Grossmutters grosse Zähne

Der Wolf, im Gebüsch lauernd, sah das Rotkäppchen schon von weitem, als es, auf dem Weg zur Grossmutter daherkommend, vergnügt ein Liedchen sang und nichts Böses ahnte. Was für ein Leckerbissen, sagte sich der Wolf, und der Geifer troff ihm von den Lefzen. Obwohl es ihm ein Leichtes gewesen wäre, verbot er sich, das Rotkäppchen sogleich zu packen und zu verschlingen. Erst die Grossmutter, sagte sich der Wolf, und das Rotkäppchen nehme ich zur Nachspeise. Unversehens sprang er aus dem Dickicht. Da erschrak das Rotkäppchen, aber die Empfehlung des Wolfs, unterwegs noch einen Blumenstrauss für die Grossmutter zu pflücken, nahm allen Schrecken und gefiel ihm ausnehmend wohl. «So schlimm ist der doch gar nicht», dachte das Rotkäppchen und pflückte die Blumen.


Märchenhaftes gibt es zu vermelden vom Glasgower Weltklimagipfel. Waren es bisher stets die enttäuschenden Schlussprotokolle der Klimakonferenzen oder deren Unverbindlichkeit gewesen, die die Welt bewegten, so vernehmen wir diesmal zu unser aller Erstaunen, jetzt sei Schluss mit der unsäglichen weltweiten Abholzung des Regenwaldes. Mehr als 100 unterzeichnende Staaten haben sich verpflichtet, die Abholzung grosser Waldflächen bis 2030 zu beenden, ja sogar die Abholzung in eine Aufforstung umzudrehen. Zu den Unterzeichnenden gehören die Staaten, die 85 Prozent der globalen Waldflächen einschliessen, unter ihnen Russland, China, der Kongo, Indonesien und – man lese und staune – Brasilien. Jair Bolsonaro liess sich per Videokonferenz zuschalten. Brasilien sei nicht länger Teil des Problems, sondern Teil der Lösung.

Bitte? Ist hier über Nacht einer vom Saulus zum Paulus geworden? Dieser windige Kriminelle, frauenfeindliche und homophobe Rassist, dieser Menschenverächter und Verteidiger der Militärdiktatur soll plötzlich verständig geworden sein? Wer’s glaubt, wird selig. Geradeso gut könnte man hoffen, Bolsonaro werde Asche auf sein Haupt streuen und auf Knien zu Luna da Silva hinkriechen, dem ehemaligen sozialdemokratischen Präsidenten Brasiliens, um sich vor ihm die Absolution erteilen zu lassen. Luna da Silva hätte die Wahlen 2018 haushoch vor Bolsonaro gewonnen, wäre er nicht mitten im Wahlkampf plötzlich ab der Strasse verhaftet worden und wegen unhaltbarer Anschuldigungen in Sachen Geldwäsche und Korruption für 20 Monate im Gefängnis verschwunden. Ein «kalter Staatsstreich» (Noam Chomsky) sicherte Bolsonaro die Präsidentschaft und dem Richter Sergio Moro, der eine ganze Reihe skandalöser Urteile gegen da Silva fällte, die Ernennung zum Justizminister.

Soviel zur Erinnerung: um zu zeigen, wie einer wie Bolsonaro tickt. Er scheut sich nicht, im Wahlkampf Geld von Grossgrundbesitzern zu sammeln, indem er ihnen die Aufhebung des Waldschutzes verspricht, um Brandrodungen zu ermöglichen und damit Flächen für den Anbau von Soja (für Treibstoffe) und die Produktion von Rindfleisch. Und diesem Politterroristen sollten wir jetzt abnehmen, dass es Schluss sei mit dem Abholzen, und zwar noch zwei Jahre vor dem geforderten Zeitpunkt, 2028 statt 2030. Ausgerechnet Bolsonaro! Und mit ihm Putin, Xi Jinping und Joko Widodo, Staatschef und Ministerpräsident in Indonesien, der eben in Jakarta noch ein Gesetz durchgewinkt hat, das die Produktion von Biogas aus Palmöl befördert. Korrumpierer und Diktatoren dieser Welt, vereinigt Euch.

Ein Klimagipfel wäre kein Klimagipfel, wenn solcher Hohn nicht als Erfolg verkauft würde. Boris Johnson, Premier Grossbritanniens und Gastgeber in Glasgow, triumphiert. Gleichzeitig arbeitet er innerbritisch daran, das Cambo-Ölfeld (bei den Shetland-Islands) mit einer Kapazität von 800 Millionen Barrel Öl zur Ausbeutung freizugeben. Er braucht dringend gute Nachrichten, um von all den Corona- und Brexitdesastern abzulenken... Nicht zu reden von Joe Biden, dessen sämtliche politischen Ziele ihm unter den Händen wegbröckeln. Angela Merkel will sich im bestmöglichen Licht verabschieden, Emmanuel Macron möchte ihr Erbe (in Sachen europäischer Leadership) übernehmen, um gestärkt in den nächsten Wahlkampf zu gehen. Weil sie alle auf Erfolg angewiesen sind, zeigen sich dies westlichen Staatschefs in Spendierlaune und haben ein Einsehen dafür, dass Länder, die sich – versprochen! ehrlich! – anschicken, auf Brandrodung zu verzichten, dafür entschädigt werden müssen. 28 Staaten wollen in den nächsten vier Jahren insgesamt 12 Milliarden Euro locker machen. Zusätzlich haben sich die Industrieländer verpflichtet, pro Jahr mindestens 100 Milliarden Dollar für ärmere Länder bereitzustellen, um sie bei dem durch die Klimakrise verursachten Handlungsbedarf zu unterstützen.

Hier gibt es viel Geld zu holen für die Bolsonaros, Putins, Widodos dieser Welt. Ihre Versprechungen dienen zu nichts als dazu, sich an die Geldtöpfe der Geberländer anzudocken. Neu ist einzig die Unverfrorenheit, mit welcher sie die Regierungschefs des Westens anlügen – um in ein paar Jahren (wenn die meisten von ihnen nicht mehr im Amt sein werden) zu sinnieren: «Was geht mich mein Geschwätz von gestern an?» Und der Westen, weil er geradestehen muss vor der Bevölkerung und der Klimajugend, willigt in den Pakt ein.


Als das Rotkäppchen schliesslich mit Verspätung bei der Grossmutter eintraf, wunderte es sich über deren Aussehen und stellte Fragen. Die letzte lautete: «Warum hast Du so ein entsetzlich grosses Maul?» - «Damit ich Dich besser fressen kann», schrie der Wolf und sprang aus dem Bett.

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