüber der Lernfähigkeit der Welt bewahrheitete sich über den Moment hinaus, als der Menschheit kurzzeitig eine Chance zuwinkte, als Gorbatschow, von der einzig möglichen Vernunft geleitet, Ent-spannung verkündete und den Eisernen Vorhang hob. Einzige Bedingung: Die NATO darf nicht näher an Russland heranrücken und muss den Sicherheitsabstand respektieren, der damals in Form des Ostblocks bestand. Präsident Bush (Vater) sicherte es zu, hoch und heilig. Heute sind Polen, Tschechien und Ungarn NATO-Mitgliedstaaten und die Ukraine ist, exakt in dieser Sache, in einem Bürgerkrieg zerrissen. Der Irrsinn hat Methode. Die Schamloskapitalisten der Rüstungsindustrien aller Länder haben sich vereinigt, um der Menschheit die letzte Hoffnung zu nehmen.

Heute liegt die Verwaltung des Irrsinns bei einem Mann, der sich kürzlich einem Demenztest unterzog. Da wahrhaft Grund zur Sorge besteht, wäre das nichts anderes als klug. Aber dieser Mann verwechselt den Demenz- mit einem IQ-Test, dem er sich – gemäss eigener Aussage – unterzog, um vor der Welt mit seiner intellektuellen Potenz zu protzen. So kommt es, wenn einer alle halbwegs kritischen Geister vom Hof jagt und sich nur noch mit Hofschranzen umgibt, von denen keiner die Wahrheit zu sagen getraut. Donald Trump, die reale Mathilde von Zahnd unserer Zeit, bewegt sich in einer Filterblase, die ihn im Glauben lässt, er mache „America great again“. Einem Fernsehjournalisten schilderte er den Testvorgang so: Zunächst seien die Fragen relativ einfach gewesen, dann aber immer schwieriger geworden, aber er habe das dermassen gut gemeistert, dass die Ärzte ganz verblüfft gewesen seien. Zum Beispiel habe eine Aufgabe darin bestanden, fünf Begriffe zu memorieren und sie dann wiederzugeben; glückte das auch noch in der richtigen Reihenfolge, gab’s Bonuspunkte. Um dem Journalisten ein Beispiel zu geben, nannte Trump aus dem Stegreif fünf Begriffe, um seine geistige Fitness im Licht der Selbstbeweihräucherung erscheinen zu lasse. Und weil er gerade von Personen, Frauen, Männern, Kameras und TV umgeben war, kam ihm in den Sinn: „person, woman, man, camera, TV“. Er konnte die fünf wiederholen, und sogar richtig aufgereiht, man denke! Bonus! Und zehn Minuten später gelang es gleich noch einmal. Dazu seien die allerwenigsten in der Lage, aber für ihn war das kein Problem. Person, Frau, Mann, Kamera TV. „That’s amazing“, hätten die Ärzte gesagt, „how did you do that?“

Das fragen wir uns alle, mittlerweile seit bald vier Jahren. Mit vier weiteren Jahren rechnen zu müssen, käme einer Vision mit apokalyptischen Zügen gleich. Ob das Schlimmste angesichts der ungebremsten Eskalationen in den Konflikten mit China, Russland und im Nahen Osten noch vier weitere Jahre lang verhindert werden könnte, wird zunehmend fragwürdiger. Sollte es Joe Biden und der vitalen Kamala Harris gelingen, das Weisse Haus zu erobern, dann gäbe es zum ersten Mal einen Grund, dem Schicksal zu danken, das die Coronakrise über die Welt gebracht hat. Und dann wären dringendst tiefgreifende Reformen angesagt, solche, die verhindern, dass je wieder ein Irrer nach der Weltherrschaft greift. Dann müssen Reformen her, die nicht nur die USA betreffen würden, sondern direkt das Verhältnis von Demo-kratie und Kapitalismus. Solange sich ein System demokratisch nennen darf, in dem derjenige gewinnt, der am dreistesten lügt, der am meisten Wahlkampfgelder in die raffiniertesten Algorithmen investiert, die viele Menschen am schlauesten manipulieren, solange ist es nur eine Frage der Zeit, bis uns ein anderer egomanischer Grenzdementer terrorisiert.

Zu seinen „Physikern“ hat Dürrenmatt angemerkt: „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.“ Umgekehrt heisst das, dass wir das Schlimmst-mögliche verhindern können, wenn wir gedanklich vom Schlimmstmöglichen ausgehen. Das tun derzeit viele Menschen in Chicago und in Minneapolis, aber auch in Weissrussland, in Hongkong und in Beirut. Dass sie samt und sonders einfach als Plünderer diffamiert werden, um damit den Einsatz von Nationalgarden und anderen Spezialtruppen zu legitimieren, ist nichts als die billige Demagogie der Macht. Aber wir wissen, dass es Personen sind wie wir, Frauen, Männer, und dank der Kameras sehen wir alles, was passiert, am TV, ganz genau.

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