Ein ungeheurer Akt der Vernunft

Als im Vorfeld der Armeeabschaffungs-Initiative 1989 Friedrich Dürrenmatt um eine Stellungnahme zum Projekt der GSoA (Gruppe Schweiz ohne Armee) gebeten wurde, argumentierte er – anders als sein Kollege Max Frisch – weder politisch noch ethisch-pazifistisch, sondern er sagte schlicht und einfach: Der Verzicht der Schweiz auf eine Armee wäre „ein ungeheurer Akt der Vernunft“. Mit Blick auf die am 27. September bevorstehende Abstimmung über die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge – ein Volksentscheid, der mit der GSoA-Initiative nicht zu verwechseln ist und dem weit geringere Bedeutung zukommt – würde man sich wünschen, dass gegenwärtige Vordenker unseres Geisteslebens ähnlich emotionslos Art wie damals Dürrenmatt Stellung beziehen würden.

Die Argumentation in der Sache ist hinlänglich bekannt. Einerseits: Sicherheit, koste es, was es wolle. Andererseits: Wollen wir 24 Milliarden Franken für die Beschaffung und den Unterhalt von ein paar Kampfjets ausgeben, die nie einen sogenannten „Ernstfall“ erleben werden, weil damit auf das Bild eines militärischen Konflikts Bezug genommen wird, den es so gar nicht mehr gibt? Wollen wir alle jüngsten Erfahrungen von Bedrohungen – in Sachen Klimaerwärmung, Umweltzerstörung, Corona-Pandemie – über Bord werfen und stattdessen einseitig die Réduit-Mentalität des Kalten Krieges hochhalten? Wollen wir alle Informationen über die Austragung kriegerischer Handlungen zwischen hochdigitalisierten Nationen ignorieren und so tun, als gäbe es keinen Cyber-Space? Wollen wir (angesichts des Umstandes, dass Arbeitgeber- und Gewerbekreise uns vorrechnen, dass wir uns jährlich 230 Millionen Franken für den ebenfalls zur Abstimmung stehenden Vaterschaftsurlaub nicht leisten könnten…) 100 Jahre Vaterschaftsurlaub als Ökodesaster am Firmament zerstäuben? Oder anders gefragt: Wollen wir soviel Geld, das an tausend anderen Orten fehlen würde, für die Aufrechterhaltung eines Mythos aufwerfen?

Denn exakt dies hat Dürrenmatt damals gemeint, als er vom „ungeheuren Akt der Vernunft“ sprach. Wer sich vor seinem Abstimmungsentscheid gut beraten lassen möchte, der sollte sich nicht nur die Argumente vor Augen führen, sondern der sollte sich Klarheit darüber verschaffen, welches die geistigen Grundlagen sind, auf welche die Gegner und die Befürworter der Beschaffung neuer Kampfflugzeuge abstellen. Es ist der uralte Gegensatz von Logos und Mythos.

„Logos“ ist der griechische Ausdruck für das Wort, wenn wir es im Sinne des Verstandes verwenden, wenn wir eine Sache durchdringen, einen Sachverhalt verstehen möchten. Dem Logos ist es wesensfremd, etwas einfach zu glauben. Er zweifelt alles an und stellt Fragen, die er mit Hilfe der Logik zu beantworten versucht. Mit einem „Mythos“ dagegen wird im Griechischen eine Mär bezeichnet, die von einer Sache ein sagenhaftes Bild gibt. Der Mythos zweifelt nicht, sondern er glaubt; er stellt Fragen, aber sucht keine Antworten, weil er diese in sich schon einschliesst; er ist ein Katechismus. Logos und Mythos vermitteln ganz unterschiedliche Geschichtsbilder. Der Logos ist abstrakt; ihn zu verstehen ist anstrengend. Der Mythos dagegen ist bildhaft; ihm zu folgen ist ganz einfach. Der Mythos sagt: Wilhelm Tell steht am Anfang unserer Unabhängigkeit! Im Aktivdienst konnten wir sie gegen Nazideutschland erhalten, weil wir bereit gewesen wären! Der Logos zweifelt und fragt: Wilhelm Tell? Was hat ein dänisches Wandermärchen mit unserer Unabhängigkeit zu tun? Und wie genau ist es uns gelungen, diese gegen Nazideutschland zu erhalten?

Der Mythos, der im Zusammenhang mit Rüstung immer gepflegt wird, ist seit Urzeiten derselbe: Es ist der Mythos von einer latenten militärischen Bedrohung, der wir permanent ausgesetzt seien. Die Rüstungsindustrie der ganzen Welt lebt davon, dass immer neue Bedrohungsmythen gepflegt werden, aber stellt dabei immer auf Bilder und Geschichten vergangener Bedrohungen ab, die uns vertraut sind. Deshalb schöpft der Mythos aus der Vergangenheit; er hat die Tendenz, nicht die zukünftigen, sondern die zurück liegenden Konflikte vorzubereiten. Wer damit zufrieden ist, die Bedrohungsmythen einfach zu glauben, unterstützt in jedem Fall die Interessen der Rüstungsindustrie. Wer aber der Logik folgt, bezweifelt, ob deren Interessen mit denjenigen des Gemeinwohls übereinstimmen. Leider aber ist es viel einfacher zu glauben, als zu zweifeln und Fragen zu stellen. Denn dieses erfordert Anstrengung, Sachkenntnis und die Bereitschaft, sich gegen den Strom der Bildhaftigkeit zu stellen, mit welchem die Social Media heutzutage jeden Mythos höchst einfach bedienen können.

Im Zusammenhang mit der aktuellen Frage nach der Beschaffung neuer Kampfjets sagt der Mythos: Wir sind gut damit gefahren, dass wir stets gerüstet waren. Für unsere Sicherheit ist nur das Teuerste gut genug. Bleiben wir wachsam! Der Logos aber fragt: Welches sind unsere wirklichen Bedrohungen? Wie hilfreich sind Kampfjets gegen diese? Wie teuer kämen uns Flugzeuge zu stehen, die sich auf die wesentlichen Funktionen beschränken würden? Welche drängenden sozial-, bildungs- oder umweltpolitischen Aufgaben könnten wir problemlos finanzieren mit der Kostendifferenz?

So zu fragen, wäre ein ungeheurer Akt der Vernunft.

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