top of page

Wettbewerb der Schurkenstaaten

Karl Kraus, der 37 Jahre lang als journalistischer Einzelkämpfer seine Zeitschrift "Die Fackel" mit Tausenden von Seiten füllte, schrieb 1936 (im Jahr, als er freiwillig aus dem Leben schied): Zu Hitler fällt mir nichts ein.

Angesichts der gegenwärtigen Weltlage können wir ihm nachfühlen. Was fällt uns noch ein angesichts zweier grössenwahnsinniger, an Wahrnehmungsverzerrung leidender alter Männer, die die Welt in Geiselhaft genommen haben? Und was fällt uns ein angesichts der Tatsache, dass die Welt diese beiden Machtbesessenen gewähren lässt? Der eine folgt seinem ewig verbrecherischen Wahn von einem Staat Israel, der vom Mittelmeer bis an den Euphrat reicht; der andere lässt täglich neue Nebelpetarden steigen und manipuliert damit die Börse. Kein Zweifel, dass er mit seiner Familie schamlos an Insidergeschäften partizipiert.

Beide haben durch ihr Hasardspiel die Welt an den Abgrund geführt, wobei niemand ganz genau weiss, wer genau wen an der Leine hält – ob Donald Trump seinen Spezi Bibi Netanjahu oder umgekehrt. Und in ihrer Verblendung gehen sie täglich einen Schritt voran. Wie lange kann das gut gehen? Keine Macht auf dieser Welt, kein Staat, keine Volkswirtschaft, keine Armee (ausser ihren eigenen) befürwortet, was derzeit geschieht. Die Fehlkalkulationen und Lügenkonstrukte der beiden Weltzerstörer werden von Tag zu Tag offensichtlicher, aber niemand hat den Mut und das Format, sie zu bremsen.

Israel und die USA haben den Iran hintergangen, indem sie das Land aus laufenden Verhandlungen heraus, die kurz vor ihrem Abschluss standen, angegriffen haben. Sie unterstellten eine atomare Bedrohung, die nie existierte. Sie wollten den Sturz eines (unbestritten gewaltverbrecherischen) Schurkenregimes herbeiführen, der mit gegebenen Mitteln nicht herbeizuführen war. Man wolle – so tönten sie vollmundig in die Mikrophone – die Demokratie im Iran auferstehen lassen. Vermutlich jene, die die USA selbst, im Verbund mit Grossbritannien, 1953 durch den Sturz des damals legitim gewählten Regimes von Mohammad Mossadegh zerstört hatten. Welche aus dem Angebot aller Begründungen ist die wohlfeilste? Bitte Zutreffendes ankreuzen.

Die Wahrheit ist, dass der aktuelle Krieg, der gefährlichste der letzten Jahre, nichts anderes ist als ein Ausdruck aggressivster, völkerrechtswidriger Machtpolitik. Es ist die Durchsetzung des Faustrechts, im Vertrauen darauf, dass die unablässige Wiederholung der Lüge von hehren Motiven durch die Main-Stream-Medien letztlich zur Vergesslichkeit der Menschen führen werde, das heisst: zur Akzeptanz des Unrechts. Daran ändert rein gar nichts, dass die Iranerinnen und Iraner, die stärkste Kulturnation im Mittleren Osten, die jetzt mit Feuer und Bomben überzogen werden, ihrerseits Opfer eines mörderischen Regimes sind. Aber es hat noch nie geholfen, Unrecht gegen Unrecht auszuspielen; immer fällt beiderlei Unrecht auf die Täter zurück. Als Rechtfertigung für den Angriff Israels und der USA wird die schreckliche Tatsache herbeigezogen, das Mullah-Regime habe anlässlich der zurückliegenden Massenproteste 30'000 Menschenleben auf sein Gewissen geladen. Aber will jemand tatsächlich, dass wir diese 30'000 aufrechnen gegen die 100'000 Toten aus dem israelisch-palästinensischen Genozid? Und gegen die Zehntausende, die in den nächsten Wochen und Monaten im Südlibanon der Fiktion einer Pax judäa zum Opfer fallen werden?

Tat und Wahrheit ist, dass es weder um Demokratie noch um Selbstverteidigung geht, sondern um die Durchsetzung der regionalen Hegemonie der Atommacht Israel im Nahen Osten, weil dies im Verbund mit der Festigung ihres weltweiten Energie-Imperiums den USA gerade zupasskommt. Donald Trump hat der Europäischen Union ein Ultimatum gestellt, das exakt heute (Donnerstag, 26. März 2026) ausläuft: Entweder die EU ratifiziert einen Handelsvertrag über 750 Milliarden Dollar für den Kauf amerikanischen verflüssigten Erdgases (LNG) – oder Onkel Donald dreht den Gashahn zu.

Welches ist Trumps Instrument, mit dem er die Europäer gefügig macht? Es ist seine systematische Ausbootung von Konkurrenz. Katars LNG ist out, nach iranischen Drohnenangriffen am dritten Kriegstag. Russlands Pipeline nach Europa wurde im Zuge des Ukraine-Kriegs gekappt. Norwegens Kapazitäten reichen nirgends hin. Die europäischen LNG-Preise sind seit der Schliessung der Strasse von Hormuz um 35 bis 50 Prozent gestiegen. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind der einzige verbleibende Anbieter. Trumps Ultimatum an den Iran, entweder die Strasse von Hormuz zu öffnen oder in Kauf zu nehmen, dass die USA sämtliche relevanten Energieanlagen des Landes zerstäuben würden, galt in Wahrheit nicht dem Iran, sondern dem Ölpreis. Dieser musste hoch genug sein, um Europa gefügig zu machen.

Das Ultimatum erzielte seine Wirkung. Angst griff um sich; sie macht Europa unterschriftsreif. Das hat, vor den Mid-Terms, folgen für die US-Innenpolitik: Die Wähler neigen dazu, Trump den Krieg nachzusehen.

Das ganze Manöver ist die dauerhafte finanzielle Nutzbarmachung von Europas Energieverwundbarkeit. Die monatelange Verzögerung hat der EU nichts gebracht. Die Kriege beseitigten jede Alternative: Iran hat Katar aus dem Spiel genommen, die Ukraine Russland (wie lange will die EU noch auf stur stellen?). Was bleibt, ist amerikanisches LNG. Trump zerstört die Alternativen. Das EU-Parlament entscheidet heute Donnerstag, den 26. März. Es ist nicht schwer vorauszusehen, wie es kommt: Europa wird die Abhängigkeit von Trumps Gas ratifizieren. Donald, the Lord of Gaz. Das ist schon ein paar Kriege wert mit ein paar Hunderttausend Toten.

Soviel zum Wettbewerb der Schurkenstaaten. Das wäre doch gelacht, wenn die USA hierin den Mullahs nicht den Rang nicht ablaufen würden.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Der Untertan

Über das vergangene Wochenende hat die Schweiz abgestimmt, zum ersten Mal in diesem Jahr (für Nicht-Landsleute: Volksabstimmungen in der Schweiz zu politischen Sachfragen finden in der Regel viermal i

 
 
 
War-Games

Donald Trump hat das Glück, dass die Objekte seiner beiden jüngsten Völkerrechtsbrüche, Venezuela und der Iran, von zwei so abgrundtiefen Schurkenregimes regiert wurden, dass er dafür nicht Strafverfo

 
 
 
Demokratische Erneuerung gibt es. In Südostasien.

Das mehrwöchige Ausbleiben von Kommentaren zum Weltgeschehen auf www.politischebildung.net hatte seine Ursache in der Winterflucht von deren Autor nach Südostasien (Thailand). Es hat mir gut getan! W

 
 
 
bottom of page