Wider besseres Wissen

Neue Töne klingen an im schweizerischen Corona-Diskurs, aber harmonisch sind sie nicht. Je länger die Beschränkungen der individuellen Freiräume andauern, desto absurder wird diese Debatte. Das Pro und Contra betreffend Öffnung und Rückkehr zur Normalität ist out; das Abwägen der Möglichkeiten und Risiken interessiert niemanden mehr. Vernunft war gestern. Heute wird die unsinnigste aller möglichen Fragen diskutiert: Wer hat Schuld an der ganzen Misere? Denn diese Frage, die eine Zumutung für jedermann ist, der oder die sich vom gesunden Menschenverstand leiten lässt, hat einen Vorteil: Unter diesem Vorzeichen darf auf den Mann geschossen werden.

Natürlich sind die Antworten schnell zur Hand. Nicht mehr das Virus, das wild mutiert und sich nicht gebärden will, gilt als der Verursacher aller beklagenswerten Umstände. Schuld ist auch nicht der, der die Massnahmen beschliesst, unter denen wir alle leiden (das wäre der Gesamtbundesrat), sondern schuld ist der, der sie verkündet. Das trifft sich gut, denn Alain Berset, der unter verschiedenen Portefeuilles auch dasjenige des Gesundheitsministers innehat, gehört der SP an, ist also nach schweizerischen Massstäben ein «Linker». Deshalb Feuer frei! Volle Breitseiten aus Richtung der SVP, der FDP, der Gewerbe-verbände, der Handelskammern etc. werden gegen ihn abgefeuert, zuverlässig orchestriert von der rechtsbürgerlichen Presse. Liest man sich durch die «Weltwoche» (allerdings nicht zu empfehlen…), dann scheint es so, als liege im grossen Halali auf Alain Berset die Ultima ratio der Krisenbekämpfung. Steinigt ihn, den Verkünder des Lockdowns, dann gehen wir goldenen Zeiten entgegen.

Der Schwachsinn, dass plötzlich ein Mann verantwortlich sein soll für die schweizweite Betroffenheit der gegenwärtigen Globalkatastrophe, wird – wie beabsichtigt – in den Filterblasen der Social media überhöht und im Crescendo in die Welt posaunt. Wäre Berset endlich einmal Weg vom Fenster, dann wäre der Weg frei, um auf Gedeih und Verderb alle Beschränkungen aufheben zu können. So lautet das Mantra der Libertären. Unfähig, über die Grenzen des eigenen intellektuellen Fassungsvermögens hinauszuschauen, hält man sich lieber an Roger Köppel als an wissenschaftliche Erkenntnisse, ignoriert man die jüngsten, fatalen Erfahrungen anderer Länder (Österreich, Schweden) und stellt unermessliche Folgekosten in Abrede. Wir sind hier ja in der Schweiz, wir haben ein Abonnement auf Verschonung.

Leider liegt hierin nichts Besonderes. Die Volksseele kocht und will ihr Opfer haben; Berset ist bei weitem nicht der erste. Das Besondere ist vielmehr, dass man sich selbstverständlich in den oberen Etagen der FDP und der SVP kristallklar über die volkswirtschaftlichen Abgründe bewusst ist, auf deren Grat wir wandern. Denn auf vier zählen könnte man eigentlich auch dort: Zwei Bundesräte der SVP plus zwei der FDP macht vier; vier ist die absolute Mehrheit von sieben. Die Bürgerlichen hätten es jederzeit locker in der Hand, die beiden Sozialdemokraten und die Frau der Mitte zu überstimmen. Sie tun es nicht, weil das Kollegialprinzip offenbar zur Einsicht verhilft. Gut so. Aber ihre Kollegen in den Parteizentralen befeuern das Berset-Bashing mit allen Kräften, und zwar wider besseres Wissen. Unter dem mehr als lächerlichen Vorwand, gegen eine «Corona-Diktatur» anzukämpfen, appellieren sie mit billigstem Populismus an die niedrigsten menschlichen Instinkte und hoffen, aus der Pandemie ein bisschen Kapital zu schlagen. Aber es ist eine kurzfristige Rendite, auf die hier spekuliert wird. Der Absturz könnte für die falschspielenden Parteien teuer werden, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch. Die Wählerinnen und Wähler werden sich daran erinnern, wer für die notleidenden Betriebe kämpft – und zwar für echte Unterstützungsmassnahmen, und nicht einfach für Schall und Rauch.

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