Eine Welt von gestern

Von zwei Grossen der Weltöffentlichkeit haben wir dieser Tage Abschied nehmen müssen: Michael Gorbatschow ist am 30. August im Alter von 91 Jahren gestorben. Acht Tage später verschied die Queen Elisabeth II., 96jährig, nachdem sie den britischen Thron 70 Jahre lang innegehabt hatte. Auch wenn die Beiden gegensätzlicher kaum hätten sein können – hier der mutige Umgestalter, dort die unverrückbar Beharrliche –, so vereint sie doch auch Wesentliches: Sie stehen für eine Welt von gestern. Das Ableben der beiden Hochbetagten dürfte auch dem Hinterletzten vor Augen geführt haben, dass mit ihnen gleichsam das 20. Jahrhundert zu Grabe getragen wird.

Die Welt von gestern. So hat der österreichische Autor Stefan Zweig, der wie kein anderer für die untergehende Welt des Bildungsbürgertums steht, seine Autobiographie genannt. Um seine Leserinnen und Leser mit der irritierenden Tatsache der Zeitenwende zu konfrontieren, gibt er ihnen das aussagekräftigste Bild, das er in seiner Erinnerung findet: Im Zug, beim Grenzübertritt von der Schweiz nach Österreich, schreckt er im März 1919 aus dem Halbschlaf auf, als er auf dem Bahnsteig des Grenzbahnhofes den österreichischen Kaiser Karl stehen sieht, wie dieser im Begriff ist, mit seiner Familie das Land zu verlassen. Da wusste Stefan Zweig: Jetzt ist das 19. Jahrhundert endgültig Geschichte. Alles was ihm einmal vertraut gewesen war, gehörte zu einer Welt von gestern.

Das war vor 100 Jahren. So wie dem österreichischen Literaten ergeht es uns heute. Wir wissen, dass die Welt der vertrauten Lebensumstände dem Untergang geweiht ist, und können nichts dagegen tun. So wenig wie er damals, so wenig wissen wir heute, was auf uns zu kommt. Weil wir es nicht wissen und weil wir Ungewissheit schlecht ertragen, stecken wir den Kopf in den Sand. Wir tun so, als sei der Umbruch ein vorübergehender Zustand, als käme die Welt von gestern bald wieder zurück, die Welt eines – relativ – langanhaltenden Friedens, der Sicherheit und des wachsenden Wohlstands.

Das ist eine Illusion.

Tatsächlich gab es einst eine Chance darauf, sie war verknüpft mit dem Namen Michael Gorbatschow, aber sie wurde mutwillig vertan. Gorbatschow, im März 1985 Generalsekretär der KPdSU geworden, hatte gesehen, dass der Ausweg aus dem Kalten Krieg nicht durch Totrüstung des Gegners erfolgen konnte, sondern einzig durch Reformen von innen und durch den Mut, derjenige zu sein, der den ersten Schritt wagt. Er stellte sich der schwelenden Krise der Sowjetunion, als die marode Wirtschaft mit dem damals kraftstrotzenden Westen je länger desto weniger mitzuhalten vermochte. Als die Rüstungsspirale, in welche die USA die UdSSR zwangen, keine Konsumgüterproduktion zuliess, die dem gesellschaftlichen Bedarf entsprochen hätte, und deshalb dem planwirtschaftlichen Apparat jegliche Softpower entzog. Statt Autos, Kühlschränke und Fernsehgeräte produzierte das System Repression und Pressezensur, damit sich die Unzufriedenheit der Bevölkerung nicht entfalten konnte. Aber plötzlich, mit Gorbi, waren Glasnost und Perestrojka angesagt, Offenheit und Umgestaltung.

Gorbatschows Idealismus war das Angebot einer Entspannung, die diesen Namen verdient hätte. Doch das Angebot wurde ausgeschlagen, und zwar gleich doppelt. Sowohl innerhalb der Sowjetunion wie auch in der westlichen Politik prallte dieser Idealismus auf eine Gier, die an hehren Zielen keinerlei Interesse hatte. Er wurde im Innern ausgeschlagen, indem eine machtgeile russische Oberschicht die Chance persönlicher Bereicherung sah und sich früheres sowjetisches Volksvermögen unter den Nagel riss, und er wurde im globalen Massstab ausgeschlagen, indem die USA im Untergang von Sowjetunion und Warschauer Pakt nicht die Chance auf Frieden wahrnahmen, sondern nur die Chance auf Profit. Statt dass man dem neuen Russland die Hand gereicht und es achtsam in die westliche Welt integriert hätte, profitierte man von der vorübergehenden Schwäche und pushte die NATO ohne jede Mässigung nach Osten. Unschwer vorauszusehen, dass man in neuen Spannungsverhältnissen landen würde. Aber sowohl den neuen russischen wie auch den alten amerikanischen Eliten war das egal.

Friedrich Dürrenmatt, der Visionär, hat es kommen sehen. In seiner Komödie «Romulus der Grosse» (geschrieben 1956) entwickelt er die Geschichte des letzten römischen Kaisers, der einsieht, dass eine Verbesserung der grossen Politik nur möglich ist, wenn einer den ersten Schritt geht und sein Imperium von innen her schwächt. Ganz bewusst wirtschaftet er das Imperium Romanum zu Grunde, bis – darauf hat er es abgesehen – die Germanen kommen und er sich dem Germanenfürst Odoaker unterwerfen kann. Aber oh je: Odoaker hatte exakt den gleichen Plan wie Romulus. Auch er hatte die Idee, sich zu unterwerfen, weil auch er die Katastrophe erkannt hatte, die notwendig aus einem Überfluss an Macht hervorgeht. So wissen beide nicht, wer sich wem unterwerfen soll, und am Schluss übernimmt Odoakers dümmlicher Neffe Theoderich und begründet seine fatale Herrschaft.

Die Sowjetunion hatte – in der Person Gorbatschows – ihren Romulus. Hätte auch der Westen seinen Odoaker gehabt und nicht nur einen beschränkten Theoderich – einen nach dem andern… –, dann könnten wir uns jetzt in einer behaglicheren Welt einrichten. Es müsste nicht zwingend jene von gestern sein.

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