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Mein liebes Schweizervolk

Nun hat er also gesprochen: Wolodimir Selenskyj, Präsident der Ukraine, von einem grossen Screen herab zur Vereinigten Bundesversammlung. Der Präsident eines kriegführenden Landes vor dem Parlament eines neutralen Staates. Erst ganz wenigen ausländischen Staatschefs ist diese Ehre zuteil geworden, einem, der im Krieg steht, noch nie. Das Drumherum gab denn auch mehr zu reden als der Inhalt der siebenminütigen Botschaft, die kein Highlight war, weder der Rhetorik noch des Parlamentarismus noch der Demokratie. Und schon gar nicht der Neutralität. Das scherte die anwesenden Ständeräte und Nationalrätinnen gar nicht, die dem sich allsogleich Wegklickenden für seine ziemlich spärlichen Worte mit einer Standing Ovation dankten, berauscht weniger vom ausgebliebenem Feuerwerk als gerührt von der eigenen Solidarität, die sie eben kundgetan hatten. Etwas irritierend angesichts des da und dort aufblinkenden Augenwassers war nur, dass man es Tage zuvor verpasst hatte, ein grösseres Hilfspaket für die Ukraine zu schnüren – während man für den Panzerdeal (Rückverkauf von 25 Panzern an die deutsche Herstellerfirma) grünes Licht signalisierte. In der Tat dürften die dadurch ausgelösten Impulse für die Rüstungsindustrie einen deutlicheren Return on invest auslösen als A-fonds-perdu-Zahlungen für eine notleidende Bevölkerung. Möglicherweise hatten die Räte hier punktuellen Gefühlsüberschwang mit Hilfsbereitschaft verwechselt. Kann ja mal passieren. Dass der gelernte Schauspieler Selenskyj seine Rolle nicht mit mehr Herzblut spielte, sondern auffällig kühl blieb, dürfte damit zu tun haben.

Inhaltlich befasste sich Selenskyj schwergewichtig mit der Abgrenzung von Tätern und Opfern. Unbestritten recht hat er, wenn er auf die Opferrolle der Ukrainerinnen und Ukrainer hinweist, die, wir wissen es alle, unter einem völkerrechtswidrigen Angriff von Seiten Russlands zu leiden haben und seit sechzehn Monaten einem mörderischen, zerstörerischen Blutvergiessen ausgesetzt sind. Keine Frage, dass es nichts als Recht ist, wenn wir dafür unseren Beitrag an Hilfe leisten. Und ebenso recht hat Selenskyj, wenn er eine sich selbst gestellte Frage auch gleich selbst so beantwortet. "Mein liebes Schweizervolk", fragte er, "was ist die Seele aller Grundwerte, die wir teilen? Es ist der Frieden."

Ja, aber den gibt es nicht einfach so, und der ist auch mit noch mehr Waffen und noch mehr Sanktionen nicht zu kaufen. Denn wo Selenskyj definitiv nicht recht hat, ist in allen Auslassungen, die er seinem neutralen Publikum zumutet. Selenskyjs Sicht des Krieges beginnt mit dem 24. Februar 2022. Er unterschlägt – wie das die westlichen Mainstream-Medien systematisch tun – die Vorgeschichte (die wir dafür hier schon so oft aufgerollt haben, dass wir diesmal darauf verzichten können; weniger wahr und weniger relevant wird sie dadurch nicht). Und er unterschlägt, was seither aus diesem Krieg geworden ist. Es geht um grössere Kräftebewegungen als diejenigen, mit denen Selenskyj zu kämpfen hat.

Im Streben um die globale Hegemonie ist China der Haupt-Herausforderer der USA. Dem Kampf gegen China gelten alle Anstrengungen der westlichen Führungsmacht und alles Gezünsel, das sie in der Taiwan-Frage veranstaltet. Da kommt es wie gerufen, wenn es gelingt, den zweiten Widersacher – Russland – in einem Stellvertreterkrieg zu beschäftigen und zu zermürben, den ein Partner der USA freundlicherweise für sie austrägt.

Das bringt viele Vorteile:

Erstens. Indem die Ukrainer sich aufopfern, verliert kein einziger amerikanischer Soldat auch nur einen einzigen Tropfen Blut. Zweitens. Die USA unterstützen die Ukraine mit unendlichen Krediten für unendliche Waffenlieferungen. Diese laufen im einzelnen so ab, dass die Amis ihre nicht mehr ganz frischen Waffensysteme in die Ukraine liefern und die eigenen Arsenale stattdessen unter Verwendung der erwähnten Kredite auffrischen. Drittens. Da es gelingt, der restlichen Welt des Westens (vor allem der EU) das Narrativ vom Kampf für die Demokratie und Menschenrechte aufzuschwatzen, ist diese bereit, zum eigenen Schaden den Wirtschaftskrieg gegen Russland zu führen und beispielsweise teures, dreckiges US-Flüssiggas zu kaufen statt des relativ sauberen russischen Erdgases. Viertens. So ist es den USA gelungen, im Handel mit den Europäern China als deren wichtigsten Wirtschaftspartner wieder abzulösen. America first! Fünftens. Der Wiederaufbau der Ukraine wird zum Spielball amerikanischer Investoren. Die Wall Street kauft die ukrainischen Ruinen auf. Die Ukraine geht sukzessive in den Besitz von BlackRock und Konsorten über.

Kann man sich ein erfolgreicheres Geschäftsmodell vorstellen als das beschriebene? Und gibt es irgendjemanden, der jetzt noch fragt, weshalb der Krieg so lange dauert? Selenskyj hat recht: Man muss unterscheiden zwischen Tätern und Opfern. Die Ukraine ist das Opfer und die Täter müssen benannt werden: Russland, sicher. Aber nicht nur. Selenskyj, der in die Rolle eines Staatschefs geschlüpfte Schauspieler, weiss das ganz genau. Nebst dem, dass er ein Opfer Putins ist, hat er sich zusätzlich von Joe Biden, Boris Johnson etc. in eine Falle locken lassen, aus der er nicht mehr herausfindet. Er hat sich aufschwatzen lassen, dass die ganze Ukraine zu gewinnen sei, inklusive Donbass und Krim. Weil das unmöglich ist, findet der Krieg kein Ende. Und wenn Selenskyj die Bereitschaft zum Kompromiss erneuern würde (wozu er vor einem Jahr noch Ja gesagt hätte), würde er jetzt zum Opfer der fanatischen Nationalisten im eigenen Land. So dauert der Krieg an, fordert immer mehr Menschenleben, immer mehr Zerstörung, und generiert immer mehr Gewinn für die Waffenindustrie und die Investoren von der Wall Street.

Liebes Schweizervolk, ist das so schwer zu verstehen? Aber andererseits: Wie sollst Du es verstehen, wenn es nicht einmal deine Parlamentarier kapieren?

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