top of page

Bis zum letzten Ukrainer

Man wird nicht satt, sich zu ärgern. Am Montag konnten wir wieder einmal live verfolgen, wie die Wahrheit mundtot gemacht wird. In der ARD bei Sandra Maischberger war Alice Schwarzer zu Gast, grande dame des deutschen Feminismus, vorgeblich aus Anlass ihres 80. Geburtstags. Aber die EMMA-Herausgeberin kam erst in zweiter Linie dran. Zuvor wurde in einer Journalistenrunde der Ukraine-Krieg verhandelt, unterlegt mit schwer auszuhaltenden Bildern. Fotos aus Schützengräben, die knöcheltief unter Wasser stehen, im Schlamm watende Soldaten. Eine Szenerie, wie wir sie kennen von Fotos aus dem Ersten Weltkrieg, aus Flandern, den Ardennen und aus der Hölle von Verdun. Bilder, die wir als historische Mahnung abgespeichert haben, dass es soweit nie wieder kommen darf.

Nun sind sie Realität. Sie wurden bei Maischberger benutzt, um uns den Aufschrei auf die Frage zu entlocken: Dürfen wir angesichts von so viel Unmenschlichkeit immer noch Waffen liefern? Hätten wir nicht die Pflicht, diese Soldaten zu erlösen? Den Tod und die Zerstörung zu beenden, diese Menschen aus dem Schlamm zu holen, ihnen trockene Kleider und ein warmes Bett zu geben – auch wenn der Preis einige ostukrainische Provinzen wären, die dann russisch blieben?

Jeder Mensch mit halbwegs humanistischer Gesinnung und einem Restbestand an westlichen Werten möchte sofort «Ja!» rufen – aber die angedachte Dialektik suggerierte das Gegenteil. Die Journalisten machten Front: Keinesfalls dürfen wir das! Wir müssen alle Opfer bringen! Das gäbe doch nur Putin das Signal, dass das Böse sich lohnt. Wie kämen wir dazu, den Ukrainern jetzt einen Verhandlungsfrieden nahe zu legen, jetzt, wo die Waffenlieferungen sich langsam auszuzahlen beginnen.

An dieser Stelle wurde Alice Schwarzer in die Runde gebeten. Zum Schein gab’s zunächst ein bisschen Small Talk zum Geburtstag, aber dann kam sofort die Gretchenfrage: Frau Schwarzer, Sie waren doch immer ein bisschen Berufsprovokateurin… auch mit Ihrem offenen Brief an den Bundeskanzler mit dem Aufruf, die Waffenlieferungen seien sofort einzustellen. Würden Sie heute diese Forderung immer noch stellen?

Im Klartext hiess das: Bist du endlich bereit, mit den Wölfen zu heulen, dich in die Achterkolonne des Mainstreams einzuordnen? Oder ziehst du es vor, fürderhin als Paria der veröffentlichten Meinung zu gelten? Alice Schwarzer, ganz der Humanität verpflichtet, sagte ungerührt: Aber selbstverständlich fordere ich weiterhin den Stopp von Waffenlieferungen, mehr denn je. Zumal der Krieg ja auch ein Stellvertreterkrieg ist zwischen den USA und Russland.

Eine Banalität, sollte man meinen. Aber jetzt brach der Sturm los. Ein ARD-Journalist fragte allen Ernstes, was denn dieser Krieg mit den USA zu tun habe, und bezichtigte Schwarzer der Verbreitung von Verschwörungstheorien. Zwei Tage später doppelte der FOCUS nach, laberte von «Geschichtsklitterung» und «Vulgärpazifismus» (!) und erteilte Alice wie einer Schulgöre die mieseste aller Zensuren.

Fällt uns noch etwas ein angesichts so viel verlogener, ideologisch vollgepumpter Meinungsmache? Wir wissen, dass im Krieg die Wahrheit immer zuerst stirbt, dass sie beidseitig abgemurkst wird. Aber die Schamlosigkeit, mit der derzeit im Namen westlicher Werte in den Medien faktenfrei gelogen wird, hat doch eine neue Qualität.

Um die Gegenfrage der ARD und des FOCUS zu beantworten: Ja, dieser Krieg hat mit den USA etwas zu tun. «Hätten die USA nicht auf die Erweiterung der NATO bis an die Grenzen Russlands gedrängt; hätten sie nicht nuklearfähige Raketenabschussvorrichtungen in Rumänien stationiert und in Polen; hätten sie nicht zum Sturz der demokratisch gewählten ukrainischen Regierung beigetragen; hätten sie nicht den ABM-Vertrag und dann den Vertrag über nukleare Mittelstreckenraketen abgeschafft und abschliessend die russischen Versuche, ein bilaterales Moratorium für die Stationierung auszuhandeln, ignoriert; hätten sie keine Übungen mit scharfen Raketen in Estland durchgeführt, um das Anvisieren von Zielen innerhalb Russlands zu üben; hätten sie kein umfangreiches Militärmanöver mit 32 Nationen in der Nähe des russischen Territoriums organisiert; hätten sie die Streitkräfte der USA nicht mit denen der Ukraine verknüpft; hätten sie nicht all diese Dinge nicht getan, wäre der Krieg in der Ukraine wahrscheinlich nicht ausgebrochen.» (Aus: «Wie der Westen den Krieg in die Ukraine brachte» des amerikanischen Historikers und Arztes Benjamin Abelow.)

Das haben die USA mit dem Krieg zu tun. Man stelle sich vor, wie es umgekehrt wäre: Wenn Russland mit Kanada eine Militärallianz eingegangen wäre, wenn es 100 Kilometer nördlich der Niagarafälle Mittelstreckenraketen aufgebaut und Manöver zur Sicherung von deren Kampfbereitschaft durchgeführt hätte. Oder besser: Man stelle es sich lieber nicht vor… denn dann hätte der nukleare Weltkrieg wahrscheinlich bereits stattgefunden.

Vor Monaten hat der ukrainische Präsident Selenskyj angeboten, er sei zu verhandeln bereit, auch wenn es die Halbinsel Krim kosten würde. Sofort rannte Boris Johnson nach Kiew, um – nach Absprache mit Joe Biden – Selenskyj einzubläuen, dieser Satz sei tabu. Flugs setzte er ihm den Floh ins Ohr, die Krim könne mit westlicher Hilfe sehr wohl ukrainisch werden. Selenskyj gehorchte und fordert seither die Krim – und deshalb hat das gegenseitige Ausbluten kein Ende. Die Soldaten waten in den Schützengräben und verrecken im Schlamm.

Im Pentagon wird derzeit das Bonmot herumgeboten: «Wir Amerikaner kämpfen bis zum letzten Ukrainer.» Aber unsere Medien wollen uns weismachen, der Krieg habe mit den USA nichts zu tun.

67 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Längst hat der Ukraine-Krieg von unserem Alltag Besitz ergriffen. Die täglichen Nachrichten vom Kampf um den Donbass oder Bachmut, von Drohnenangriffen auf Kiew oder auf Moskau erschrecken uns nicht m

Das gab es in der Geschichte des 20. Jahrhunderts zweimal: In Europa tobte der Krieg, und die Schweiz versuchte, sich herauszuhalten. Es gelang ziemlich gut, wenn wir den wichtigsten Effekt betrachten

Öffentlicher Anlass im Literaturhaus Basel: Zwei im Exil lebende russische Intellektuelle, der Schriftsteller Michail Schischkin und der Musikwissenschaftler Artem Troitsky, sprechen über ihre Heimat.

bottom of page