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Es begab sich aber zu der Zeit

[Eigentlich hätte der vorliegende Text eine Art Weihnachtsgeschichte werden sollen. Dass dies nicht möglich war, hat mit privaten, den Autor betreffenden Gründen zu tun. Aber das macht nichts. Denn bei genauem Hinsehen merkt man schnell, dass der Stoff zwar während unserer ganzen Kulturgeschichte mit Weihnachten in Verbindung gebracht wurde, aber in Tat und Wahrheit mit dem Christfest gar nichts zu tun hat: die Biografie von Jesus von Nazareth.]

 

Ob das Täfelchen, das der Scharfrichter anlässlich der Hinrichtung Jesu am Kreuz anbrachte, den vollen Text enthielt oder nur die Abkürzung, die uns seit 1000 Jahren durch die christliche Ikonografie überliefert wird, ist nicht belegt. Hiess es schlicht «INRI» oder vollständig «Iesus Nazarenus Rex Iudaeorum», Jesus von Nazareth, König der Juden? Korrekt wäre wohl der vollständige Text gewesen. Denn wie sollte ein Zaungast, der damals, irgendwann ums Jahr 33, auf Golgatha herumstrich, der Abkürzung die vorgeschriebenen Informationen entnehmen, nämlich die Identität des Delinquenten und das Delikt?

Nichts an der Passion Jesu interessiert uns heute weniger als diese Nebensache… Und doch weist sie auf einen interessanten Widerspruch hin: Jesus von Nazareth – gebürtig aus Bethlehem? Wenn wir den historischen Fakten folgen, dann hat Jesus weder mit seinem überlieferten Geburtsort (Bethlehem) noch mit dem -zeitpunkt (Weihnachten) das Geringste am Hut. Weihnachten ist Fake News, ein alternativer Fakt. Natürlich nicht mit Blick auf ungezählte beglückende Familienfeiern, sondern für den kritischen Blick des Historikers.

Nur den verifizierbaren Fakten der Biografie Jesu zu folgen, ist die Absicht des Althistorikers Reza Aslan mit seinem Buch «Der Zelot» [1. Auflage (englisch) 2013]. Es fördert höchst Spannendes zutage: Der Jesus, der auf überprüfbaren Quellen beruht, ist nicht derjenige, den das Neue Testament aus ihm macht: der in Betlehem im Stall Geborene und von den Weisen Gepriesene, der die Welt mit dem Christentum beschenkt. (In Bethlehem soll er geboren sein, damit er in die Tradition Davids rückt. Und Weihnachten – also ungefähr die Wintersonnenwende – ist darauf zurückzuführen, dass die Staatsräson, als Rom zum Christentum überging, den neuen Christen gerne die Zeitpunkte ihrer traditionellen Feste beliess, um den Widerstand gegen die neue Staatsreligion zu minimieren. Bei der Wintersonnenwende handelte es sich im 4. Jahrhundert um das Fest des sol invictus, des unbesiegten Sonnengotts.)

Wer aber ist Jesus, wenn wir nicht den Evangelien und der Tradition folgen, sondern der historischen Quellenlage (also dem zeitgenössischen jüdischen Historiker Flavius Josephus, weiteren lateinischen und griechischen Autoren und apokryphen Schriften)? Jesus ist ein Unterschichtskind, vielleicht der Sohn eines Zimmermanns, vielleicht unehelich, sicher in eine normale Familie hineingeboren, also mit Brüdern und Schwestern. Nazareth, die Herkunft, war ein unbedeutendes Kaff in der Nähe der boomenden Stadt Sepphoris, einer stark wachsenden Metropole, die dem Zimmermannshandwerk ein Auskommen bescherte.

Geboren wurde Jesus zwischen 4 vor und 6 unserer Zeitrechung, ziemlich genau zum Todeszeitpunkt von Herodes, dem römischen Statthalter in Palästina, der mit eiserner Faust regierte. Es ist die Zeit der beginnenden Auflehnung der Juden gegen die römische Besatzungsmacht und gegen die lokalen, jüdischen Eliten, die mit den Besatzern kollaborierten und zu den Profiteuren zählten. Verräter! Ihnen (noch mehr als den Römern) haben verschiedene jüdisch-rebellische Kampfgruppen und Messerstecher den Kampf angesagt. Darunter manche sehr terroristisch, wie die Ermordung des jüdischen Hohepriesters belegt. Der Kampf gegen Rom und das jüdische Establishment verbindet sich mit der politisch-religiösen Identität der Unterschichtsangehörigen.

Jesus von Nazareth, der sich circa in seinem 30. Jahr von einem gewissen Johannes taufen lässt, steht nicht auf der Seite der Messerstecher, sondern derjenigen, die mit ihrer Gesinnung als Waffe kämpfen. Aber Jesus ist ein Gesinnungstäter. Ein Che Guevara seiner Zeit. Er vertrat eine ideologische Botschaft, sozialrevolutionäre Thesen, antiklerikale Spitzen. Am sichtbarsten wird seine Auflehnung dort, wo er die Händler aus dem Tempel vertreibt.

Er reiht sich ein in eine ganze Reihe von Vor- und Nachläufern, die alle auch als Messias gelten wollen (Hiskia, Judas, Theudas, Athronges, Simor bar Giora, Simon bar Kochba). In diesem Kampf starb Johannes der Täufer im Gefängnis (und nicht durch Salome!), und deshalb wurde Jesus gekreuzigt. Das Täfelchen an seinem Kreuz, das die Anklage festhält, bedeutet: König der Juden. Das ist das Delikt, die Auflehnung, darauf steht Kreuzigung.

Jesu Wirken beschränkt sich auf drei Jahre: zwischen der Taufe durch Johannes und dem Prozess, der mit seiner Hinrichtung endet. Dazwischen machte ihn seine Tätigkeit als Heiler und Exorzist berühmt, wie nebst ihm eine ganze Reihe seiner Zeitgenossen. Das «Reich Gottes», das er verheisst, bedeutet «nicht von dieser Welt» zu sein. Er fordert einen Systemwechsel. Um für das Reich Gottes Platz zu schaffen, muss die bestehende Ordnung zerstört werden. Dann wird Gott die Juden von der Knechtschaft erlösen und Israel von der Fremdherrschaft befreien. Was die Juden dafür zu tun haben, ist, allen andern Herrschern zu entsagen. Tun sie es, kommt es zur die Umwertung aller Werte: den Armen wird das Reich Gottes gehören; die Letzten werden die Ersten sein. In der bestehenden Ordnung wird dem Himmelreich durch die Mächtigen Gewalt angetan. Kein Wunder, fühlen sich diese bedroht. Deshalb lautet die Frage aller Fragen beim Prozess: «Bist Du der König der Juden?»

Nach der Hinrichtung Jesu von Nazareth setzen die jüdischen Aufstände sich fort, bis zur grossen Rebellion des Jahres 66, die in ein entsetzliches Blutvergiessen durch die römische Besatzungsmacht mündet. Rom zerstört die jüdischen Tempel, erzwingt den Exodus und die jüdische Diaspora. Die Tragödie hat ihren Lauf genommen.

Ist das alles glaubhaft…? Weshalb nicht… und so sehr wie die Mär vom gewaltverzichtenden Massenernährer ist sie es längst. Ich jedenfalls, wäre ich ein totalitärer Herrscher, würde nicht die Geschichte des Jesus von Nazareth erzählen, sondern jene Mär von Jesus Christus, der die andere Wange hinhält, wenn man ihn auf die eine schlägt. Ich würde, als totalitärer Herrscher, mit Sicherheit besser schlafen.

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