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Wie eine Lämmerherde

Aktualisiert: 17. Juni 2022

Auf der Halbinsel Au bei Wädenswil am Zürichsee hat sich dieser Tage ein Ereignis zugetragen, das den Berichterstattern von «20 Minuten» und geistesverwandten Medienprodukten so richtig zupass kam: Bei einem Feuerlauf-Seminar (Kosten pro Kopf: 170 Franken) sind die Teilnehmer durchs Feuer gegangen. Wörtlich. Circa 30 von ihnen sind anschliessend im Spital gelandet. Letzteres nicht mehr zu Fuss, denn die Füsse wiesen schlimmste Verbrennungen auf. Alle Sicherheitsvorschriften seien eingehalten gewesen, sagen die Veranstalter. Aber allesamt hatten die Mutprobe-Seminaristen Mut und sind marschiert und, bei 700grädig glühenden Kohlen, wohl ziemlich schnell.

Aber es ist gehupft wie gesprungen! Jeder Mensch mit gesundem Verstand hätte es kommen sehen. Wer jedoch Geld bezahlt für die Teilnahme an einem Mutprobe-Seminar, begibt sich in die Geiselhaft des Veranstalters. Wer will schon auf das Highlight verzichten bei 170 Franken Startgebühr? Das Lamm ist nicht nur im Christentum die Metapher für den dummblökenden Mittrotter, sondern auch in der säkularisierten Gesellschaft des 21. Jahrhunderts. Die Augen zu verschliessen vor dem Offensichtlichen, ist die stillschweigende Übereinstimmung der Wolle spendenden Paarhufer und einer artverwandten Spezies, die gemeinhin als Homo sapiens eingeteilt wird. Kassandra, das Orakel, das die Trojaner davor gewarnt hat, das riesige Holzpferd in die Stadt zu holen, stand von Anfang an auf verlorenem Posten. Das menschliche Nicht-Sehen-Wollen ist die Grundvoraussetzung dafür, dass jedes Troja in Schutt und Asche zerfallen muss.

Meine Lektüre der letzten Woche war Klaus von Dohnanyi, «Nationale Interessen. Orientierung für deutsche und europäische Politik in Zeiten globaler Umbrüche». Ein schlankes Buch von 200 Seiten, das der Doyen der deutschen Sozialdemokratie, ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg und Bundesminister für Bildung und Wissenschaft, im Januar 2022 vorgelegt hat. Es interessierte niemanden. Jetzt, nach Kriegsausbruch, liegt es in fünfter Auflage vor und steht an der Spitze der Bestsellerlisten.

Was macht das Buch von Dohnanyi besonders? Zwei Dinge. Erstens: Er hat es kommen sehen, nachweislich, denn er hat es geschrieben, bevor der Krieg Tatsache wurde. Zweitens: Die westlichen Leitmedien gehen diskret darüber hinweg. Die blinde Gefolgschaftstreue, mit welcher sie der amerikanischen Politik folgen, gestattet ihnen nicht, sich ernsthaft mit jemandem zu beschäftigen, der die Katastrophe vorwegnimmt und vor ihr warnt. Denn zu erkennen, worum es wirklich geht – um unser stupides Vasallentum, mit welchem wir Europäer den USA hinterher kriechen –, wäre exakt die Aufgabe dieser Medien gewesen.

Das zentrale Problem ist, sagt Dohnanyi, dass die «Nationalen Interessen» der USA radikal andere sind als diejenigen der Europäer. Die Interessen der USA sind massgeblich von ihrer Innenpolitik bestimmt, das heisst von der Sorge des gegenwärtigen Präsidenten Joe Biden um seinen Machterhalt. In den USA wird, anders als der vierjährige Wahlrhythmus bei den Präsidentschaftswahlen vermuten liesse, alle zwei Jahre gewählt, nämlich in Form von Erneuerungswahlen für beide Kammern des Kongresses. Alle zwei Jahre bedeutet: Kaum ist der letzte Wahlkampf abgeschlossen, beginnt der neue. In Permanenz wird um die Gunst der Wähler gebuhlt. Wenn Biden mit seinen Demokraten im Herbst die Midterm-Elections verliert – bei welchen es um das ganze Repräsentantenhaus und einen Drittel des Senats geht –, dann bleibt von ihm das übrig, was die Amerikaner als «lame duck» bezeichnen.

Eine lahme Ente. Um ein paar Senatorensitze in ein paar Swing-States zu retten, treibt Biden mit einer ultra-aggressiven Politik die Europäer vor sich her. Als Putin es im vergangenen Herbst genau hat wissen wollen, ob die Ukraine tatsächlich als Beitrittskandidat für die NATO in Frage komme, liess Biden wissen, darüber rede er mit ihm nicht. Dafür bedient er, seit Putin den Krieg losgetreten hat, die Interessen der amerikanischen Rüstungsindustrie und jagt Milliardenkredit um Milliardenkredit durch den Kongress. Immer darum, der Partei willfährig zu sein, der er eben nicht angehört. Dabei gilt es in NATO-Kreisen seit Jahren als ausgemacht, dass die Ukraine als Beitrittskandidat nicht durchgehen könne. Wolfgang Ischinger, Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, hat bereits 2018 in «Welt in Gefahr» geschrieben: «Die Frage einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine ist im Bündnis de facto längst negativ entschieden worden.» Das hinderte NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg im Juni 2021 anlässlich des NATO-Gipfeltreffens nicht daran, zu «bekräftigen», doch doch, die Ukraine könne durchaus Mitglied werden.

Was für ein Spiel wird hier mit den armen Ukrainern gespielt? Dohnanyi: «In einem gut geführten Unternehmen würde Stoltenberg kaum länger auf seinem Stuhl bleiben.» Und allerneuestens rudert Stoltenberg tatsächlich wieder zurück und lässt in der Ukraine nachfragen, wieviel an verlorenem Territorium ihnen der Frieden wert sei. Putin wird es gerne vernommen haben.

Man hätte es einfacher haben können, um zehntausende verlorener Menschenleben, um ein zerstörtes Land, um eine westliche Wirtschafts- und eine globale Hungerkatastrophe einfacher. Der Gang des ukrainischen Volkes über glühende Kohlen ist nicht freiwillig, wie jener der Feuergänger in Wädenswil. Das westliche Publikum aber trottet medial hinterher wie eine Lämmerherde. Wird sind gespannt, wie unsere grossen Meinungsbildner, von NZZ über FAZ, von ARD und ZDF zur SRG, mit der eingesprungenen Kehrtwende Stoltenbergs umgehen. Machen sie die gleiche Figur auch mit?

Und was tun ihre Leser? Vielleicht wäre es einfacher, sie nähmen einmal ein kluges Buch zur Hand. Wie das von Klaus von Dohnanyi.

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