Nathan der Leise

Aktualisiert: Mai 14

Stell Dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin… Geht es um Nahost, um Palästina, dann müssen wir uns gar nichts vorstellen, dann wissen wir seit Jahrzehnten Bescheid. Es ist Krieg, und alle machen mit. Die gegenwärtige Gemengelage aller Konfliktaspekte bringt die schiere Hoffnungslosigkeit auf den Punkt, dass im gelobten Land doch wieder einmal Frieden einkehren könnte. Seit dem 6-Tage-Krieg von 1967, als Israel den Gazastreifen und das Westjordanland eroberte, kann die Ordnungsmacht durch die faktische Zweiteilung Palästinas (nebst vielen Einsprengseln von Siedlungsflecken) den Alltag der Menschen bestimmen und die Eskalationsstufe nach Belieben regulieren.

Im Gazastreifen leben auf 360 Quadratkilometern 2 Millionen Menschen hinter einer Mauer eingesperrt, zusammengepfercht und durch vielfältige Wirtschaftsblockaden dem Mangel ausgesetzt, dem Mangel an Nahrung, an medizinischer Betreuung, an Bildung, an Perspektiven. Im Westjordanland betreibt Israel weiterhin eine aktive Siedlungspolitik und enteignet – geschützt durch die eigenen Gerichte – Territorium auf Territorium, auf dem keine privaten Grundbuchtitel verzeichnet sind (was weitgehend gar nicht der Fall sein kann, da nach arabischem Verständnis Boden nur zur Nutzung gegeben oder genommen wird und ansonsten Allmend ist). Tausenderlei Möglichkeiten zu allen denkbaren Schikanen wurden von den verschiedensten israelischen Regierungen genutzt, um die Menschen entweder zur Verzweiflung oder zur Weissglut zu treiben. Aber keine dieser Regierungen war darin so virtuos wie die seit zwölf Jahren im Amt befindliche des Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Da ihm kürzlich, nach viermaliger Parlamentswahl innert zweier Jahre, eine erneute Regierungsbildung nicht geglückt ist, besteht seine einzige Chance auf Machterhalt in der Verschärfung der Spannungen mit den Palästinensern – andernfalls droht ihm als Privatperson eine ganze Reihe von Prozessen (eine Fussnote zum Vergleich mit seinem Spezi Donald Trump, der ähnlich im Korruptionssumpf steckt, ist unvermeidlich). Netanyahu nutzt das ganze ihm zur Verfügung stehende Instrumentarium an Repressalien, um den Konflikt zu schüren und sich als starken Mann zu präsentieren; die Sperrung des Platzes vor dem Damaskus-Tor und der Sturm des Tempelbergs durch die Polizei – mitten im Fastenmonat Ramadan – waren nur zwei davon. Netanyahu und Israel betreiben eine Politik, die Human Rights Watch kürzlich als «Apartheid» bezeichnete. Wie zutreffend das ist, zeigt nichts besser als die Tatsache, dass der Covid-Impfweltmeister Israel (60 Prozent der Bevölkerung doppelt geimpft) auch in dieser Hinsicht die Palästinenser einfach hängen lässt – bei den ungeliebten Moslems sind es weniger als 2 Prozent.

Am vergangenen Mittwoch ist der Ramadan ausgelaufen. Die meisten Palästinenser, unter denen mehr und mehr islamistische Kräfte das Sagen haben, sind aufgestachelt. Die Hamas-Partei, die den Gazastreifen beherrscht, will die (Un-)Gunst der Stunde nutzen, um sich auch im Westjordanland zur ersten Kraft aufzuschwingen, wo Mahmut Abbas, der Präsident der Autonomiebehörde, schwächelt und vorsichtshalber die anstehenden Wahlen auf unbestimmte Zeit verschoben hat, weil seine Fatah-Bewegung die Mehrheit verlieren würde. Um Stärke zu zeigen, belegt Hamas alle erreichbaren Ziele in Israel, von Tel Aviv bis Jerusalem, mit einem nie gesehenen Trommelfeuer von Raketen, hauptsächlich aus iranischen Beständen. Insofern handelt es sich beim Israel-Palästina-Konflikt zu allem Überdruss auch noch um eine Art Stellvertreterkrieg der jeweiligen Schutzmächte USA und Iran. Trumps Nahostpolitik, die er der Weltöffentlichkeit als grossen Erfolg verkaufen wollte, zeigt Wirkung; Palästina war sein Bauernopfer. Kein Staat und keine Leitmedien der westlichen Welt – inklusive der Schweiz – würden es wagen, die amerikanisch-israelische Allianz dafür zu kritisieren. Man duckt sich vor dem Unrecht des Stärkeren.

Knapp 240 Jahre ist es her, als Gotthold Ephraim Lessing sein Stück «Nathan der Weise» auf die Bühne brachte. Er nannte es «ein dramatisches Gedicht» und verstand darunter so etwas wie: ein szenisches Märchen. Es ist eine Parabel auf die Menschheitsfamilie: die drei monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum, Islam begegnen einander in Gestalt von drei Figuren, die, ohne es zu wissen, alle verwandt sind miteinander. Das Stück spielt 1192, zur Zeit des dritten Kreuzzuges, aber nichts von Krieg ist zu spüren. Mit Ausnahme des über alle Massen verbohrten christlichen Patriarchen sind alle Figuren wohlmeinend. Nathan, der Weise, bringt Lessings Idee auf den Punkt, indem er die Geschichte eines Rings erzählt, der die Kraft hat, seinen Träger «vor Gott und Menschen angenehm» zu machen. Der Ring wird von Generation zu Generation immer vom Vater auf den liebsten Sohn vererbt – bis ein Vater drei Söhne hat, die ihm gleich lieb sind. Er lässt zwei Kopien des Rings herstellen; nun hat jeder seiner Söhne einen. Wie kann man noch herausfinden, welches der echte ist (gleichbedeutend mit der Frage: welche der drei Religionen ist denn die wahre?)? Die Antwort ist einfach: Man warte, so circa 1000 Jahre. Dann wird man sehen, welcher der dreien von den beiden andern am meisten geliebt wird.

Es gibt kein Problem, das nicht lösbar wäre, würden die Menschen die Vernunft walten lassen. Verstand und Herz würde es erfordern, Demut und die Bereitschaft, die eigenen Vorurteile unvoreingenommen zu überprüfen. Heute aber hat man keinen Verstand, sondern Algorithmen. Herz ist out, auf die eigenen Vorurteile ist man stolz, und Demut ist ein Fremdwort geworden. Die Aufklärung ist gescheitert, Lessings (und einiger seiner Zeitgenossen) Vermächtnis an die Menschheit war nutzlos. Nichts macht heute ratloser als das, und nichts illustriert diese Menschheitskatastrophe deutlicher als der Nahostkonflikt. «Nathan der Weise» müsste das aktuellste Stück der Theaterliteratur sein, aber es geht kaum mehr über den gymnasialen Literaturunterricht hinaus.

Aber immerhin! Wir halten die Hoffnung aufrecht, dass sich vielleicht irgendein ehemaliger Schüler, Politiker geworden, daran erinnert, oder eine ehemalige Schülerin, wenn es gilt, wichtige Entscheide in einflussreichen Positionen zu treffen. Heute aber vernimmt man Nathans Stimme nicht. Gegenüber dem Lärm der Welt ist sie zu leise geworden.

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