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Ein Volk von Terroristen?

Aktualisiert: 13. Okt. 2023

Seit vergangenem Samstag gibt es keine Palästinenser mehr, es gibt nur noch Terroristen. Wo früher Menschen waren, sind jetzt, gemäss dem israelischen Verteidigungsminister Yoav Gallant, nur noch “menschliche Tiere”, Bestien, die, es auszurotten gilt. Ohne Zweifel war der furchtbare Angriff von Hamas gegen Israels Süden eine Tragödie, und zwar in verschiedenster Hinsicht. Sie brachte tausendfach entsetzliches Leid über die Angegriffenen, sie wird in der Folge hunderttausendfaches Leid über die Palästinenser bringen. Sie war ein Muster politischer Unüberlegtheit, das in Sachen Opferzahlen, Menschenrechtsverletzungen, ziviler und politischer Entrechtung die Angehörigen der Täter zu Opfern machen wird. Und nicht Auge um Auge, Zahn um Zahn, sondern in Dimensionen, die den Erstschlag pulverisieren werden. Und sie war eine Steilvorlage für alle terribles simplificateurs dieser Welt, die jetzt ungestraft medial vom Leder ziehen dürfen. Aber ist es deshalb auch erlaubt, jetzt jedes Augenmass in der Beurteilung verlieren?

Seit Samstag herrscht in den Medien ein Bashing des palästinensischen Volkes vor, dass einem übel werden könnte. Nicht nur in den sozialen Medien (wo solches zu erwarten war), sondern auch in den grossen westlichen Leitmedien. Der Unterschied zwischen Israelkritik und Antisemitismus war gestern; heute gehen Kraut und Rüben in einen Topf. Im deutschen Bundestag, wo aufgrund des moralischen Absturzes Deutschlands vor 80 Jahren in allem, was Israel betrifft, ein moralischer Rigorismus vorherrscht, der jede Differenzierung totschlägt, ist es am schlimmsten. Die Aussprache im Bundestag verkam zu einem Wettbewerb über die Frage, wer den drastischsten Kommentar draufhat, wer am extremsten politisch vorstösst. Deutschland gewährt Israel einen Freifahrschein, der mit der moralischst möglichen Begründung alles gutheisst, was moralisch zu verurteilen wäre. In der Schweiz, wo gerade Wahlkampf herrscht, versuchen Kandidaten jeglicher Couleur noch ein paar Stimmen von Extremisten durch pauschale Loyalitätskundgebungen herauszukitzeln. Dass man auch mit der Zivilbevölkerung in Gaza loyal sein könnte, kommt keinem in den Sinn.

Israel hat sich in den 75 Jahren seiner Existenz zum Nachteil der dort seit Jahrhunderten ansässigen Bevölkerung zum Apartheidstaat dramatischen Ausmasses entwickelt. Der Gaza-Streifen, aus welchem der Angriff erfolgte, ist nichts anderes als das grösste Gefängnis der Welt. Auf 360 Quadratkilometern sind 2,3 Millionen Menschen zusammengepfercht, was einer Bevölkerungsdichte von fast 6400 entspricht (das Dreissigfache der Schweiz). Auf der einen Seite ist der Gaza-Streifen begrenzt durch das Mittelmeer, auf der anderen durch eine Mauer, die Israel vor 20 Jahren anzulegen begonnen hat, eine elektrisch gesicherte Absperrung von bis zu neun Metern Höhe. Die gesamte Zulieferung für die Menschen innerhalb dieser Abgrenzung unterliegt israelischer Kontrolle, von Nahrungsmitteln über die Elektrizität bis hin zu den Medikamenten. Und insbesondere: von Wasser. Israel entscheidet, ob den Menschen dort Überleben gewährt sei oder ob sie verrecken sollen (sorry, so krass ist das halt). Israel sitzt an den Schalthebeln der Macht und gebraucht sie nach Belieben. Jedem terroristischen Gewaltakt der Hamas folgen staatsterroristische Schläge gegen die Zivilbevölkerung à discrétion. Wenn Bedarf besteht, wäscht Israels oberster Gerichtshof seit Jahrzehnten strukturelles Unrecht weiss.

In all dem gibt es in Tagen wie diesen kein Halten. Zwar widerspricht das dem geltenden internationalen Recht, denn der Entzug vitaler Subsistenz gilt als Kriegsverbrechen. Aber Israel macht es trotzdem, weil niemand innerhalb der westlichen Gemeinschaft zu widersprechen wagt. Denn über jedem denkbaren Widerspruch schwebt das Damoklesschwert des Vorwurfs von Antisemitismus. Dieses Etikett kann sich kein westlicher Politiker leisten. Im Gegenteil. Die Möglichkeit, jede Israel-Kritik als Antisemitismus abzustempeln, wird systematisch bewirtschaftet. Moralismus wird zur Waffe zum Nachteil der Palästinenser.

Dabei gibt es keinerlei Berührungsängste mit Absurditäten. Nicht wenige, die sich von ihrem Moralismus reiten lassen, versäumen nicht, ihre Loyalität mit Israel mit jener mit der Ukraine zu verknüpfen. Was machen diese jetzt aber, wenn sich je länger desto mehr erhärtet, dass mitnichten alle Raketen, die am Samstagabend Israel erreicht hatten, aus dem Iran stammten, sondern dass auch solche aus ukrainischen Beständen dabei waren? Der Westen, der nie zu hinterfragende moralische Leitstern, wird nolens volens zum Täter.

Die mediale Abstempelung der Palästinenser als ein einig Volk von Terroristen hat innerhalb dieses getunten Moralismus im westlichen Diskurs eine klare Funktion. Ein Volk, das über Jahrhunderte auf seinem Grund und Boden nichts anderes getan hat als Rebberge zu bebauen und Olivenhaine zu bewirtschaften, ist über Nacht zum Reich des Bösen mutiert. Wer dem widerspricht, droht zum gesellschaftlichen und politischen Paria zu werden. Wem nützt diese Verfälschung der Wirklichkeit? Sie nützt wie immer den Scharfmachern, den Schwarz-Weiss-Malern, den Kriegsbefürwortern, der Waffenindustrie, der amerikanischen Öl-Lobby, den üblichen Verdächtigen. Sicher nicht den Friedfertigen dieser Welt. BlackRock, Hauptinvestor im Kreislauf von Krieg, Zerstörung und Wiederaufbau, der anscheinend nie unterbrochen werden darf, ist ebenso Hauptinvestor der grössten Medienhäuser dieser Welt.

Vielleicht sollten deren Meinungsmacher sich eine andere Wirklichkeit aussuchen, eine, die den Bildern entspricht, die sie sich von ihr machen. Dann hätten sie sie voll im Griff. Und müssten uns nicht in diesen Strudel von Einseitigkeiten, Unterlassungen und Fake-news reissen.

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Danke für den lesenswerten Beitrag. Dein Kompass in Sachen Palästina ist richtig ausgerichtet. Salam Ukraina, Slava Palestine.

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