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Wer weiss denn sowas?

Wer weiss denn sowas? heisst eine Sendung der ARD, die jeden Wochentag im Vorabendprogramm ausgestrahlt wird und sich angesichts ihrer unterhaltenden, instruierenden und familientauglichen Inhalte hoher Beliebtheit erfreut. Viel Launiges wird da von einem sympathischen Moderator unterbreitet, B- und C-Promis können ihre Bekanntheit aufpolieren und zwei sozusagen zum Inventar gehörende Ratefüchse verstehen es, das Publikum entspannt in die nachfolgenden Programme der ernsthaften Informationen zu entlassen.

Der schöne Titel der durch und durch apolitischen Produktion lässt das Gedankenspiel aufkommen, was wir denn auf politischem Gebiet alles nicht wissen – dort, wo unsere Wissenslücken nicht einfach nur amüsant sind, sondern bedenklich, weil sie verhindern, dass wir die Welt besser verstehen würden. Und diese Wissenslücken sind geradezu ein Ärgernis, wenn sie nicht unserer geringen Aufmerksamkeitsspanne geschuldet sind, sondern wenn es sich um Informationsdefizite handelt, die gewollt sind, Funktionen einer politischen Absicht: Wenn es sich bei unseren Wissenslücken um Produkte einer veröffentlichten Meinung handelt, die die öffentliche Meinung absichtsvoll in eine bestimmte Richtung lenkt.

Der leidige Ukraine-Krieg führt uns all dies exemplarisch vor Augen. Die Ukraine verteidige unsere westlichen Werte, ist so ein Mantra, das uns unablässig eingetrichtert wird. Deshalb sei es richtig, dass wir sie mit Waffenlieferungen unterstützen, mit Defensivwaffen sowieso, aber auch mit Kampfpanzern und neuerdings mit Kampfjets. Wie weiland im Afghanistankrieg, als die Demokratie am Hindukusch verteidigt wurde. Oder im Vietnamkrieg, als die amerikanischen Soldaten auch für uns starben.

Nichts davon war (und ist) wahr. Wahr ist ganz etwas anderes: dass die Liste der drei genannten Beispiele (Vietnam, Afghanistan, Ukraine) schlüssig aufzeigt, wie sehr wir von unseren Medien im Stich gelassen werden, wenn Amerika irgendwo in der Welt einen Stellvertreterkrieg führt. Weil Amerika die ganze Welt beherrschen möchte, dafür aber alleine zu schwach ist, versucht es, für seine nationalen Vormachtsziele den gesamten sogenannten „Westen“ zu instrumentalisieren und zu mobilisieren.

Zu diesem Zweck wird alles und jegliches unterschlagen, was dieses Ziel unterminieren könnte. Zum Beispiel alle Informationen über die Kultur der westlichen Werte in der Ukraine. Wussten Sie eigentlich, dass die Ukraine ein hoch korrupter Staat ist (und es schon längst vor dem Krieg war), nämlich Rang 122 (von 180 Nationen weltweit) einnimmt auf der Rangliste von Transparency International, und damit ungefähr das korrupteste Land Europas? Wussten Sie, dass Präsident Selenski seinen Wahlkampf 2019 im Wesentlichen mit dem Versprechen der Korruptionsbekämpfung unterlegt hatte, dass aber die Veröffentlichung der Panama-Papers ihn als Mitinhaber eines Konstrukts von Offshore-Firmen entlarvte, von denen Millionenbeträge (in zweistelliger Höhe) ins Ausland geschafft wurden?

Und wussten Sie, dass demgegenüber der Mindestlohn in der Ukraine seit 2021 bei 1.21 Euro liegt? Wenn er denn tatsächlich ausbezahlt wird, was längst nicht in allen Branchen der Fall ist, beispielsweise nicht in der Textilbranche. Da die Ukraine in die NATO und in die EU will, spricht man bei uns – wenn überhaupt – lieber von den Produktionsbedingungen für Textilien in Bangladesh, nicht aber von den noch schlimmeren in der Ukraine. Dort gibt es Tausende von Kleinfirmen, die Halbfertigwaren nach Rumänien und Ungarn liefern, wo diese zum Label „Made in EU“ aufgemotzt werden – ehe sie von C&A, Hugo Boss, Adidas, Marks&Spencer vermarktet werden.

Wussten Sie, dass Millionen von Ukrainerinnen seit Jahren (schon längst vor dem Krieg) als Arbeitsmigrantinnen in den Bereichen Putz- und Haushaltshilfe, Seniorenbetreuung und Prostitution ausgebeutet werden, beispielsweise in Polen oder in den baltischen Staaten? Wussten Sie, dass die Ukraine in der Thematik „Gender Pay Gap“ (Einkommensschere Männer-Frauen) mit 32 Prozent auf der allerletzten Stelle Europas rangiert? Möglicherweise können Sie sich vorstellen, dass eine Primarlehrerin in der Ukraine mit einem Monatseinkommen von 120 Euro nicht überleben kann (und schon gar nicht, wenn sie Alleinverdienerin mit Kind ist – und davon gibt es jetzt traurigerweise viele…) und sich deshalb in die Prostitution flüchten muss. Wobei diese in der Ukraine verboten ist, aber natürlich trotzdem blüht, was illegalen Bordellbetreibern und korrupten Polizisten umso höhere Einnahmen garantiert.

Und was Sie ziemlich sicher auch nicht wussten: Die Ukraine ist weltweit ein Hot Spot für Leihmutterschaften. Agenturen mit klingenden Namen wie Vittoria Vita, La Via Nova, Delivering Dreams, angesiedelt in Kiew, bieten zahlungskräftigen, auf westliche Werte stehenden Westmenschen hübsche und gesunde Ukrainerinnen zum Austragen von Schwangerschaften an. Ab 40‘000 Euro (wenn das Geschlecht egal ist) ist man dabei; soll es ein Knabe werden, so kostet das bei zweimaligem Versuch 50‘000 Euro, bei unbegrenzten Versuchen 65‘000. Dafür ist dann auch die Unterbringung in ausgesuchten Hotels eingeschlossen, die Geburtsurkunde und der Reisepass. Die Gebärende erhält eine monatliche Prämie von 400 Euro und nach erfolgreicher Ablieferung des Produkts eine Erfolgsprämie von 15‘000. Sollte es eine Fehlgeburt geben, sollte das Kind behindert sein oder seine Annahme aus einem andern Grund verweigert werden, dann erhält die Leihmutter gar nichts.

Sowas wussten Sie nicht. Sollten Sie aber wissen, damit Sie es richtig einordnen können, wenn Sie demnächst wieder lesen, in der Ukraine würden westliche Werte verteidigt.

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