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Trendsportarten

Neue Sportarten schiessen wie Pilze aus dem Boden; einige davon haben das Zeug, zum Trend zu werden. Es müssen nicht Volkssportarten sein; aber doch Nischenaktivitäten, die Zulauf einer bestimmten Klientel generieren. Beispielsweise von europäischen Spitzenpolitikern. Weiterer Zuzug normaler Menschen mit gesundem Verstand ist nicht zu befürchten, weil diese nie auf den Gedanken kämen, die Perversionen der Eliten zu kopieren. Aber: andere Kreise, andere Sitten. Wir wollen aus ästhetischen Gründen nicht zu viel Inhaltliches verraten, nur das: Gepflegte Körperkultur wie weiland beim Tennis oder Golf (alles längst nicht mehr elitär) oder Polo war früher. Nein, die Herren der westlichen Welt lieben das Kriechen, genauer: das Hineinkriechen. Möglichst tief, möglichst einfühlsam. Wohin? Wir schweigen diskret über den anatomischen Part des Mannes, der sich für den mächtigsten der Welt hält, aber leider gerade hier ein wenig unappetitlich wirkt.

Die Kronfavoriten der Entourage stehen jederzeit bereit für eine Handreichung, die sich dem genannten Trend subsumieren lässt. Wie beim Lever du Roi des Sonnenkönigs, wenn es beispielsweise galt, eine Windel zu säubern. Wer kriegt den Zuschlag? Oder um wie bei der Tour der France den finalen Positionsbezug zu schaffen. Gianni Infantino (wir zählen den Fussballgottgleichen auch zu den Politikern) trägt stolz das gelbe Trikot, aber Mark Rutte ist ihm hart auf den Fersen. Friedrich Merz führt das Feld an, aber ist nicht gefeit gegen individuelle Attacken. Mit Emanuel Macron aus der Equipe tricolore ist immer zu rechnen oder mit Wolodimir Selenski, bei dem man nie ganz gewiss ist, für welche Mannschaft er kriecht und schleimt.

Das sind die beiden Disziplinen, aus denen der komplexe Biathlon dieser neuen Sportart gebaut ist. Jeder Mitbewerber muss über beide Fertigkeiten verfügen; sonst wird das ein Fiasko. Das gilt sowohl für Lang- wie für Kurzstrecken. Nie weiss man, was Onkel Donald unter jeweiligen Umständen am meisten kitzelt. Die Übergabe des FIFA-Friedenspreises durch Gianni Oberwallis war ein erfolgreicher, weil kreativer Sprint-Vorstoss. Der Preisträger verdankte die Initiative denn auch mittels eines Telefonanrufs, der Gianni noch einmal Gelegenheit gab, sich seinem Herrn in besonderer Weise verdient zu machen.

Durchschauen können wir das Ganze nicht. Was irritiert, ist der Umstand, dass, je ungehobelter Trump auf seine Freunde eindrischt, desto lustvoller diese ihren Schleim absondern und besonders eindringlich kriechen. Beim aktuellen NATO-Gipfel in Ankara wurden die europäischen Regierungschefs, mit Rutte und von der Leyen im selben Boot, von Donald Trump zusammengestaucht, dass es eine Art hatte. Aber von den Abgekanzelten auch nur ein bisschen Resilienz (andere sagen: Charakter…) zu erwarten, wäre artfremd. Sogar die Grönland-Forderung irritiert nur noch die Dänen. Die NATO und ihr Alter ego, die EU, zahlen Onkel Donals Preis. (Hier entschuldigen wir uns bei Spanien, das sich heraushält; eviva!).

Was steht hinter diesem kollektiven Irrsinn? Die Europäer (westliche NATO-Staaten ohne Spanien, aber tendenziell mit den „neutralen“ Schweizern und Österreichern) haben offenbar beschlossen, Russland tot zu rüsten. Im Wissen um die demografische und industrielle Schwäche des Riesenreichs und dessen mittelfristige Verwundbarkeit soll Russland innert vier oder fünf Jahren in den ökonomischen Kollaps getrieben werden. „End of History“, wie Francis Fukuyama damals schrieb, jetzt reloaded. Die Geschichte soll ihr Ende wiederholen, das nie stattgefunden hat. Dann wird es mit der EU wirtschaftlich wieder aufwärts gehen. Bildung, Gesundheit, Soziales und die Infrastruktur werden auferstehen. Brave new world! Der grosse Reibach von BlackRock etc. ist eh garantiert. Milch und Honig werden fliessen und fünf Prozent für Trumps Rüstung werden ein Klacks sein.

Wer’s glaubt. Die gedankliche Katastrophe, der die neoliberalen Regierungsspitzen in ihrer Geschichtsblindheit aufsitzen, liegt darin, partout nicht sehen zu wollen, dass ein Kollaps Russlands möglich, aber einer von EU und NATO wahrscheinlich ist. Putin hat alle Instrumente, seine Bevölkerung zu disziplinieren. Im Westen geht das nicht so leicht, auch wenn sich die Polizei mit Wasserwerfern und Schützenpanzern eindeckt à gogo und eine permanente Gesetzesflut die Meinungsfreiheit zensuriert, wo immer es geht. Aber selbst Brandmauern sind nicht für die Ewigkeit.

Trump flirtet mit dem Abschied der USA aus der NATO. Sollte er seine Grönland-Drohung wahrmachen, dann ist nicht Russland tot, sondern die NATO. Wir beobachten mit Argwohn, wie sich der neue kalte Krieg Richtung Arktis verschiebt. Dazu tanzen viele europäische Staaten auf dem Krater des Bankrotts und zerstäuben ihre Wettbewerbsfähigkeit mit Ukraine-Raketen. Staatsverschuldungen schlagen Purzelbäume. Deutschland zahlt 83 Millionen Euro Zinsen täglich, Tendenz steigend. Irgendwann werden die Menschen begreifen, dass jeder Cent davon bei ihnen abgeht, an der Bildung, der Gesundheit, der Infrastruktur, den Renten. Das Narrativ, der Krieg sei ihr Krieg, weil er die hiesige Freiheit und Demokratie bedrohe, ist nur noch eine Schlafpille. Längst haben alle den NATO- und EU-Trick durchschaut, Russland zu Tode rüsten zu wollen, aber niemand sieht, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Gemeinsam rudern wir dem Selbstmord entgegen. Bloss nicht reden mit Putin, bloss keine Diplomatie, bloss keinen Plan B. Die Merz‘, Macrons und der nächste Brite lassen die Menschen schuften wie Galeerensträflinge. Volle Kraft voraus. Kapitän Trump will Wasserskifahren.

Die Norweger haben uns an der Fussball-WM eine andere Trendsportart gezeigt. Rudern auf dem Trockendock: Nach dem Spiel (für die Nordmänner gab es nur Siege) setzt sich die Mannschaft zu ihren Tausenden von Fans. Zum Takt, den ein Spieler auf einer Trommel schlägt, führen sie fiktive Ruderbewegungen aus, luftrudern quasi. Scherz, Satire, Ironie. Keine tiefere Bedeutung, aber eine Riesengaudi. Heja Wiking, wir kommen. Man muss halt nur die Menschen fragen statt ihrer Anführer. Mit Wehmut erinnern wir uns, dass es einstmals auch darunter solche gab mit Humor: Winston Churchill, Konrad Adenauer, Helmut Schmidt, Ronald Reagan. Heute liesse sich vielleicht einer nennen: Sergei Lawrow. Was, der? Gott bewahre uns vor dem Hühnervogel! Dann doch lieber die Galeere, ist gut für die Fitness der Werktätigen. Rudern sollen die anderen, kriechen und schleimen können wir selbst.

 
 
 

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