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  • Reinhard Straumann

Vorwärts, wir müssen zurück...

Zehn Wochen nach dem Lockdown sagt der Bundesrat, sagt Herr Koch und sagen die meisten von uns: Die Massnahmen haben gegriffen, die Krisenbewältigungsstrategie war eine Erfolgsgeschichte.

Wer jetzt aber im weiten Umkreis ein spürbares Aufatmen erwarten würde, sieht sich getäuscht. Wohl treffen sich die Partygänger wieder auf den Vergnügungsmeilen, können das Strandbad und die Sommer-ferienplanung ins Auge gefasst werden. Doch all diesem Treiben haftet ein Beigeschmack an. Und es ist nicht nur die Sorge um die wirtschaftlichen Spätfolgen, nicht nur die Angst vor der zweiten Welle, die uns umtreibt. Die allgemeine Gefühlslage ist von Verunsicherung und Irritation geprägt. Wir spüren: Die Rückbuchstabierung aller Massnahmen heisst nicht, dass alles so sein wird, wie es war. Der status quo der Vor-Corona-Zeit wird nicht die Zukunft sein. Wohin wird uns der Weg zurück führen?

Corona hat die Dynamik unserer Lebensumstände verschoben. Manches hat sich entschleunigt: Wir haben uns im Home-Office eingerichtet, die Kinder haben ihre Väter erlebt, sogar tagsüber. Bilder vom Auffahrtstag haben gezeigt, dass die Familien das Wandern wiederentdeckt haben. Anderes dagegen hat sich beschleunigt: die Digitalisierung schreitet nicht voran, sie galoppiert. Damit zusammenhängend lassen die digitalen Supermächte, die USA und China, ihren Propaganda- und Handelskrieg eskalieren, mit freier Gestaltung von Beschuldigungsnarrativen in Sachen Corona und überhaupt. Europa, das die Entwicklung von digitalem Know-how der westlichen Führungsmacht überlassen hat, bleibt aussen vor. Gegenwärtig müssen beispielsweise europäische Entwickler von Tracing-Apps bei Apple, Google und Microsoft darum bitten, dass die Betriebssysteme unserer Smartphones entsprechend angepasst werden. Wir haben das nicht mehr in unserer eigenen Hand.

Auch andernorts – etwa beim Kampf um einen Exklusivzugang zu Impfstoffen – zeigt sich, dass der Partner doch nicht so verlässlich ist, wie man sich das einmal gedacht hatte. Die Art und Weise, wie das Weisse Haus täglich die politische Moral verhöhnt, und die Schamlosigkeit, mit welcher die Schwächsten der Gesellschaft einfach fallen gelassen werden, zeigen schonungslos auf, was aus der westlichen Führungsmacht geworden ist. Ursächlich hat das mit Corona rein gar nichts zu tun, aber Corona führt uns dieses Trauerspiel auf der Weltbühne vor Augen. Jetzt erkennen wir die Folgen davon, dass seit 40 Jahren in Teilen der westlichen Welt Demokratie systematisch ausgehöhlt wurde zugunsten einer Plutokratie, der Herrschaft des Geldes. Und zugunsten einer Farce von Meritokratie, die denjenigen, die auf der Strecke bleiben, einbläut, die sozialen Unterschiede seien auf Verdienst gegründet. Tröstlich, dass sich diese Mechanismen dort am schonungslosesten entblössen, wo die demokratiefeindlichsten Scharlatane am Werk sind.

Der westliche Teil Europas hebt sich wohltuend davon ab – sogar in jenen Staaten (wie Italien und Spanien), wo das Virus besonders brutal gewütet hat. Gerade dort, wo die Massnahmen besonders einschneidend sein mussten, sind die Menschen besonders verständig geblieben. Es ist zu hoffen, dass uns diese Verständigkeit in die Nach-Corona-Zeit begleitet, wenn sich die Frage stellt: Wollen wir zurück?

Ja, wollen wir – ein Stück weit. Aber wir wollen nicht zurück in diesen American Way of Life, in dem das gesellschaftliche Treiben sich mehr und mehr dem Tanz auf dem Vulkan angenähert hat. Ein Stück weit zurück heisst: vorwärts in ein Leben, dessen Takt mündige Menschen in demokratischen Prozessen bestimmen. Die Krise ist die Chance zu erkennen, dass wir unser Leben weniger und weniger selbst bestimmt haben, sondern dass wir zu Getriebenen von Mechanismen geworden sind, die man uns als Sachzwänge präsentiert hat. Dank Corona haben wir erkannt, dass der Zwang hinter manchen Sachen doch nicht so stark war. Wenn wir in Zukunft die vermeintlichen Sachzwänge radikal hinterfragen, dann haben wir viel gewonnen auf dem Weg in ein selbstbestimmteres Leben nach Corona.

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