Mission accomplished

Aktualisiert: Sept 11


Eine überraschende Interpretation von 9/11 durch Rückblick auf den Putsch in Chile 1973. Interessante Parallelen eröffnen sich.



Die Geschichtsschreibung zum 11. September 2001 ist, Stand heute, abgeschlossen. 20 Jahre nach dem Angriff auf die Twin-Towers und das Pentagon gilt der offizielle Untersuchungsbericht[i]. Dass er zahlreiche gewichtige Fragen offenlässt, wird gemeinhin als Bestandteil der Sachlage akzeptiert. Mängel am Setting der Untersuchung oder an den Ergebnissen sind nicht opportun. Wer zweifelt, muss gewärtigen, als «Verschwörungstheoretiker» abgestempelt zu werden. Niemand will das. Kein Lehrstuhlinhaber für Zeitgeschichte wird sich an diesem Gegenstand die Finger verbrennen.

Auch der vorliegende Text tut das nicht. Einige Mängel des Berichts werden im Folgenden aufgegriffen, aber es werden keine alternative Thesen abgeleitet. Dennoch soll der Text einen neuen Blick auf das historische Geschehen ermöglichen, und zwar durch die Ausdehnung der Vorgeschichte um Jahrzehnte. Anlass dazu ist nichts als ein Zufall, nämlich die Wiederholung des Datums 9/11. Denn nicht nur Dienstag, 11. September 2001, hat die jüngere amerikanische Geschichte geprägt, sondern auch Dienstag, 11. September 1973. Wer nach Parallelen beider 9/11 sucht, stösst auf überraschende Ergebnisse.

Am 11. September 1973 wurde in Chile die sozialdemokratische Regierung von Salvador Allende durch einen Militärputsch ausradiert. Eine Junta unter General Pinochet usurpierte die Regierungsgewalt; der gewählte Präsident beging gleichentags Selbstmord. Der Staatsstreich kostete im Verlaufe von Monaten und Jahren 20'000 bis 30'000 Menschenleben. Drahtzieher hinter der Aktion waren das Aussen- und das Verteidigungsministerium der USA sowie die CIA, was von zwei unabhängigen Untersuchungen zweifelsfrei nachgewiesen wurde. Ein Sonderausschuss des Kongresses legte die amerikanische Mitwirkung am Putsch bereits 1975/76 offen[ii], und eine von Präsident Clinton 1999 angeordnete Untersuchung offenbarte die verdeckten Aktionen der CIA.


Chicago-Boys

Dem Putsch von 1973 liegt, nebst den Interessen amerikanischer Gesellschaften des Kupferbergbaus, eine ökonomische Theorie zugrunde, die an der Chicago School of Economics entwickelt wurde. Dort hatte sich durch Friedrich von Hayek und Milton Friedman seit den 1950er-Jahren das Zentrum für eine neoliberale Wirtschaftslehre herausgebildet, wo man radikal auf die Steuerungsfunktion des Marktes setzte und jegliche staatliche Einflussnahme auf die Ökonomie vehement ablehnte, von der Sozialhilfe bis zu den Zöllen. Opportun waren dagegen Steuersenkungen bis hin zu einer Flat-Tax, Zerschlagung von Gewerkschaften, Privatisierung des Bildungs- und des Gesundheitssystems. Alles, womit sich Geld verdienen lässt, sollte privaten Anbietern überlassen werden.

Die auf John Maynard Keynes zurückgehende Theorie des New Deal, einer aktiven Beschäftigungspolitik und einer auf die breite Masse ausgerichteten sozialen Wohlfahrt, dank welcher die USA einen Ausweg aus der Weltwirtschaftskrise gefunden hatten, war den grossen Konzernen der Nachkriegszeit ein Dorn im Auge; zu viele Regulierungen behinderten ihr Gewinnstreben. Friedman war die geeignete Figur, eine wirtschaftswissenschaftliche Theorie zu formulieren, die – in der Sprache der Mathematik scheinbar objektiv – den Beweis für die Überlegenheit des marktradikalen Wirtschaftsverständnisses führen sollte. Aber auf dem Weg durch die Parlamente war diese Theorie nicht umsetzbar. Deshalb stand von Anfang an fest, dass nur eine Revolution von oben das Experimentierfeld bereitstellen könnte, wofür nur ein Staat in Südamerika in Frage kam – dort, wo sich die USA stets als Kolonialmacht bedient hatten.

Die Lehre von Keynes hiess in der Dritten Welt «Developmentalismus». Ein abruptes Ende des Keynesianismus in den USA war unmöglich, das Ende des Developmentalismus in Südamerika dagegen realisierbar. Die CIA hatte sich seit dem Kriegsende bereits viel Routine angeeignet, mittels verdeckter Operationen gewaltsame Regierungsumbildungen herbeizuführen, wo dies amerikanischen Interessen diente. Der Ablauf war dabei immer derselbe: Amerikanische Unternehmungen, die in einem Schwellenland investiert hatten, fühlten sich durch Regierungen bedroht, die der kolonialistischen Ausbeutung nicht einfach tatenlos zusahen. Sofort gelangten die Konzerne durch ihre Lobbyisten an den Kongress und beklagten «amerikafeindliche Umtriebe». Auf Anweisung des Aussenministeriums reagierte die CIA in Form verdeckter Operationen (Iran 1953, Guatemala 1954, Brasilien 1964, Indonesien 1965). Die jeweilige Regierung sollte so destabilisiert werden, dass sie einen nächsten Wahlkampf nicht überlebte. Tat sie es dennoch, so drängten sich härtere Massnahmen auf.

Milton Friedman wurde in Chicago nicht müde, laut von einem neoliberalen «Reset» zu träumen: von der schockartigen Überrumpelung der Politik und der Volkswirtschaft eines Staates, um beides nach den marktradikalen Glaubenssätzen umkrempeln zu können. Sein Kollege Arnold Harberger – ein Österreicher, der in Chicago lehrte und mit einer Chilenin verheiratet war – konkretisierte die Idee und fasste Chile ins Auge. Er gewann die Ford-Foundation, das Aussenministerium und die CIA für seine Idee, eine Reihe von chilenischen Studenten mit Stipendien nach Chicago zu holen, sie zu Jüngern der neoliberalen Doktrin auszubilden und schliesslich nach Chile zurückzuschicken. Dort sollten sie Schlüsselpositionen in der Wirtschaft und Lehrstühle an den Universitäten übernehmen und Einfluss auf die Politik gewinnen.

Der erste Teil des Projekts verlief höchst erfolgreich. Über 100 «Chicago-Boys» wurden auf Neoliberalismus getrimmt und nach Santiago zurückgeschickt. Aber der zweite Teil scheiterte; es gelang den «Chicago-Boys» nicht, in Chile auf Wahlen Einfluss zu nehmen. Sogar während der Regierungszeit des rechtsbürgerlichen Eduardo Frei Montalva (1964 bis 1970) wurde die Verstaatlichung von Chiles wichtigstem Wirtschaftszweig vorangetrieben, dem Kupferbergbau. Den Chefetagen der amerikanischen und britischen Kupferkonzerne drohte das Ende der goldenen Zeiten. Seit 50 Jahren hatte man insgesamt 1 Milliarde Dollar investiert und dafür 7,2 Milliarden als Gewinn in die USA und nach Grossbritannien abgeführt. Würde der Sozialdemokrat Salvador Allende Präsident, der 1970 gegen den Christdemokraten Jorge Alessandri zur Wahl antrat, wäre die «Chilenisierung des Kupfers» nicht länger aufzuhalten. Die amerikanische ITT, der 70 Prozent der chilenischen Fernmeldegesellschaft gehörten, teilte diese Befürchtungen mit vielen weiteren US-Unternehmungen, die in ganz Südamerika weit über 5000 Tochtergesellschaften unterhielten. Chile war das geeignete Terrain, ein Exempel zu statuieren.

Amerikanische Konzerne waren sofort bereit, einen Propagandafeldzug gegen Allende zu finanzieren. Richard Nixon, 1970 Präsident geworden, begünstigte solche Umtriebe freudvoll. Aber es half nichts. Allende gewann die Volkswahl vom 4. September 1970 mit 36,3 Prozent der Stimmen, einem geringen Mehr von anderthalb Prozent gegenüber Alessandri. Angesichts der kleinen Differenz pokerte die CIA (zu) hoch. Man wollte die Armee gefügig machen, um die Bestätigung der Wahl in der Nationalversammlung in letzter Sekunde zu verhindern. Aber General René Schneider, den man entführte, blieb verfassungstreu und verweigerte den Putsch. Er wurde hinterrücks ermordet, nachweislich auf persönliche Anordnung von Aussenminister Henry Kissinger mit Waffen aus Beständen der CIA[iii]. Dieses Fiasko trieb die christlich-demokratischen Abgeordneten erst recht ins Lager Allendes. Er wurde mit 153 Stimmen (gegen 35 für Alessandri) gewählt und trat sein Amt am 3. November 1970 an.

Nixon tobte und begann einen Wirtschaftskrieg, der die chilenische Wirtschaft «schreien» lassen sollte. Bis 1973 wendete die CIA 13 Millionen Dollar auf, um in Chile eine Wirtschaftskrise zu erzeugen. Allende war gezwungen, Militärs in sein Kabinett aufzunehmen. Fortan ging ein Riss durch die Unidad Popular. Die CIA provozierte Streik um Streik, bis Allende die Mehrheit verlor. Strassenkämpfe rechtsextremer Gruppen gegen Kommunisten und Sozialisten prägten den Alltag in Santiago. Am 10. September beschloss Allende, mittels Plebiszits eine Vertrauensabstimmung in der Bevölkerung durchzuführen. Am Dienstag, 11. September 1973, kam ihm der Putsch von General Augusto Pinochet zuvor. Innert weniger Tage wurden Tausende Angehörige der Unidad Popular und Intellektuelle entführt, in Konzentrationslager gesteckt, gefoltert und ermordet.

Ein Jahr später hatte Pinochet alle wichtigen Ministerien und viele Schlüsselpositionen in der Wirtschaft mit Chicago-Boys besetzt. Harberger vermittelte im März 1975 einen Besuch Friedmans bei Pinochet, der ihm auf besonderen Wunsch und für ein Honorar von 30'000 Dollar[iv] eine Reihe von Massnahmen empfahl. Sie kulminierten in einem Punkt: Angesichts des Zustands der Wirtschaft und der galoppierenden Inflation sei nur eine «Schock-Behandlung» erfolgversprechend. Sofort erliessen die Chicago-Boys in ihren neuen Ämtern einen ganzen Katalog von härtesten Privatisierungs- und Deregulierungsbestimmungen. Handelshemmnisse wurden abgeschafft, der Finanzmarkt dereguliert, der Kapitalverkehr liberalisiert, das Gesundheits- und das Bildungswesen nach amerikanischem Vorbild privatisiert. Gewerkschaften wurden ausgeschaltet, der Kündigungsschutz und das Streikrecht ebenso abgeschafft wie der Mindestlohn. Nach dem politischen Schock kam jetzt der wirtschaftliche.

Die Folgen waren bestenfalls zwiespältig. Zwar begünstigte der Abbau der Zölle den Aussenhandel, vor allem aber die Importe und die ausländische Konkurrenz; schnell schrumpfte die chilenische Produktion. Die fixe Bindung des chilenischen Pesos an den Dollar führte zu einer Überbewertung der einheimischen Währung und zur Schädigung der Exportindustrie. Staatsunternehmen wurden weit unter Wert an private Investoren verschachert; amerikanische Konzerne profitierten. Die Unterstützung der «chilenischen» Wirtschaft erreichte Höchststände, allein 1976 flossen 290 Millionen Dollar von Washington nach Santiago[v] – und von dort zurück in die Taschen der amerikanischen Shareholder. Damit die Investoren weiterhin mit Krediten (weit unter Marktniveau…) bedient werden konnten, mussten die Banken vom Staat gestützt werden – womit Friedmans Lehre ins Absurde verdreht wurde. 1982 und 1983 wurden neun Banken vom Staat übernommen. «Chile’s way to socialism», spotteten die Kritiker im Ausland. Die Teilprivatisierung des Gesundheitswesens schnitt einen grossen Teil der Bevölkerung von der Gesundheitsfürsorge ab. Das System der Bildungsgutscheine entzog den öffentlichen Schulen die Mittel. Als sich in den frühen 1980er-Jahren eine schwere Rezession abzeichnete, brachten die ausländischen Investoren in Sicherheit, was nicht niet- und nagelfest war. Kapitalbeträge in Milliardenhöhe flossen ins Ausland ab – niemand weiss, wie viel, niemand weiss, wo sie gelandet sind. Angesichts der Inflation wurde die Staatsquote weiterhin gesenkt, vor allem im Bereich der Sozialausgaben, sodass die unteren Schichten bis hin zum Mittelstand mehr und mehr abstürzten. Nur der Wohlstand der obersten 20 Prozent schoss ins Kraut.

Mit der Krise war die ganze Übung für die amerikanischen Konzerne weitgehend abgeschlossen. Der Zugang zum Kupfer war sichergestellt, der Markt abgeschöpft. Der Strom amerikanischer Steuergelder, der seit 1973 via Santiago der amerikanischen Industrie zugeflossen war, versiegte. Das Interesse Amerikas an der Militärregierung in Santiago liess nach. Nach 16 Jahren Diktatur fanden 1989 wieder demokratische Wahlen stand. Pinochet setzte sich nach London ab und warf sich dort seiner Freundin Margreth Thatcher an den Hals, die ihrer Wirtschaft in Europa eine neoliberale Schockbehandlung nach friedman’schem Zuschnitt verordnet hatte.


Azubis im Pentagon

Als die Panzer am 11. September 1973 durch Santiago rollten, war Donald Rumsfeld 41 Jahre alt und im Amt eines Botschafters bei der NATO. Er konnte auf mehrere Karriereschritte in verschiedenen Verwaltungsabteilungen der Washingtoner Regierung zurückblicken. Nach seinem Studium an der Princeton University mit Abschluss in Politikwissenschaften hatte er drei Jahre lang in der Marine gedient und war Abgeordneter des Staates Illinois geworden. Sein Aufstieg beschleunigte sich in der Präsidentschaft von Richard Nixon; dieser erkannte im Emporkömmling einen Verwandten im Geiste und förderte ihn nach Kräften. Gerald Ford, Nixons Nachfolger nach «Watergate», berief Rumsfeld 1974 zum Stabschef und ein Jahr später zum Verteidigungsminister. Er übernahm sein Amt randvoll mit Plänen, die er einigen Seminaren bei Friedman in Chicago verdankte, den er geradezu vergötterte. Ehe er im Pentagon auf den Chefsessel rückte, vergass er nicht, seinen bisherigen Assistenten als Nachfolger für den Job eines Stabschefs zu empfehlen: Dick Cheney.

Cheney, neun Jahre jünger als Rumsfeld, blickte damals auf eine weniger linear verlaufene Karriere zurück. Seine Jugendzeit war geprägt von einigen Vorstrafen und einem in Yale wegen schlechter Leistungen abgebrochenen Studium. Er ging – wenn wir seinen Erinnerungen Glauben schenken – in sich und errang an der Universität von Wyoming einen Master in Politikwissenschaften. Unter Präsident Ford wurde er der jüngste Stabschef des Weissen Hauses überhaupt. Während der vierjährigen Präsidentschaft von George Bush (sen.) war er Verteidigungsminister und als solcher mitverantwortlich für den ersten Irak-Krieg.

Der Putsch in Chile 1973 war die erste und grösste verdeckte Aktion der CIA, die Rumsfeld und Cheney als gelehrige und skrupellose Schüler Nixons und Kissingers miterlebten und mitgestalteten. Friedmans Schock-Neoliberalismus – das war die Lektion, die die beiden Azubis im Pentagon aufnahmen, learning by doing. Dabei kam ihnen der zeitweilige Absprung in die Privatwirtschaft sehr zustatten. Sowohl Rumsfeld als auch Cheney hatten unter dem demokratischen Präsidenten Jimmy Carter (1977 bis 1981) kein Interesse an der Politik; sie wandten sich gutbezahlten Mandaten in der Industrie zu, wo ihre Beziehungen zum Aussen- und Verteidigungsministerium von einträglichstem Nutzen waren. Sie lernten die Klaviatur des Wechselspiels von öffentlichem Mandat, imperialer Aggression der USA, Vergabe von Aufträgen an private Unternehmungen und privater Bereicherung virtuos zu beherrschen.

Unter George Bush (sen.) kam Cheney als Verteidigungsminister zurück. Die Sicherheitspolitik in Kombination mit neoliberalen Reformen im Pentagon war sein Ding, der Schlüssel zum Big Business. Cheney hatte ein offenes Ohr für die Lobbyisten von Halliburton, eines internationalen Konzerns für technische Dienstleistungen aller Art. Kern von deren Interesse war das Logistics Civil Augmentation Program (LOGCAP), eine Regelungsgrundlage für die Vergabe von Infrastrukturprojekten an private Auftragnehmer, beispielsweise für die Verpflegung in den amerikanischen Militärbasen auf dem ganzen Globus oder für den Bau von Flughäfen und Gefängnissen. Cheney beauftragte die Anwaltskanzlei Kellog, Brown & Root (eine Tochterfirma von Halliburton…) mit einem Gutachten zur Frage, ob zukünftig alle Aufträge auch nur einer einzigen Unternehmung übertragen werden könnten. Das Gutachten beschied die Anfrage positiv, worauf Ausschreibungen im Wert mehrerer Milliarden erfolgten, woran 37 Firmen teilnahmen. Den Zuschlag erhielt – Überraschung! – Halliburton…

Rumsfeld arbeitete sich derweil ins Pharmabusiness ein. Bei G.D. Searle & Company wurde er Präsident des Verwaltungsrates, nachdem er sich durch die Streichung von 60 Prozent aller Arbeitsplätze und den Erwerb der Zulassung für den Süssstoff Aspartam verdient gemacht hatte. Bei Gilead Sciences Inc. betrieb er den Erwerb von Unternehmungen, die im Begriff waren, vielversprechende Patente auf den Markt zu bringen. Auf diese Weise verdienten sowohl die Firma als auch Rumsfeld persönlich viel Geld mit Aids und der Vogelgrippe.


Pax americana?

Und noch etwas Wesentliches geschah: Das Sowjetimperium brach zusammen, der Kalte Krieg war zu Ende. Es war eine Chance für die Menschheit, nicht aber für Rumsfeld und Cheney. Die alten Feindbilder, die man so erfolgreich bewirtschaftet hatte, waren weg. Was war zu tun? Rumsfeld und Cheney riefen eine Denkfabrik ins Leben, das «Project for the New American Century», die der Frage nachging, wie es gelingen könne, die amerikanische Hegemonie im 21. Jahrhundert zu sichern. Die ganze globalisierte Wirtschaft sollte einer Pax americana dienen.

Wobei… Pax…? Rumsfeld und Cheney hatten gelernt, dass für die Industrie nichts so einträglich ist wie Krieg oder zumindest dessen Vorbereitung. Und nichts begünstigt die Privatisierung des Kriegs so wie ein grosser politischer Schock, der in aller Regel nicht gewaltfrei zu haben ist.

Rumsfeld hatte als Sondergesandter der USA im Irak geweilt und Saddam Hussein persönlich kennengelernt. Gleichzeitig konzentrierte sich Cheney mit Halliburton mehr und mehr auf zwei Standbeine: Erstens darauf, im Falle von US-Auslandsinterventionen die Infrastruktur aufzubauen. Zum zweiten fokussierte sich Halliburton auf die Bedienung amerikanischer Interessen in Verbindung mit Erdöl. Was lag näher, als den mittleren Osten zur Kernregion des amerikanischen Jahrhunderts zu definieren? Was lag näher, als die islamistischen Taliban, die man in Afghanistan (gegen die Sowjetunion) und im Irak (gegen den Iran) aufgerüstet hatte, zum neuen Feindbild zu erheben? Ab jetzt war jegliche terroristische Aktivität der Gotteskrieger Wasser auf die Mühle von Cheney und Rumsfeld.

Rumsfeld ging mit Schwung daran, Teile der Streitkräfte an private Sicherheitsfirmen auszulagern. Am 10. September 2001 versammelte er seine Generäle im Pentagon, sagte dem Schlendrian der Bürokratie den Kampf an und kündigte Teilprivatisierungen an. Die Offiziere ärgerten sich über ihren Chef und die New York Times wunderte sich tags darauf in einer kurzen Mitteilung über das Briefing des Verteidigungsministers.

Aber an diesem Tag blieb dafür keine Aufmerksamkeit. Am frühen Vormittag des 11. September wurden vier Passagierjets amerikanischer Fluggesellschaften innert einer halben Stunde und innerhalb eines engen geografischen Raumes im Osten der USA von 19 jungen Männern saudiarabischer Herkunft entführt. Zwei Flugzeuge rasten innerhalb von 17 Minuten in die beiden Zwillingstürme des World Trade Centers in New York, die anderthalb Stunden später in sich zusammenstürzten und annähernd 3000 Menschen unter sich begruben. Ein drittes, ebenfalls monumentales Hochhaus, das Gebäude WTC-7, stürzte am späten Nachmittag ein, obwohl kein Flugzeug in diesen 186 Meter hohen Kasten geflogen war[vi]. Das dritte Flugzeug schlug eine halbe Stunde nach der ersten Attacke ins Pentagon bei Washington ein. Das vierte entführte Flugzeug kam, offenbar im Anflug auf das Kongressgebäude oder das Weisse Haus, 100 Kilometer östlich von Pittsburgh zum Absturz.

Der Untersuchungsbericht kann an der Geschichte von 9/11 zahlreiche Ungereimtheiten nicht ausräumen. Weshalb nahm die amerikanische Flugsicherung NORAD, die den bestgeschützten Luftraum der Welt kontrolliert, absolut keine Notiz von vier Flugzeugentführungen und erteilte erst um 10:30 Uhr, als die Türme und das Pentagon bereits in Schutt und Asche lagen, den Befehl, die Flugzeuge abzufangen? Weshalb stürzte WTC-7 ein, ohne dass ein Flugzeug in dieses Gebäude gestürzt war? Weshalb vermeldete eine BBC-Sprecherin im Laufe des Nachmittags, eben sei WTC-7 eingestürzt – während das Gebäude, von dem sie sprach, im Hintergrund noch aufrecht zu sehen war? Weshalb hat es bezüglich vieler Unternehmungen, die an jenem Tag zu Schaden kamen, in der Vorwoche eine dramatische Börsenhandels-Aktivität gegeben, wobei mittels Optionsaktien auf Verlust spekuliert wurde, sodass offenkundig ist, dass es ein Insiderwissen über die bevorstehenden Anschläge gegeben haben muss? Wer will uns weismachen, ein paar Börsengurus hätten über dieses Insiderwissen verfügt, nicht aber die CIA? Weshalb hat man nie aufgedeckt, wer von den Millionengewinnen (alle Optionen wurden eingelöst) profitiert hat? Weshalb hat man die Trümmer der Stahlskelette aller drei Türme entfernt, bevor die notwendigen statischen Untersuchungen vorgenommen werden konnten? Und weshalb weiss man bis heute nicht, wer den Befehl für diese überstürzte Räumung gegeben hat?

Der Untersuchungsbericht, für den der Kongress 600'000 Dollar bewilligte (für die Untersuchung der Clinton-Lewinsky-Affäre waren es 43 Millionen), beantwortet diese Fragen nicht oder nur unzureichend. Nur auf eine Frage ist die Antwort völlig klar: Auf die Frage, wer aus der ganzen Katastrophe einen Nutzen gezogen hat – es war einzig die Gruppe, die seit 1997 im «Project of the New American Century» versammelt war. Donald Rumsfeld, Dick Cheney, Paul Wolfowitz, Richard Perle… Inzwischen hatte sich dieser Kreis noch George W. Bush, den Jüngeren, ins Boot geholt und ihn auf den Präsidentenstuhl gehievt, obwohl dessen demokratischer Gegenkandidat Al Gore die Wahl gewonnen hatte.

Bushs erklärte Amerika, dass sich das Land von einer Stunde auf die andere im Krieg befand, im Krieg gegen den Terror. Dieser sei jetzt mit allen Konsequenzen zu führen nach diesem «zweiten Pearl Harbour». Weitere Anschläge im Inneren müssten verhindert und die terroristische Aussenwelt unterworfen werden, vorzugsweise im Irak. Denn dessen Eroberung war seit 1997 geplant. Jetzt war der Moment da, die Pläne von damals aus der Schublade zu holen und das Land in den friedman’schen Schockzustand zu versetzen. In rasender Schnelligkeit stellten Rumsfeld und Cheney das gleichentags Geschehene in den Zusammenhang dessen, was sie seit 1997 geplant hatten. Militärische Interventionen im Mittleren Osten sollten die Macht der USA in der Region auf Jahrzehnte hinaus sichern. Und gleichzeitig sollte den amerikanischen Konzernen Gelegenheit geboten werden, sich an den Pfründen des Irak gesund zu stossen.

Nur eine Panne gab es. Alle Bemühungen der CIA, das angestrebte Ziel mit 9/11 in Verbindung zu bringen, brachten nichts. Es liess sich beim besten Willen kein Zusammenhang zwischen Saddam Hussein und der Al-Qaida-Gruppe um Osama bin Laden konstruieren, die noch am Tag der Anschläge als Täterschaft ausgemacht wurde. Der Irak als Gegenstand eines militärischen Gegenschlags stand nicht zur Verfügung. Gut gelaunt bekannte Bush wörtlich: Okay, wenn wir den Irak nicht bombardieren können, dann bombardieren wir halt Afghanistan. Denn dort war Osama bin Laden untergetaucht. Der Krieg gegen den Irak, um den es von allem Anfang an gegangen war, musste aufgeschoben und anderweitig begründet werden.

Ein Jahr später war man soweit. Seit 2002 hämmerte man der westlichen Öffentlichkeit das Narrativ ins Bewusstsein, Saddam Hussein sei im Besitz von Massenvernichtungswaffen und daran, deren Bestände auszubauen. Bush schwafelte von der «Achse des Bösen», die mit dem Krieg gegen den Terror zerstört werden müsse. Die Begründung war nichts als Lug und Trug. Eine einschlägige Untersuchung der UNO verlief negativ. Das irritierte weder Bush und Konsorten noch Tony Blair in London, der den USA nibelungentreu zur Seite stand. Colin Powell, Aussenminister, präsentierte der UNO und der Welt einige Schaubilder, welche Beweis für die angebliche Anreicherung von Uran im Irak sein sollten – miserabel gemachte Fakes. Die gewünschte UNO-Resolution, die einen Krieg im Irak rechtfertigen sollte, kam nicht zustande. Bush, Rumsfeld und Cheney distanzierten sich vom «alten Europa» und setzten auf eine «Koalition der Willigen».

Am 20. März 2003 schlug diese zu. Unter der Führung der USA und Grossbritanniens wurde der Krieg gegen den Irak eröffnet mit einer gewaltigen Feuerwalze, deren psychologische Absicht weit über den militärischen Nutzen hinausging und nur eines bezweckte: Schock. Die Bevölkerung sollte auf einen Schlag mit so viel Gewalt terrorisiert werden, dass jeglicher Widerstand paralysiert würde. Gegenüber der westlichen Welt hielt man die Mär von den intelligenten Waffen hoch, um den Eindruck zu erwecken, die Kollateralschäden seien gering. In Tat und Wahrheit ging es darum, die Menschen zur Verzweiflung zu bringen, die Armee zu demütigen, die Wirtschaft zu zerstören, damit das ganze bemitleidenswerte Land für einen «Reset» nach friedman’schem Zuschnitt bereit stünde, für die alte Schock-Doktrin. Was Rumsfeld und Cheney als Lehrlinge in Chile in den Anfängen aufgeschnappt hatten, das setzte man jetzt im grossen Stil um. Was das an Leid für die Bevölkerung bedeutete, was das an Ressentiments schürte, was das für politische Konsequenzen in der ganzen Region zur Folge hatte, interessierte niemanden. Der Kollateralschaden überschritt nach Menschenleben die Millionengrenze. Nach uns die Sintflut.

Am 1. Mai 2001 erklärte Präsident Bush medienwirksam auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln die Kampfhandlungen für beendet: «Mission accomplished». Aber es sei noch viel harte Arbeit zu bewältigen. Er meinte die politische und wirtschaftliche Ausbeutung des geschundenen Staates, in dem kein Stein auf dem anderen geblieben war. Fünf Tage nach seiner Triumphrede schickte er Paul Bremer in den Irak, einen damals 60jährigen Bundesbeamten aus Connecticut, ebenfalls aus der Schule Friedman/Kissinger stammend. Seit 1966 für das Aussenministerium tätig, hatte auch er sich seine Sporen im Chile-Schock nach 1973 abverdient. Seit 2002 war er Berater des Präsidenten in Fragen der Inneren Sicherheit.

Jetzt war sie gekommen, die ganz grosse Stunde des neoliberalen Reset, auf die man zum zweiten Mal nach einem 9/11 hingearbeitet hatte. Jetzt winkte den Goldschürfern das El Dorado, auf das sie hingearbeitet hatten. Keine zwei Wochen brauchte Bremer im Irak, um eine Reihe von Verfügungen vorzubereiten und in Kraft zu setzen, welche die irakische Wirtschaft nach Friedmans Konzept von Grund auf überwarfen. Er privatisierte alle staatlichen Betriebe und verschacherte sie, weit unter Marktwert, an amerikanische Gesellschaften. Diesen erlaubte er vollständige Besitzrechte an irakischen Unternehmungen und die Abfuhr von im Irak erzielten Gewinnen in ihre Herkunftsländer zu 100 Prozent. Zölle wurden vollständig abgeschafft, irakische Banken für die Übernahme durch ausländisches Kapital geöffnet. Einzig an das Ölbusiness wagte man sich nicht heran. Die Baath-Partei von Saddam Hussein mit 50'000 Mitgliedern wurde ebenso verboten wie die Gewerkschaften. Das Streikrecht wurde ausser Kraft gesetzt, dafür ein neues Steuersystem mit degressivem Steuerfuss eingeführt. Die Armee wurde aufgelöst und ihre 450'000 Mitglieder auf die Strasse gestellt, wo sie innert kürzester Zeit zur Basis des Islamischen Staates wurden. Insgesamt wurden Millionen Iraker sozial deklassiert und in den religiösen Extremismus getrieben.

Bis Ende Juni 2004 war erledigt, was Bush als «Folgeaufgaben» bezeichnet hatte. Bremer und die Regierung Bush konnten einer irakischen Übergangsregierung des Szepter übergeben. Die Messe war gelesen. Die amerikanischen Konzerne waren wie ein Heuschreckenschwarm über den Irak hereingebrochen und hatten sich angeeignet, was nicht niet- und nagelfest war, inklusive der Aufbaukredite, die der amerikanische Kongress bewilligt hatte und die sogleich von Halliburton und Konsorten aufgesogen wurden und privatisiert in die USA zurückflossen. Bremer, der Mann fürs Grobe, konnte zurücktreten.

Rumsfeld folgte ihm zwei Jahre später. Bis zu seinem Tod im Juli 2021 wurden weder er noch Bush, Cheney oder Tony Blair je zur Verantwortung gezogen für ihre Kriegsverbrechen, ihre Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für die Aushebelung des Kriegsrechts, die Bewilligung der Folter und die Gutheissung der Vergewaltigung als Methode der nationalen Demütigung. George Bush (sen.) versuchte, seinen Sohn mit der Bemerkung aus der Schusslinie zu nehmen, er sei von Cheney und Rumsfeld schlecht beraten worden. Die gesamte Volkswirtschaft eines Landes zum Selbstbedienungsladen amerikanischer und britischer Interessen zu machen, hat sich diese Bande eine Million Menschenleben als Kollateralschaden kosten lassen – ohne den ideellen Schaden miteinzurechnen, der durch die Radikalisierung der Islamischen Welt seither geschehen ist und der weitere Katastrophen nach sich ziehen wird.

Rückblickend gesehen, war der 11. September 1973 der Auftakt für die exzessivste Phase der Selbstbereicherung der westlichen Welt an Staaten der Dritten Welt, angefangen mit dem Schwellenland Chile. Die Methode war die Herstellung eines Schockzustandes für ein ganzes Land, seine Menschen, seine Politik, seine Wirtschaft. Der 11. September 2001 liegt, was die terroristischen Attacken jenes Tages betrifft, im Dunkeln. In seinen Konsequenzen war aber der Irak-Krieg, um den es der US-Regierung von allem Anfang an ging, die Vollendung dessen, was die Entscheidungsträger in jungen Jahren am Beispiel Chiles gelernt hatten. Sie haben sich alle aus der Politik zurückgezogen, als abgeräumt war, was der Schock hatte hergeben können. Mission accomplished.


[i] «National Commission on Terrorist Attacks Upon the United States» (auch: «Kean-Hamilton-Commission») vom 21. August 2004. [ii] «Church-Committees», benannt nach dem demokratischen Senator Frank Church [iii] Vgl. Christopher Hitchen, The Trial of Henry Kissinger, Auszug im Guardian [https://www.theguardian.com/books/2001/feb/24/features.weekend] [iv] SPIEGEL 5.9.2003 [v] Eduardo Galeano, Sieben Jahre danach – Die offenen Adern Lateinamerikas, erweiterte Neuauflage, 1978 [vi] Eine Studie der Universität Fairbanks Alaska 2020 hat – nach Aussage ihrer Autoren – den Beweis erbracht, dass der Einsturz von WTC-7 nicht ein Kollateralschaden des Zusammenbruchs von WTC-1 und -2 gewesen sein konnte, sondern gesprengt wurde.

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