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Worthülsen

Es gehört in den USA mittlerweile zum Alltag: Ein irregeleiteter 18jähriger erschiesst in einer Schule in Texas 19 Kinder und zwei Erwachsene. Aus den Zeitungen verschwindet dieses Unsägliche schon am zweiten Tag. Was liesse sich auch weiter darüber berichten? Ein bisschen die Fahnen auf Halbmast gesetzt, ein bisschen Betroffenheitsrhetorik, abgesondert von Politikern im Wahlkampf, und das war’s. Dazu noch ein hilfloser Präsident, der keine Chance hat, gegen die republikanische Lobby der Waffenfanatiker auch nur das Geringste zu bewirken. Denn diese sieht im zweiten Amendment, 1791 der amerikanischen Verfassung (von 1789), beigefügt, eine Pièce de résistance der Freiheit. Und weil Freiheit als sakrosanktes Gut gilt, erstreckt sie sich auch auf die Freiheit, eine Bestimmung aus dem Zeitalter von Musketen und Vorderladern ins Zeitalter von automatischen Schnellfeuerwaffen umzubiegen. Wer mit Freiheit argumentiert, ist unantastbar. Freiheit ist heilig.

Vergleichbar geht es in Deutschland zu und her. Dort besteht das offenbar höchste freiheitliche Gut nicht im quasi unbeschränkten Waffenbesitz, sondern darin, auf Autobahnen ohne Tempolimit von A nach B zu blochen. Dagegen kann man, scheint’s, gar nix machen, nicht in Zeiten der Klimaerwärmung, nicht in Zeiten des Klimanotstandes, nicht in Zeiten der Russland-Sanktionen. Immer ist das Verkehrsministerium in konservativ-freiheitlicher Hand und würde von dieser Seite – ob von CDU, CSU oder FDP – nie irgendwelchen Koalitionsverhandlungen geopfert. Rasen ist Freiheit, Freiheit ist heilig.

Freiheit ist aus dieser Weltsicht ein Wert an sich. Hinterfragen von Freiheit gilt nicht. Freiheit heisst ja immer: Frei zu sein von etwas. Käme ein amerikanischer Rüstungsmensch je dazu, sich zu überlegen, wovon er frei sein will, wenn er mit seiner Pump-Gun aus dem Haus geht? Und ein deutscher Tempobolzer, wenn er sich das Recht herausnimmt, mit 200 Stundenkilometern die Mitbenutzer seines Fahrweges an Leib und Leben zu gefährden, statt zu akzeptieren, dass der Staat ein Regulativ durchsetzen müsste?

Und Freiheit heisst ebenso auch immer: Frei zu sein für etwas. Wofür ist Freiheit Zweck? Sich vom Staat nichts vorschreiben zu lassen? Seine Männlichkeit unter Beweis zu stellen? Sich geil und potent zu fühlen?

In den gleichen Nachrichten, die über den Amoklauf in einer texanischen Kleinstadt berichteten, gingen Bilder über den Screen, die einem chinesischen Datenleck entsprungen sind. Die Umerziehungslager in der Provinz Xinjiang, in welchen die muslimischen Uiguren ihrer Identität beraubt werden, lassen sich seither nicht mehr wegdiskutieren. Wir wurden Augenzeugen, wie gefoltert wird. Wir hatten in unseren Fernsehsesseln Anteil an der Unmenschlichkeit totalitärer Regimes.

Würden wir die Uiguren fragen: frei wovon und frei wozu? dann müssten wir keine Sekunde auf die Antwort warten. Frei von Unterdrückung und Folter, frei für Menschenrechte und Selbstbestimmung. Würden wir den Menschen in der Ukraine dieselben Fragen stellen, wo derzeit ganze Städte zerstört werden, Lebensgrundlagen von Menschen vernichtet, Frauen reihenweise vergewaltigt und Menschen blindwütig über den Haufen geschossen werden, dann erhielten wir die Antwort ebenso schnell: Frei vom Krieg zu sein, frei zu sein für ein Leben, wie es war vor wenigen Monaten.

In unserer Zeit des Antagonismus’ von Freiheit und Unfreiheit, von Demokratie und Totalitarismus, überschlagen sich die Schlagzeilen ob dieses neuen Kulturkampfs: «Die Freiheit verabschiedet sich leise» (NZZ, 14.5.2022), «Arbeiten die liberalen Demokratien nicht zusammen, werden sie abgeschossen» (NZZ, 28.4.2022), «Ich habe grössere Angst vor einer Welt ohne Demokratie als vor Repression meiner Regierung» (NZZ, 6.5.2022), «Wie sich Demokratien gegen Diktaturen behaupten, ist das zentrale geopolitische Thema des 21. Jahrhunderts» (NZZ, 27.5.2022).

In dieser Zeit ist es erstaunlich und beschämend, wie inhaltsleer unser westlicher Diskurs über Freiheit und Demokratie geworden ist. Erfüllt sich hierin etwa ansatzweise Putins Spott über die Dekadenz der westlichen Gesellschaft? Wer sich so den Mund voll nimmt, wie unsere Welterklärer in den Chefredaktionen, dürfte über das Abklatschen von Feindbildern hinaus auch einmal inhaltlich etwas zur Frage beisteuern, wohin denn unsere Reise mit unserer Freiheit gehen soll und zu welchem Zweck. Manchmal beschleicht mich das ungute Gefühl, dass die gegenwärtigen Weltkrisen als Feigenblatt dafür genommen werden, das grosse Wort von der Freiheit zu führen, ohne positiv erklären zu müssen, worin, wovon und wofür Freiheit besteht. Wir sollen einfach froh sein, dass wir sie haben, und nicht allzu viel hinterfragen.

Ja, froh sind wir. Aber wofür hätten wir denn die Freiheit, wenn nicht dafür, substantiell hinterfragen zu dürfen (und zu sollen), wofür wir sie nutzen? Und nebst der Freiheit unsere Demokratie, unsere Neutralität, unsern Wohlstand? Gegenwärtig werden Schlagwörter abgefeuert wie aus Stalinorgeln. Was zurück bleibt, sind leere Worthülsen.

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