Die Stimme der Vernunft

Diese Woche tat sich etwas in der Covid-Politik des Bundes: Entgegen dem Trend rückläufiger Fall- und Todeszahlen hat der Bundesrat die geltenden Massnahmen verlängert und verschärft. Die Mutationen des Corona-Virus, die sich auch in der Schweiz eingenistet haben, lassen gemäss den Modellrechnungen einen dramatischen Verlauf vorwegnehmen. Die mögliche Folge ist das Schreckensszenario, an dessen Schwelle wir bereits heute stehen: exponentielles Wachstum bei den Zahlen, überlastetes Gesund-heitswesen, überbelegte Intensivstationen, Triage. Wie schlimm die Tendenzen sind, die sich ankündigen, kann man anhand des Paradigmenwechsels des sonst so zögerlichen Bundesrats erahnen.

Endlich also hört er auf die Stimme der Vernunft. Die Wissenschaft hat ihn längst in diesem Sinn beraten, aber erfolglos. Die Konsequenz waren am vergangenen Wochenende relevante personelle Veränderungen in der Taskforce. Zwei bestqualifizierte Wissenschaftler, die Epidemiologen Christian Althaus (Uni Bern) und Marcel Salathé (EPFL), hatten die Nase voll von der Beratungsresistenz der Landesregierung. Althaus ist aus der Taskforce ausgetreten, Salathé hat sich aus seiner Leitungsfunktion in einer Expertengruppe zurückgezogen. Beide waren zuvor mehrfach durch harsche Kritik an den politischen Entscheidungs-trägern aufgefallen, die lieber auf irgendwen hörten als auf die wissenschaftlichen Experten. Die Haltung der beiden Hochschulexperten wirft die Frage auf nach dem Verhältnis von Politik und Wissenschaft im Zusammenhang der fortdauernden, Menschenleben, Arbeitsplätze und wirtschaftliche Existenzen fordernden Pandemie. Der Wissenschaft zu folgen statt irgendwelchen Partialinteressen, wäre ein Akt der Vernunft. Wieviel Gehör schuldet ihr eine im pragmatischen Hin und Her zerrissene Politik?

Nichts hat die abendländische Kultur mehr geprägt als der seit dem Zeitalter der Aufklärung unaufhaltsame Fortschritt der Wissenschaften. Nichts hat diese aber mehr behindert als die Skepsis der Menschen, unbeschaut, wieviel sie den Pionieren der Forschung verdanken, etwa Medizinern wie dem Engländer Edward Jenner, der die Kuhpocken entdeckte und die erste Impfung entwickelte, oder dem Ungarn Ignaz Semmelweis, dem Entdecker des Kindbettfiebers, oder tausend anderen. Alle mussten in ihren Anfängen jahrzehntelang gegen die Windmühlen des Aberglaubens kämpfen.

Der bisweilen revolutionäre Rationalismus der Wissenschaften und die menschliche Angst vor dem Neuen stehen einander diametral gegenüber. Der wissenschaftlichen Erkenntnis zum Durchbruch zu verhelfen, wäre deshalb die Aufgabe derjenigen Menschen, die ausersehen sind, vorausschauend zu handeln: der Politiker. Gouverner, c’est prévoir. Vorausschauend handeln heisst vernunftgestützt handeln, und dies würde eine gewisse Konsistenz der Massnahmen erfordern. Aber gerade hierin versagte die schweizerische Politik noch und noch. Nicht nur, weil auch moderne Politiker den gleichen Ängsten unterworfen sind wie die Wissenschaftsfeinde zu Jenners und Semmelweis’ Zeiten, sondern vor allem aufgrund der vielen einander widersprechenden Interessen, denen sie unterworfen sind. Allzuleicht unterliegen sie der Versuchung, dort über unbequeme Wahrheiten hinwegzugehen, wo auf der anderen Seite die Lobbies wirken. Die Folge dieser Zerrissenheit ist das in der schweizerischen Pandemiebekämpfung beharrlich behauptete Dilemma, die Schweiz müsse die Balance halten zwischen Todeszahlen und dem Aufrecht-erhalten der Ökonomie. Nichts ist irrationaler als diese Dichotomie. Sie ist ein populistisches Narrativ, mit welcher vor der Bevölkerung der Mangel an Mut und an intellektuellem Vermögen unserer Politiker plausibilisiert wird.

Menschen neigen aus Bequemlichkeit gerne dazu, sich gedanklich in möglichst eng gefassten Radien zu bewegen. Der eine Denkkreis umfasst die Zahl der Menschen, die wir gedanklich einschliessen. Wir denken an uns selbst, an unsere Familie, an unsere Kinder und allenfalls an deren Kinder. Wer denkt schon darüber hinaus: an den Staat, an die Menschheit? Der zweite Kreis umfasst den Zeithorizont, den wir ins Auge fassen. Heute, morgen, nächstes Jahr… Wer denkt in Jahrzehnten? In materiell wenig begünstigten Gesellschaften ist das nachvollziehbar: Wessen Sorge täglich der Nahrungsbeschaffung gilt, dessen Denken umfasst wenig Personen auf kurze Zeit hinaus: ich, meine Familie, heute, morgen.

Von begünstigten, aufgeklärten Gesellschaften dürften wir mehr erwarten. Die Klimajugend macht es uns vor. In ihr artikulieren sich junge Menschen, die global denken, und zwar auf Jahrzehnte hinaus. Leider müssen wir feststellen, dass die meisten der bürgerlichen Politiker damit überfordert sind. Dieses Bild wiederholt sich in der Pandemie-Politik. Die Wissenschaft fordert Massnahmen, die nicht bei der Frage anhalten, ob wir uns den Lockdown der Gastronomie ein paar Wochen leisten können, sondern sie wägt rationalistisch ab: Was sagen uns die Zahlen (die Fallzahlen, die Hospitalisationen, die Todeszahlen, der R-Wert etc.)? Welche Massnahmen sind geeignet, die Mobilität der Bevölkerung einzuschränken, um die Zahl der Begegnungen – die Treiber der Pandemie – einzudämmen? Wie wirken sich die Zahlen auf die Wirtschaft aus? Die Antworten auf diese Fragen werden zu Empfehlungen gebündelt. Aber die Politiker, bei denen die Entscheidungslast liegt, hörten sie nicht, bis letzten Mittwoch. Sie hörten auf den Finanzminister. Dass jetzt der Bundesrat in seiner Gesamtheit davon abwich, ist hoffentlich mehr als eine löbliche Ausnahme. Die Inkonsistenz der Anordnungen lässt leider daran zweifeln.

In einem in der renommierten Wissenschaftszeitschrift «The Lancet» erschienenen Manifest (9. Januar 2021) fordert eine ganze Reihe bestausgewiesener Wissenschaftler eine gesamteuropäische Politik, die nicht Wirtschaft und Menschenleben gegeneinanderstellt, sondern die von der Erkenntnis ausgeht, dass nichts so sehr die Wirtschaft gefährde wie die hohen Fallzahlen. Denn wenn wir die Fallzahlen nicht einschränken, begünstigen wir die Mutationen des Virus – bis hin zu dem Moment, wo auch eine Impfung nichts mehr bringt. Wen wird es dann noch interessieren, dass unsere Skigebiete offenbleiben durften?

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