Eine Frage der Generationen?

Als die Corona-Pandemie vor einem halben Jahr ausbrach, lautete die Kunde: Dieses Virus bedroht so gut wie ausschliesslich die ältere Generation. Mehr oder weniger willkürlich wurde die Haupt-Risikogruppe mit einer Altersschwelle abgegrenzt, zufällig (?) exakt jene, die unser Pensionsalter definiert: 65. Viele Jüngere waren gar nicht amused über das, was dadurch auf sie zukommen würde. Zur Bürde, dass sie den Pensionierten die AHV finanzieren müssen, kamen plötzlich zentrale Einschränkungen im beruflichen und sozialen Leben hinzu und noch später die trübe Aussicht auf eine Milliardenlast, die sie zusätzlich abzu-tragen hätten. Kein Zweifel: Der Generationenvertrag, der mit Blick auf die AHV in Schieflage hängt, seit die geburtenstärksten Jahrgänge das Rentenalter erreicht haben, droht vollends abzurutschen. Trotzdem hat sich eine bemerkenswerte gesellschaftliche Solidarität gezeigt, als das Virus am heftigsten wütete. Wir Älteren haben allen Anlass, dafür dankbar zu sein.

Mittlerweile haben sich die Vorzeichen etwas geändert, nicht nur, was die Pandemie betrifft. Zunächst wurde die These definitiv ausgeräumt, dass nur die über 65-Jährigen gefährdet seien. Zweitens hat sich die gesellschaftliche Gefährdungslage in anderer Hinsicht umgedreht. Seit es gelungen ist, die Fallzahlen soweit zu drosseln, dass weitgehende Deregulierungen möglich wurden, dass vom Schlagbaum an der Grenze bis zum Bordell alles wieder geöffnet ist, seither grassiert eine landesweite Unvernunft, die wohl kaum den Älteren angelastet werden kann. In den Zürcher Nachtclubs wird gefeiert, als käme morgen die Sintflut. Es steht noch nicht fest, ob sie nicht in Gestalt eines neuerlichen Lockdowns über uns kommt. Aktuell ist die Steigerungsrate bei den Fallzahlen in kaum einem Land so hoch wie in der Schweiz.

Hotspot der Virusverbreitung ist dort, wo Party herrscht. Bilderfluten auf Facebook und Instagram suggerieren, nur Partymachen mache das Leben lebenswert. Der ungezügelte Hedonismus droht, das Erreichte zu verspielen aus lauter Dummheit. Der weltbeste Tennisspieler – Djokovic – hat es auf der von ihm ins Leben gerufenen Adria-Tour vorgemacht, indem er den Superspread zum Kult erhob. Er fügt sich passend ein ins erste Glied der Verantwortungslosen, und mit ihm all seine hunderttausende Followers. Dort finden sie sich ein neben ihren Schutzpatronen, den Trumps, Bolsonaros und Tönnies.

Damit ist in der Titelfrage die Beweisführung abgeschlossen: Die Corona-Pandemie ist alles Mögliche, nur keine Generationenfrage. Vernunft und Unvernunft, Verstand und Dummheit, Verantwortungs-bewusstsein und Nach-mir-die-Sintflut sind keine Kategorien des Alters, sondern der Befähigung, mit der Welt umzugehen. Wir Älteren dürfen froh sein, dass es so viele Junge gibt, die sich hierin bewähren.

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