Kleine Abweichungen von der Wahrheit...
Ach, ist das langweilig. Immer dieselbe Kalamität, immer dieselbe Massnahme: Keine. Stattdessen: weiter so.
Intelligenz sieht anders aus. In den östlichen Ländern der Bundesrepublik Deutschland siegt sich die AfD zu Tode, kriegt die Regierungspartei CDU sträflich auf die Mütze, jüngst, in Mecklenburg-Vorpommern gar so, dass sie aus dem Landesparlament fliegt. Sie schaffte, was es noch nie gab, die Fünfprozent-Hürde nicht. Und was tut der in oberster Verantwortung stehende Kanzler? Er tritt hinter die Mikrophone, wie wenn er zur Beerdigung seiner Grossmutter müsste. Er spricht von einer Zäsur, einem tiefen Einschnitt, einer Katastrophe – und ändert gar nix. Weiter so ist das Gebot der Stunde. Derweil kann sich die AfD ausruhen, weil sie, aufgrund dieser lächerlichen, von Friedrich Merz errichteten Brandmauer, gar nie Regierungsverantwortung übernehmen muss. Sie darf ja nicht. Und je länger desto deutlicher erhält man das Gefühl, ihr sei dabei gar nicht so unwohl.
Was aber ebenso interessiert, ist die Frage, warum Merz sich die Rolle des Prügelknaben antut. Albert Einstein wird folgender Gedanke zugeschrieben: «Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.» Voilà, ein Wahnsinniger. Unfähig, einen Staat zu führen. Nehmt ihn in Gewahrsam. Neuwahlen, sofort.
Wie aber hat der wahnsinnige Merz es dahin geschafft hat, wo er steht? Gewiss, er hatte den Willen, es der Mutti der Nation zu zeigen. Er war von Angela Merkel mehrfach lauwarm abserviert worden. Aber reichen persönliche Ressentiments für eine Kanzlerschaft, auch wenn man noch so von Ehrgeiz zerfressen ist?
Vielleicht führen gewisse Unschärfen zu einer vertieften Einsicht. Die beiden Schriftsteller und Historiker Thomas Bernhard (Österreich, 20. Jahrhundert) und Friedrich Schiller (Sachsen-Weimar, 18. Jahrhundert), die beide sowohl im Fiktiven wie im Historisch-Realen bestens verwurzelt waren, kommen betreffend Erkenntnisgewinn zu folgenden Befunden. Bernhard: «Man muss die Wahrheit übertreiben, um sie überhaupt sichtbar zu machen. Eine kleine Abweichung von der Wahrheit ergibt das schärfste Bild.» (1986). Schiller, 200 Jahre zuvor: «Die Wahrheit lebt in der Täuschung, und aus dem Nachbilde wird das Urbild wieder hergestellt.»
Tönt komplizierter, als es ist. Man kommt dem Verständnis von Schillers Aussage am nächsten, wenn man sich eine Szene aus seinem Drama «Maria Stuart» vergegenwärtigt. Elisabeth I. von England lässt ihre Cousine Maria Stuart, Königin von Schottland, die auch Ambitionen auf den englischen Thron hat, 20 Jahre im Kerker schmoren und schliesslich hinrichten, weil sie eifersüchtig ist und Angst hat vor der Konkurrenz. Aber wofür brauchte es 20 Jahre Kerkerhaft? Das ist für den, der nur Geschichtsbücher liest (was heroisch genug ist!), nicht leicht einzusehen. Schiller aber schafft es mit seinem Schauspiel problemlos. Er lässt die beiden Frauen, die sich historisch nie begegnet sind, wie zwei Hyäninnen aufeinanderprallen. Jedermann versteht: Für diese zwei Frauen gibt es auf unserem Planeten nur Platz für eine. Klar: für die Königin von England. Maria verliert ihren Kopf, behält aber ihre Würde. Alle haben verstanden. Die kleine Retouche an der Wahrheit macht diese erst sichtbar.
Nun also Friedrich Merz. Wenn wir davon ausgehen, dass er grundsätzlich nicht der Trottel ist, als den er sich gerade gibt, dann liegt die Wahrheit im Dunkeln, und wir fragen uns, welche Unschärfe betreffend die Wahrheit könnte dieses Dunkel erhellen? Eigentlich bleibt nur eine Lösung – eine, für welche es in diesem Spiel von Fiktion und Realität keinen Beweis geben kann. Wohl aber viel Plausibilität.
Die Wahrheit also ist: Merz würde vielleicht gerne zurücktreten, aber er kann nicht, weil er nicht darf. Sein (früherer) Arbeitgeber BlackRock (deren Chef Deutschland er war), weltgrösster Investor in allen Belangen, anteiliger Besitzer der Ukraine, wo man sich im Laufe der Jahre alle möglichen Rechte zusammengeschachert hat – Black... lässt ihn nicht vom Rockzipfel. So viel hat man investiert in diesen Mann, um nicht über Umwege, sondern direkt am Tisch der Politisch-Mächtigen zu sitzen, am Tisch der EU, der NATO, der G7, G20, und alles war prächtig. Wäre da nicht die AfD gewesen. Und die deutschen Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, vor allem der neuen Bundesländer, denen 40 Jahre lang DDR-Diktatur so unter die Haut gegangen sind, dass auch die Generationen nach der Wende noch vom Impfschutz profitieren.
Oder, um die Perspektive zu wechseln: Friedrich Merz hat sich von den deutschen Bürgerinnen und Bürgern auf der Basis ihres akkumulierten Frusts und seiner hoffnungslos ungedeckten Versprechungen wählen lassen – aber keinesfalls in der Absicht, für sie Politik zu machen, sondern für BlackRock. Die AfD gedachte Merz mit dem absurden Konstrukt einer Brandmauer aus dem Spiel zu nehmen, in deren Schatten er sie beorderte.
Das Konzept erforderte seinen persönlichen Zugriff auf die Aussenpolitik, den er ab der ersten Stunde entschieden wahrnahm. Ursula von der Leyen, EU-Chefin, folgte ihm bedingungslos, andere Spezis auf europäischen Regierungssesseln und der NATO ebenso. Konsequent setzte er als Aussenminister einen Hampelmann ein, von dem keine eigenen Impulse zu erwarten waren, es sei denn die falschen («Russland wird immer unser Feind sein»). Einen Aussenminister, der so gesichtslos ist, dass er als wesentliche Massnahme verfügte, sein Konterfei sei fortan in allen deutschen Botschaften dieser Welt prominent auszuhängen. Auf dass man ihn nicht vergesse.
Und wieder wäre alles prächtig gewesen, wären da nicht die AfD und die deutschen Stimmbürgerinnen und Stimmbürger, vor allem der neuen Bundesländer, die den Aussenkanzler daran erinnerten, dass es auch eine Innenpolitik gab, in der schief lief, was schief laufen konnte.
Jetzt steht er da, der Kanzler ohne Volk, und weiss nicht weiter… Wie gesagt, das alles unterliegt einer gewissen Unschärfe… Aber eine im hellen Licht der Plausibilität.

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