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Der grosse Preis

Es ist kein Geheimnis, dass Onkel Donald den Friedensnobelpreis gerne gehabt hätte. Glücklicherweise hat sich das mittlerweile erledigt (obwohl man nie ahnen kann, was dem Osloer Komitee in den Sinn kommen könnte). Merke: Auch grossen und verwöhnten Kindern fliegen nicht alle gebratenen Tauben in den Mund.

Wenigstens in diesem Punkt war die EU schlauer als der weisse Häuptling jenseits des grossen Teichs. Statt auf den grossen Preis zu warten, schafft man einige kleine, die man grad selbst vergeben kann. So ist man auf der sicheren Seite. Amtsträgerinnen oder -träger der EU müssen ein bisschen zuwarten, bis sie nicht mehr im Amt sind – erst dann kommen sie für die Auszeichnungen in Frage –, aber grundsätzlich bleibt man en famille.

Gestern war im Strassburger EU-Parlament europäische Preisvergabe. Das hohe Haus feierte sich und seine Laureaten. Verdienstorden erster bis dritter Klasse wurden an insgesamt 20 Ausgezeichnete vergeben. Wobei wir, ehe wir Namen nennen, noch von der Peinlichkeit berichten müssen, dass das als Applaus-Kammer gedachte Plenum der ParlamentarierInnen mehrheitlich den Feierabend vorzog, sodass, wie in Moskau oder Peking, Komparsen einspringen mussten. Günstiger ist noch keine Putzfrau zu einem Sitz im Parlament gekommen.

Also! Wir rollen das Feld von hinten auf, erwähnen die dritte Klasse («Members» des Verdienstordens) aber nur summarisch. Die können, bei guter Führung, ja noch in die zweite Klasse aufsteigen. Dabei handelt es sich – Respekt! – um «Honorable Members». Unter diesem Titel finden sich ehemalige Staats- und Regierungschefs sowie Spitzenpolitiker, die Europa stark geprägt haben. Wie etwa der ehemalige Präsident von Litauen, Valdas Adamkus (?). Oder der frühere polnische Premier Jerzy Buzek (?). Oder der vormalige Präsident von Finnland, Sauli Niinistö (?) – Macht nix, man kann ja nicht jeden kennen. Pietro Parolin wollen wir nicht vergessen, Kardinal und vatikanischer Staatssekretär (?), offenbar wichtig. Ach, und Wolfgang Schüssel, den ehemaligen österreichischen Bundeskanzler (immerhin einer, dessen Namen wir schon gehört haben).

Jetzt aber zur Spitzenklasse, den «Distinguished Members». Hier sind europäische Alphatiere unter sich; zwei ehemalige und ein gegenwärtiges, bei dem man offenbar nicht zuwarten konnte mit der Platzierung im Ehrenhof (wer weiss, was noch kommt…!). Angela Merkel, die sich in jüngster Zeit wieder viel Redezeit in Talkshows organisiert und den Strassburger Auftritt sichtlich genoss, war Number One. Sie nutzte die Gelegenheit zu einer wahrhaft staatsweiblichen Rede mit Seitenhieben gegen alle aktuellen Führungspersonen, denen jegliche europäische Vision abgehe. Insbesondere ihr Nach-Nachfolger, Friedrich Merz, bekam sein Fett ab, wofür er sich denn auch, charakterstark wie immer, artig bedankte.

​Lech Wałęsa (ehemaliger polnischer Präsident und historischer Chef der Gewerkschaft Solidarność) war der nächste der goldenen Trias. Nicht dass der vergessen ginge im grossen europäischen Buch! Schliesslich hat er ja so wacker gegen die Sowjetunion gekämpft, dass ein Teil von dieser Energie auch noch zum Schaden Russlands abfällt, und das ist ja die Hauptsache. Ob Kommunismus oder Kapitalismus – einerlei; Hauptsache, Russland ist der Feind.

Was uns zum Dritten im Bunde bringt: Es ist, Überraschung! Wolodymyr Selenskyj, trotz längst abgelaufenem Mandat noch immer Präsident der Ukraine. Ein wahrhaft herausragender Europäer, wenn wir die Milliarden überschlagen, die sein Regime hundertfach aus der EU abgesaugt hat. Anfangs scheu auf der Bank der Bittsteller, dann aber immer selbstbewusster geworden, fordert er heute und droht unverhohlen mit dem fetten Mahnfinger: Entweder ihr zahlt, oder wir können dem Iwan keinen Widerstand mehr entgegenstellen. Milliarden, die teilweise sogar ihrem Bestimmungszweck zugeflossen sind (Waffen, Waffen, Waffen), teilweise aber schlicht in der Kiewer Kanalisation versickerten. Unsummen schickt Brüssel nach Kiew, teilweise per ordentliche Überweisung, teilweise per Kuriere via Wien in Koffern voll Bargeld. Dafür hat der ausrangierte Clown nicht die geringsten Skrupel, immer wieder Zehntausende seiner Landsmänner per Zwangsrekrutierung an die Donbass-Front zu schicken als Kanonenfutter für die russische Drohnen-Artillerie. Dann gibt es für das ganze Gscherr schöne Immobilien in London und Paris und Luxusjachten sowie die Garantie, dass keine Untersuchungsbehörde den Geldströmen nachspürt. Ein wahrhaft würdiger Preisträger.

War es das mit dem Kabinett der Kuriositäten? Mitnichten. Weil es grad schön passt, hat im selben Aufwasch auch die Wirtschaftliche Gesellschaft für Westfalen und Lippe (gemäss zweijährigem Vergaberhythmus) den Preisträger des Westfälischen Friedens angekündigt. Das ist Tradition seit 1998, seitdem sich der Westfälische Friedensschluss zum 350. Male jährte. Wie schön! Denn kaum ein Dokument ist in der Geschichte des Völkerrechts – und damit der Friedensförderung – wichtiger als dieses in Münster und Osnabrück unterzeichnete Papier, das einen Schlussstrich zog unter ein dreissigjähriges Ringen, Morden und Vergewaltigen. Unter eine dreissigjährige Verwandlung des mittelalterlichen Kriegshandwerks in einen modernen kapitalistischen Unternehmenszweig. Der finale Federstrich setzte die Vernunft an die Stelle des blutrünstigen Hegemonialstrebens, aber nicht etwa aus Vernunft, sondern aus Erschöpfung. Einerlei: Er entkoppelte die Bedeutung eines Landes von seinem Anspruch auf Gleichbehandlung. Er installierte den Gewaltverzicht (wichtig trotz vielfacher Zuwiderhandlungen) und verbot den Nationen, sich gegenseitig in die inneren Verhältnisse hinein zu korrigieren. Er säkularisierte die Konfessionen und schuf zivile Verwaltungen. Kaum je wurde auf einen Schlag so viel erreicht wie 1648 in Münster und Osnabrück. Die Westfälische Ordnung ist ein Begriff bis heute.

Und wer, bitteschön, wurde dieses Jahr für würdig befunden, in die Reihe der Preisträger aufgenommen zu werden? Wer hat so immens viel für Frieden und Völkerverständigung getan, beispielsweise in der Ukraine, durch unablässiges Schüren des Feuers? Wer hat im Laufe der letzten zwölf Jahre nicht den kleinen Finger gehoben, wenn es darum gegangen wäre, der Diplomatie eine Chance zu geben? Richtig: die NATO. Ihr Generalsekretär Mark Rutte reist nach Münster, um den Preis entgegenzunehmen, und Bundeskanzler Friedrich Merz hält die Laudatio. Wiederum bleibt man en famille. Niemand wird das Festkonzert stören. Aber viele Kameras werden dabei sein und die Leute werden sagen: So wichtig, dass einmal etwas für den Frieden getan wird.

 
 
 

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