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Kein Tag danach

Es gab eine Zeit, da versuchten die Militärköpfe dieser Welt, durch verharmlosende Kapagnen die Schrecken eines möglichen Atomkrieges schönzureden. Es war die zweite Hälfte der 60er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Eben war die Menschheit (in der Kuba-Krise) um Haaresbreite an ihrer Selbstzerstörung vorbeigeschrammt, als die versammelte Rüstungslobby suggerierte, die atomare Abschreckung gehöre nun einmal in diese Welt und irgendwie werde es schon weitergehen, sollte irgendwo irgendwann eine Atombombe hoch gehen. In der Schweiz empfahl das «Zivilverteidigungsbüchlein» (1969) das Anlegen eines Notvorrats; die Kinder wurden instruiert, beim Atomschlag, sollte er während einer Schulstunde erfolgen, einfach den Kopf schützend unter den Pultdeckel zu halten.

Und dann gab es eine Zeit, als die Menschen genug hatten von diesem Schrott, der ihnen untergejubelt wurde, ungefähr 20 Jahre danach. Der Kalte Krieg hatte sich nach und nach erschöpft, Abrüstung lautete das Wort der Stunde, und viele Intellektuelle reflektierten laut und kritisch über die unendliche Fahrlässigkeit, mit welcher zuvor die möglichen Folgen eines Atomkriegs bagatellisiert worden waren. In den Kinos war der amerikanische Spielfilm «The Day after» zu sehen, der in Szene zu setzten versuchte, wie der Tag nach dem Einsatz von atomaren Interkontinentalraketen aussehen würde. Eindrücklich die Szene, in welcher der amerikanische Soldat, der die Rakete aus ihrem Bunker irgendwo im mittleren Westen ans Tageslicht befördert und dem Abschuss zugesehen hatte, sagte, er gehe jetzt nach Hause. Er wusste: Von dem Moment an, wo die Raketen in der Luft sind, ist die Sache gelaufen. Ein Entrinnen ist nicht mehr möglich. Unaufhaltsam würden jetzt Feuer, Zerstörung, Dunkelheit und Verstrahlung über die Erde kommen in einem apokalyptischen Ausmass, gegen das alle Bilder aus Mariupol, die uns derzeit schockieren, im Rang einer Kinderstunde wären.

Es wäre durchaus angebracht, diese Filmrolle aus dem Keller zu holen, abzustauben und auszustrahlen. Leider wird das nicht geschehen, denn heute ist wieder eine Zeit, die sich der ersten beschriebenen Phase annähert. Die Unreflektiertheit, mit der das Wort vom Atomkrieg derzeit herumgeboten wird, ist unfassbar. Wer Gelegenheit hat, in russische Fernsehprogramme hineinzuschauen, ist entsetzt über die schreiende Aggressivität, mit welcher der Einsatz von Atomwaffen (und nicht etwa sogenannt «taktischer» Sprengköpfe) gefordert wird. Bei uns hält man dagegen, indem wieder Notvorräte angelegt werden. Die deutsche Innenministerin Nancy Faeser empfiehlt, Wasser für zwei, drei Tage bereitzuhalten. Wie wenn das Problem danach gelöst wäre. Und in der bürgerlichen Presse überbietet man sich in der Beschwörung des Wertekataloges: Ethik! Freiheit! Menschenrechte!

Ja, diese Werte sind unendlich hoch einzuschätzendes Gut (wenn sie denn ernst gemeint sind und die Bereitschaft besteht, nicht nur jetzt im Ukraine-Krieg, sondern universell für sie einzustehen). Aber ist auch allen, die diese Begriffe jetzt laut in die Welt posaunen, bewusst, dass wir sehenden Auges eine Eskalationsspirale zulassen, die möglicherweise dazu führen könnte, dass es morgen überhaupt keine Werte mehr gibt, weil der Tag danach für die meisten von uns gar nicht mehr stattfinden wird? Für diese totale Wertlosigkeit sollen wir Kinder in die Welt gesetzt und sie Werte gelehrt haben? Dieses Risiko einzugehen und gleichzeitig zuzuschauen, wie das ukrainische Volk ausblutet: Ist das ethisch?

28 Vertreter des deutschen Geisteslebens – darunter anerkannt unabhängige Denkerinnen und Denker wie Alexander Kluge, Alice Schwarzer, Martin Walser, Harald Welzer, Juli Zeh – sind aus der Reserve getreten und haben ihrem Bundeskanzler Olaf Scholz einen offenen Brief geschrieben. Sie ermutigen ihn, dem Druck der NATO (der Ukraine schwere Waffen zu liefern), dem er lange Zeit gewachsen war, wiederum standzuhalten und die Waffenlieferungen zu stoppen. Stattdessen soll Deutschland mit aller Kraft, die es innerhalb Europas und der Welt geltend machen kann, auf sofortige Waffenstillstandsverhandlungen drängen.

Die Argumentation der Intellektuellen folgt nicht der Mutlosigkeit, sondern der Verantwortung, nicht der Zaghaftigkeit, sondern dem Ethos: «Wir teilen die Überzeugung, dass es eine politisch-moralische Pflicht gibt, vor aggressiver Gewalt nicht ohne Gegenwehr zurückzuweichen. Doch alles, was sich daraus ableiten lässt, hat Grenzen in anderen Geboten der politischen Ethik.» Kann man es klarer denken, bestechender formulieren?

Das Echo auf den offenen Brief in den bürgerlich-konservativen Mainstreammedien war, wie nicht anders zu erwarten, vernichtend. Wie immer folgen sie der amerikanischen Haltung, und diese begrüsst erstens jedes Auseinanderdriften Europas und gibt sich zweitens seit je der Illusion hin, ein Atomkrieg sei auf europäischen Boden begrenzbar. Aber die veröffentlichte Meinung ist nicht zwingend die öffentliche. Bürgerinnen und Bürger haben Kinder und Enkel. Sie machen sich Sorgen. Es müsste einfach gelingen, ihnen bewusst zu machen, in welcher Gefahr wir alle stehen. Das absolute Vermeiden jeglicher Eskalation, an deren Ende ein Atomkrieg stehen könnte, ist ein kategorischer Imperativ. Kein politisches Bestreben auf dieser Welt darf davon abweichen.

Der Ukraine unter den gegebenen Umständen «schwere Waffen» zu liefern, ist somit falsch. Aber wir bekennen: Die Ukraine unter Verzicht auf diese Waffenlieferungen im Stich zu lassen, ist auch falsch. Angesichts dessen, was Putin derzeit in der Ukraine anrichtet, ist jede Lösung falsch. Also bleibt uns nichts anderes, als zwischen zwei falschen Lösungen abzuwägen. Vielleicht ist heute noch nicht der Zeitpunkt, dem Aufruf der Professoren, Schriftsteller, Künstler an Olaf Scholz unmittelbar zu folgen. Aber die Möglichkeit, dass dieser Zeitpunkt kommt, ist gross. Weh uns, wenn wir ihn verpassen.

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