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Geschichtsstunde(n)

Aktualisiert: 25. Feb. 2022

Mit vielem haben wir gerechnet, aber nicht damit: Mit einem Irren, der die Welt in Geiselhaft nimmt. Die Welt sitzt auf einem Pulverfass, und der, der in der einen Hand ein Feuerzeug hält und in der anderen die Lunte, ist der Irre. Ein aus jeder Rationalität entgleister, menschenverachtender Gewaltmensch macht wahr, was wir nicht für möglich hielten: die Durchsetzung von territorialen Ansprüchen mit militärischer Gewalt. Wladimir Putin belehrt uns eines Schlechteren. Da niemand weiss, wohin uns seine Aggressionen führen werden, schauen wir in die Geschichte und fragen: Gibt es historische Parallelen, aus denen wir Erkenntnisse ziehen können?

Zwei Situationen bieten sich zum Vergleich an. Die eine ist der Kalte Krieg, der uns vierzig Jahre lang in Bann hielt und oft heiss zu werden drohte, beim Mauerbau, bei der Kuba-Krise, in den Stellvertreterkriegen... Liegt hierin unser Gefühl vom Déjà-vu?

Die zweite Situation betrifft die Jahre 1938 und 1939. Heute wie damals ist (respektive war) die Welt mit einem Potentaten konfrontiert, der Grossmachtansprüche zu Lasten eines ihm ausgelieferten Kleinstaates erhob und Teilgebiete davon einforderte. Im September 1938 verlangte Adolf Hitler das tschechoslowakische Sudetenland, für das er eine sprachliche, kulturelle und historische Verbundenheit mit dem „Reich“ geltend machte. Um die Bedrohung des Weltfriedens zu entschärfen, wurde in letzter Sekunde in München eine Konferenz der Mächte organisiert (GB, Frankreich, Deutschland, Italien), in deren Verlauf Hitler das Geforderte gewährt wurde. Er erklärte im Gegenzug seine territorialen Ansprüche für befriedigt. Die Tschechoslowakei sass in München nicht am Tisch, sie war nur Objekt der Begierde respektive die Morgengabe der Besänftigungspolitik der Westmächte. Hitlers Versprechen hielt ein halbes Jahr. Im März 1939 marschierten deutsche Truppen in die Rest-Tschechei ein. Am 1. September folgte der Angriff auf Polen, und endlich reagierten die Westmächte. Der Zweite Weltkrieg hatte begonnen.

Bei Wladimir Putin geht alles noch schneller. Zu Beginn der Woche verkündete er die Anerkennung der ukrainischen Provinzen Donezk und Luhansk als eigenständige Staaten; am Donnerstag ist der militärische Angriff auf die Ukraine erfolgt. Opfer ist ein unter dem Schutz des Völkerrechts stehender souveräner Staat, der das Pech hat, Nachbar eines aggressiven Potentaten zu sein, der, wie weiland der Gröfaz (grösster Feldherr aller Zeiten), eine sprachliche, kulturelle und historische Verbundenheit reklamiert.

Eine klare Erkenntnis können wir aus diesem historischen Vergleich ziehen; sie lautet: Vergesst Chamberlains Appeasement von 1938. Es war eine Politik, mit der einer, dem im rationalen Diskurs nicht beizukommen ist, nicht erreicht werden kann.

Parallelen zwischen Hitlers und Putins Kriegstreiberei erstrecken sich auch auf ihre jeweiligen historischen Voraussetzungen. Der Versailler Friede von 1919 hatte Deutschland gedemütigt, hatte dem Verlierer die alleinige Kriegsschuld aufgebürdet, ihn territorial beschnitten, ihm unendliche Reparationszahlungen auferlegt und seine Armee entwaffnet. Die Sieger waren zu unbedacht, sich im Triumph so zu mässigen, dass es nicht unweigerlich zu Retorsionen käme, sobald Deutschland dazu in der Lage wäre. Die Irrationalität einer gedemütigten Nation sollte nie unterschätzt werden.

Die NATO hat diesen Fehler wiederholt, als die Sowjetunion den Kalten Krieg verloren hatte. Ihre wirtschaftliche Überlegenheit versetzte die Welt des Kapitalismus in einen unangemessenen Siegestaumel. „End of History!“ jubelte der amerikanische Historiker Francis Fukuyama: Die Geschichte sei an ihr Ende gekommen, jeder Widerspruch aufgehoben, die Menschheit würde fortan in der kapitalistischen Ordnung geschichtslos ihrem Ende entgegen dämmern. Russland, aus der Erbmasse der Sowjetunion hervorgegangener Kastratenstaat, sei nur noch eine „Regionalmacht“, posaunte Barack Obama. Reihenweise nahm die NATO neue Mitglieder auf, die einst unter der Kontrolle der UdSSR gestanden hatten: Estland, Lettland, Litauen, Polen, Tschechien, Slowakei, Ungarn, Rumänien, Bulgarien… Der Dominoeffekt, den der Westen immer gefürchtet hatte, war endlich da – zu seinen Gunsten.

Um es kurz zu machen: Es lohnt sich nicht, im Kalten Krieg historische Parallelen zu suchen. Was wir heute erleben, hat damit nichts zu tun. Es gibt heute keinen ideologischen Gegensatz zwischen den Blöcken; es geht schlicht und ergreifend um territoriale Ansprüche, respektive um die Macht, diese politisch umzusetzen. Die NATO hat nach dem Mauerfall hierin vorgelegt, und zwar unbedacht. Sie müsste endlich einsehen, dass sie mit ihrer Osterweiterung den Bogen überspannt hat. Selbst der ehemalige US-Botschafter in Moskau, Nicholas Burns, sagt: «Die NATO-Erweiterung war eine überflüssige Provokation Russlands». Daran zu erinnern, ist keine Putin-Versteherei und kein Appeasement, sondern die bittere Einsicht, dass auch der Westen versagte. So, wie es richtig ist, Hitler für seine Verbrechen zu verurteilen und gleichzeitig den Versailler Vertrag zu kritisieren, so ist es richtig, Putin als unerträglichen Usurpator zu sehen und gleichzeitig zu erkennen, dass die Gier der amerikanischen Rüstungsindustrie, die NATO ungebremst nach Osten zu treiben, falsch war.

Insofern lässt sich auch aus dieser Geschichtsstunde eine Lehre ziehen: Die NATO, die derzeit nicht müde wird zu betonen, sie sei ein Defensivbündnis, müsste endlich lernen, sich nicht nur im Krieg defensiv zu gebärden, sondern auch im Frieden. Bei aller Empörung über den Mörder Putin wäre das, mittelfristig betrachtet, dem Weltfrieden durchaus zuträglich.

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