The American Way (of Life)

Der amerikanische Präsident Donald Trump hat in seiner Corona-Pressekonferenz vom Donnerstag (23.4.2020) seiner Ärzteschaft und der US-Wissenschaft insgesamt empfohlen zu prüfen, ob es nicht möglich sei, den Corona-Patienten herkömmliche Desinfektionsmittel direkt zu spritzen – dies abgeleitet von der Tatsache, dass Desinfektionsmittel das Virus auf glatten Flächen effizient abtöten. Ob er sich diesen Vorgang subkutan oder intravenös vorstellt, hat er nicht im Einzelnen ausgeführt.

Es spielt auch keine Rolle. Die wesentliche Erkenntnis, die wir aus seinem Vorschlag ziehen, bleibt dieselbe: Dass die noch immer in verschiedenster Hinsicht weltführende Nation einen selbstbesessenen Trottel an ihre Spitze gewählt hat, den man persönlich in keiner Weise ernst nehmen könnte, wenn man ihn nicht aufgrund ebendieser Position ernst nehmen müsste. Die Wahl Trumps – und deren drohende Wiederholung im November – in das Amt des mächtigsten Mannes dieser Welt ist der Höhepunkt der intellektuellen und moralischen Dekadenz dieser Nation sowie das Fiasko der Staatsform Demokratie überhaupt. Wir haben in diesem Amt in den letzten Jahrzehnten bereits einen Schauspieler gesehen (Ronald Reagan), der sich vor den Karren einer neoliberalen Elite spannen liess, und später einen verbrecherischen Cowboy (George W. Bush), der für seinen noch kriminelleren Vizepräsidenten einen Krieg vom Zaun brach, der eine Million Menschen das Leben kostete (Cheney, Verwaltungsratspräsident und CEO der Firma Halliburton, die den Irak seither wieder aufbaut). Als wir dachten, es sei keine Steigerung der Unmoral mehr möglich, betrat Präsident Trump die Weltbühne, kein schauspielernder Cowboy, sondern die echte und wirkliche Nummer eins der verantwortungslosen Egomanie. Da er ist, was er ist und wie er ist, kein Strohmann für irgendjemanden, hat sich das System der USA in ihm quasi selbst verwirklicht. Und solange der „Westen“ den USA weiterhin in tumber Gefolgschaft die Stange hält, ist dieses System das Prinzip der sogenannt „freien“ Welt insgesamt.

Frei wovon? Im Zeitalter des Kalten Krieges konnte diese Frage noch halbwegs klar beantwortet werden: frei vom Totalitarismus und von der Willkürherrschaft stalinistischer Prägung. Seit 1990 ist diese Epoche vorbei. Seither hat sich das amerikanische Verständnis von Freiheit verselbständigt: „frei“ zu sein, ist zu einem Wert geworden, der sich jeglicher idealistischen Anbindung entzogen hat. „Frei“ zu sein bedeutet heute, sich vom Staat nichts sagen lassen zu müssen, auch wenn entsprechende Regelungen und Vorschriften nichts anderem als dem Gemeinwohl dienen. „Frei“ zu sein bedeutet für die Trump-Wähler das im 2. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung festgeschriebene Recht, Waffen zu tragen. Und „frei“ zu sein bedeutet für die neoliberale Elite, die unter Trump alle politischen und wirtschaftlichen Schlüsselpositionen besetzt, ausschliesslich die Freiheit des Kapitals. Im Grunde läuft beides, Waffen-tragen und Neoliberalismus, aufs Gleiche heraus: auf das Recht des Stärkeren, auf das aus dem Wilden Westen überlieferte Faustrecht (oder das Recht dessen, der schneller zieht…).

Wer dieser Tage seinen Fernsehkonsum etwas ausgebaut hat und in den amerikanischen Netflix-Serien landet, erhält Einblick in eine kulturelle Welt, die exakt eine Logik kennt: Wer später zieht, ist länger tot. Es ist die Welt des Donald Trump, des bekennenden Wrestling-Fans und desjenigen, der am liebsten aus der Hüfte schiesst. Sei es in der Weltpolitik oder sei es in seinem Permanent-Wahlkampf, in welchem er es mittels steter Demagogie schafft, sein Totalversagen als kompetentes Krisenmanagement hinzustellen. Und es steht zu befürchten, dass er dabei, aufbauend auf die Ignoranz seiner Wählerschaft und die Manipulationsstrategien aus dem Reich von Google, Apple und Facebook, sogar Erfolg haben könnte.

In Europa und in der Schweiz hat man sich von Trump persönlich abgewendet. Aber die Gefolgschaft zum amerikanischen System ist weiterhin da; sie zeigt sich im Vertrauen auf den Dollar als westliche Leitwährung ebenso wie in der willfährigen Übernahme jeglichen Schwachsinns aus der amerikanischen Popkultur. Weshalb unsere blinde Gefolgschaft?

Es gab einst ein Amerika, welchem der Westen viel zu verdanken hatte. Es war das Amerika jener Zeit, als ein Präsident (Franklin D. Roosevelt 1944) eine Botschaft an den Kongress übermittelte, worin er diesen aufforderte, gesetzliche Grundlagen für die Umsetzung von Rechten zu schaffen, die er als „Economic Bill of Rights“ bezeichnete. Darunter finden sich das Recht auf Arbeit, auf gerechten Lohn und angemessenen Lebensstil, auf Gesundheitsvorsorge, auf Schutz vor den wirtschaftlichen Folgen von Krankheit, Unfall, Alter oder Arbeitslosigkeit, sowie das Recht auf eine gute Ausbildung. Obwohl der Kongress diese Botschaft ablehnte, ist nicht erinnerlich, dass Roosevelt deshalb als Kommunist verschrien war. Diese USA gaben der westlichen Welt ein Bild davon, was unter „Freiheit“ verstanden werden könnte. Im Europa der Nachkriegszeit übernahm man gewisse Ansätze davon. Es entstand das Zeitalter der sozialen Marktwirtschaft – mit Blick auf den sozialen Frieden Europas beste Epoche. Die USA haben sich seither in ein Spiegelbild verwandelt, das eine Fratze ihrer selbst zeigt. Unsere Gefolgschaft aber ist geblieben. Warum? Es wäre Zeit, endlich darüber nachzudenken.

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