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Die Eingrenzung des Denkens

Aktualisiert: 17. Juli

In der Ausgabe vom 5. Juli 2026 erschien in der «Sonntags-Zeitung» ein Interview mit dem deutschen Historiker, Rüstungsexperten und Russland-Kenner Matthias Uhl. Das Gespräch wurde geführt von einem Hausjournalisten des Tamedia-Verlags namens Michael Marti, der, gemäss Wikipedia, nebst anderen Aktivitäten auch auf seine Lehrtätigkeit an Journalismus-Schulen Wert legt. Der Austausch mit dem Kenner der Rüstungs-Materie hebt sich von tausend anderen Gesprächen und Talk-Shows zum Ukraine-Krieg dadurch wohltuend ab, dass eine zentrale Frage behandelt wurde, die in entsprechenden Formaten von TV-Stationen (ob öffentlich-rechtlich oder privat) niemand zu stellen wagen würde: Die Frage, ob das Bild von der russischen Bedrohung, dem wir alle aufsitzen, angesichts der wirklichen militärischen Stärke Russlands gerechtfertigt ist oder nicht.

Uhl gibt keine verbindliche Antwort, lässt aber vermuten: Mitnichten. Russland hätte absolut keine Möglichkeit, einen NATO-Staat anzugreifen. Aber Klartext wurde nicht gesprochen. Wer jedoch dem im Artikel enthaltenen Literaturhinweis nachgeht und Uhls einschlägiges Buch liest («Wie stark ist Russland wirklich», 2026), kommt um die Frage nicht herum: Wollte der Autor nicht sagen, was er weiss, oder hatte der Journalist nicht den Mut zu fragen, was seine Leserschaft auf kritische Gedanken gebracht hätte?

Uhl gibt zu verstehen, dass Russland unter der Last des vom Westen aufgezwungenen Rüstungswahns zusammenbrechen könnte. Immerhin; das ist mehr, als wir sonst zu lesen bekommen. Aber es wäre die Chance des Journalisten gewesen, an dieser Stelle die Frage zu vertiefen: Und umgekehrt? Könnte, wenn wir die Staatsverschuldungen westlicher Länder betrachten, ihre industrielle Unproduktivität, ihre Energiekosten, ihre Rohstoffarmut, ihr oftmaliges Schleifen-Lassen von Bildung und Infrastruktur, könnte es angesichts dieses schleichenden Selbstmords des westlichen Europas nicht ebenso gut sein, dass die halbe NATO-Welt nicht Russland zu Tode rüstet, sondern sich selbst?

Aber der Journalist und Journalismus-Lehrer verpasst seine Chance. Was lehrt er wohl seinen Schülern? Er fragt auch nicht: Da es ja keinen Zweifel geben kann, dass die politischen Leader der europäischen NATO-Nationen durch ihre Geheimdienste über die Zahlen, die Uhl recherchiert hat, ebenso verfügen wie dieser selbst – wieso führen wir denn diesen Krieg, wenn es die russische Bedrohung doch gar nicht gibt? Der Autor des Tamedia-Verlags sitzt einem Top-Experten gegenüber, der die zentrale Frage beantworten könnte, die für ganz Europa von existentieller Bedeutung ist. Aber er stellt sie nicht.

Sie wird in den grossen Medien des westlichen Europas überhaupt nie gestellt. Die uns verbliebenen Print-Medien schweigen sich aus. Ebenso die SRG, die ARD, erst recht das ZDF. Lanz, Illner, Maischberger, Miosga würden sich eher die Zunge abbeissen als das grosse Gebot zu verletzen, welches da lautet: Hinterfrage niemals die grossen transatlantischen Narrative. In der politischen Debatte unserer Zeit gilt es als Axiom, dass Russland uns bedroht und dass wir deshalb aufrüsten müssen. Ende der Durchsage.

Der Begriff, der solche Prämissen bezeichnet, heisst Framing: die Begrenzung des Denkens durch sich immer weiter verengende Rahmengebungen. Guter Journalismus würde sich eigentlich dadurch auszeichnen, exakt die Inhalte dieser Framings zu hinterfragen. Mutige Journalisten müssten beispielsweise fragen: „Wenn Putins Armeen schon gegen die Ukraine gigantische Verluste an Material und Personal erleiden – wie realistisch ist dann die Annahme, dass Russland genügend Kapazität hätte, einen NATO-Staat anzugreifen?“

​Oder der mutige Interviewer könnte fragen: „Weshalb sind Sie sicher, dass Russland imperialistische Ziele verfolgt und sich nicht einfach gegen die NATO-Osterweiterung wehrt, die bis an seine Grenzen reicht (würde es die USA betreffen, nähmen wir militärische Gegenschläge als selbstverständlich hin)?» Oder ihn könnte interessieren: «Wenn es über Jahre hinweg Milliarden an Euro und hunderttausende Menschenleben kostet – wo ist der Grenznutzen, bei welchem die Kosten des Kriegs seine Fortführung übersteigen?»

Es gäbe tausend Fragen. Sie zu stellen und den Politikern und Experten differenzierte Reflexionen abzufordern, müsste Bestandteil des Berufsethos’ jeder politischen Journalistin und jedes Journalisten sein. Und es wäre erst recht im Interesse der grossen Verlage, sind diese doch auch in kapitalistische Mechanismen eingebunden und streben nach einer Vermehrung ihrer Leserschaft. Man sollte meinen, das kritische Bewusstsein zu wecken könnte eigentlich ein Ansatz sein.

Aber entsprechende Fragen werden nicht gestellt. Es ist nicht opportun, den Menschen in Sachen Mitdenken auf die Sprünge zu helfen. Denn möglicherweise würden sie erkennen, dass alle moralischen Appelle und Phrasen, die unsere Politikerinnen und Politiker absondern, nichts als Schall und Rauch sind. Und mancher würde darauf gestossen, dass die Beantwortung dieser Fragen etwas mit ihm selbst zu tun hat: Mit seiner Rente, mit der Bildung von Tochter, Sohn und Enkel, mit dem Gesundheitswesen, mit der Infrastruktur bis hin zur Pünktlichkeit der Zugsverbindungen.

Aber etwas ginge dann nicht mehr: Wenn eine Gesellschaft davon überzeugt werden soll, dreistellige Milliardenbeträge in die Rüstungsbetriebe zu zerstäuben und in das Militär zu stecken, dann braucht es dafür eine existenzielle Dringlichkeit. Gesicherte Zahlen zur wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit Russlands und gar zu seiner demografischen Ausdünnung wären Gift. Ohne Feindbild und Bedrohung würde der gesellschaftliche Rückhalt für die Zerstörung von Sozialstaat und Infrastruktur schwinden wie Eis am Stiel in der Sommerhitze.

Da halten wir doch besser die politische Kommunikation aufrecht, die unsere Journalisten und anbieten, mit ihren bedrohlichen und simplifizierenden Narrativen. Das gibt den Grossprojekten der Gegenwart – Umstellung der Wirtschaft auf Kriegsproduktion – weniger Gegenwind. ​Gäbe man im Fernsehen offen zu, dass Russland demografisch, wirtschaftlich und militärisch seine Grenzen bereits überreizt hat, würde der Druck steigen, die politischen Prioritäten zurück auf die heimischen Baustellen zu verschieben. Und wenn etwas gefährlich wäre für die gegenwärtigen Mehrheitsverhältnisse in den Parlamenten, dann das. Man stelle sich vor! Wie viele Pfründenhäufer in den Räten würden dadurch in existentielle Not geraten? Da lassen wir die Bedrohung doch lieber auf denen liegen, die sie jetzt tragen. Die merken es nicht so, solange niemand kritisch fragt.

 
 
 

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