Madame Courage und die Herren Unverstand

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Wer täglich mithört, was sich die Menschen alles an Unsinn mitzuteilen haben und was an Gedankenlosigkeit dahergeplappert wird, kommt nicht umhin, diesem Diktum des Volksmundes eine höhere Stufe der Weisheit zuzuerkennen. Aber sie gilt nicht immer. Im Ukraine-Krieg gibt es scheue Anzeichen von Gesprächsbereitschaft. Der russische Aussenminister Lawrow hat zu verstehen gegeben, dass Wladimir Putin zum Gespräch bereit wäre, und zwar auf höchster Ebene, mit US-Präsident Joe Biden. Ein Lichtblick, sollte man meinen. Egal, was am Verhandlungstisch gesprochen würde – wenn bloss nicht mehr geschossen würde, solange man redete. Aber weit gefehlt. Die westliche Seite, geblendet von aktuellen militärischen Erfolgen der Ukraine, ziert sich.

Es ist ein bekanntes Phänomen in der Kriegsdiplomatie. Wenn es auf Verhandlungen zu geht, werden beidseits die militärischen Anstrengungen vermehrt, um auf der Basis von strategischen faits-accomplis eine möglichst starke Verhandlungsposition zu erreichen. Auf Seiten der Ukraine und der hinter ihr stehenden Schutzmacht USA gibt man sich aktuell so selbstbewusst, dass man den Herren Putin und Lawrow die kalte Schulter zeigt.

Das Verhalten wirft die Frage auf, worum es dem Westen wirklich zu tun ist. in einem Moment, wo sich die ganze Welt die bange Frage stellt, ob es denn gar keine Möglichkeit gibt, aus dieser Eskalationsspirale ins globale Verderben auszusteigen, spielt man den starken Mann, der sich um das Elend und die Kriegsmüdigkeit der eigenen Bevölkerung nicht kümmert. Der ukrainische Präsident Selenskij hat bereits vor 14 Tagen ein Dekret erlassen, das Gespräche seiner Regierung mit dem russischen Staatsoberhaupt grundsätzlich untersagt, solange dieses Putin heisst. Biden selbst sagte gegenüber CNN, Putin habe brutal gehandelt und Kriegsverbrechen begangen. Und deshalb sehe er keinen Grund, sich jetzt mit ihm zu treffen.

Fraglich, mit wem innerhalb seiner eigenen Administration – beispielsweise des Aussen- oder Verteidigungsministeriums – Biden unter diesen Umständen noch sprechen kann, der mindestens seit 20 Jahren dort im Amt ist... Bidens Gesprächsverweigerung macht deutlich, worum es den amerikanischen Hardlinern in diesem unsäglichen Krieg nicht geht: um eine Lösung des Problems im Sinne der Verminderung des Elends.

Washington will Moskau an die Wand fahren, schlicht und ergreifend. Dafür hat sich der Richter seinen Henker ausgesucht: Wolodimir Selenskij. Dieser und das ukrainische Volk sind von den USA auserlesen, für sie die Kohlen aus dem Feuer zu holen, um Russland ein- für allemal als geopolitischen Faktor auszuschalten. Dafür wird die Ukraine uneingeschränkt mit Waffen beliefert (zum sekundären Benefit der amerikanischen Rüstungsindustrie). Am Schluss soll Russland einmal mehr so erschöpft sein, dass die USA sich in einer neuen – dualistischen – Weltordnung ganz auf den eigentlichen Gegner der Zukunft konzentrieren kann: China. Selenskij, dieser zwiespältige Komödiant am Tropf der USA, spielt seine Rolle oscarreif und sondert Widerstands- und Endsiegparolen ab, ein- übers andere Mal.

Wenn sich die beiden Herren nur nicht verrechnen! Zum einen ist Putins Nukleardrohung im Raum. Wir erinnern uns: Putin hat sich vor Beginn seines Beutezuges gegen die Ukraine ganz ähnlich verhalten: er hat dem Westen Angebote gemacht, auf die dieser nicht eintreten konnte. In der Folge hat Putin zugeschlagen. Ob sich der Westen gegenüber der Möglichkeit einer atomaren Eskalation ebenso unnachgiebig zeigen sollte, ist eine Form von russischem Roulette – das Risiko trägt Europa. Zum anderen scheint es, als ob die USA sich in ihrer globalen Machtstellung etwas überschätzten. Zwar ist eben die UNO-Generalversammlung in der Verurteilung der russischen Annexionen mit überwältigendem Mehr der amerikanisch-europäischen Position gefolgt (gegen die Stimmen von Russland, Weissrussland, Syrien, Nordkorea und Nicaragua – aber auch gegen die Enthaltungen von China und Indien…), aber in der Energiefrage lassen die Saudis Amerika abblitzen und drehen das grosse Förderrad für Öl und Gas zu. Ein Affront für die USA, ein Sieg für Putin – und für den im Hintergrund abwartenden Xi Jinping.

Dass der Krieg geeignet ist, die niedrigst denkbaren Verhaltensweisen des Menschen zu Tage zu fördern, ist eine Einsicht, die seit Putins Angriff auf die Ukraine vor acht Monaten immer wieder von Neuem Bestätigung findet. Brutalitäten und Stupiditäten geben einander die Hand. Gesprächsverweigerung ist eine solche Form von Unverstand, die sich die Menschheit schlicht nicht leisten kann. Sie würde es auch nie tun, wenn man statt der Politiker die Menschen fragen würde.

Beispielsweise die Frauen. Die Grande Dame der schweizerischen Spitzendiplomatie, Heidi Tagliavini, die unter schwierigsten Umständen und unter Einsatz des eigenen Lebens bemerkenswerteste Waffenstillstandsabkommen in allen möglichen Kriegen im Kaukasus erreicht hat, sagte es diese Woche (im Interview mit den Tamedia-Zeitungen) unmissverständlich: «Diplomatie ist nie umsonst. Meine Devise war immer: Jeder Tag, an dem nicht gekämpft wird, ist eine Insel der Sicherheit für die betroffenen Menschen.» Auf wen sollten wir wohl hören? Auf «Madame Courage» (NZZ über Heidi Tagliavini) oder auf die Machos vom Zuschnitt eines Joe Biden oder Wolodimir Selenskij?

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