Die Verschwörung von 1291

Kaum ein Begriff hat in den letzten Jahren eine stärkere Konjunktur der (Falsch-)Verwendung erfahren als «Verschwörung». Und in keinem Staat der Welt müsste das mehr auffallen als in der Schweiz, die, glauben wir dem Gründungsmythos, das Produkt einer Verschwörung ist. Und nie müssten wir uns dessen bewusster werden als am 1. August, am Jahrestag dieser Verschwörung. Aber nie sind die Menschen blinder für die Geschichte ihres Landes als am Nationalfeiertag.

Dabei wäre die Begrifflichkeit ja ganz einfach: Wenn zwei sich gegenseitig absprechen, um sich Vorteile gegenüber einem Dritten zu verschaffen (vor dem sie ihre Absprache selbstverständlich geheim halten), dann ist das eine Verschwörung. Wenn ein Vierter von der Absprache Kenntnis hat und sie öffentlich macht, dann ist er, so er seine Information belegen kann, ein Whistleblower, oder, wenn er sie nicht belegen kann und sich nur auf Verdacht hin äussert, ein Verschwörungstheoretiker. Handelt es sich um eine viele Jahre zurück liegende Verschwörung, so ist das Werk ihrer Aufdeckung nicht Whistle-Blowing, sondern dasjenige eines Historikers (solange er sich an die Quellen hält), oder eines Dichters, sofern er sich Freiheiten der Gestaltung zugesteht.

Friedrich Schiller, Autor des «Wilhelm Tell», von Beruf Historiker, hat sich in seiner liebsten Nebenbeschäftigung, der Schriftstellerei, viele Freiheiten eingeräumt. Er vertrat die Auffassung, dass er durch die Gestaltung der vermuteten historischen Wirklichkeit dem tatsächlichen Geschehen viel näher käme, als wenn er nur den trockenen Quellen vertrauen würde. Beispielsweise lässt er als Dramatiker in seiner «Maria Stuart» eine Begegnung der Titelheldin, Königin von Schottland, mit Elisabeth I. von England stattfinden. Als Historiker weiss er nur eines mit Sicherheit: dass es diese Begegnung historisch nie gegeben hat. Aber als Interpret von Geschichte entwickelt er aus dieser fiktiven Begebenheit seine These, weshalb Elisabeth ihre Cousine Maria nach 20 Jahren Kerkerhaft nicht freilässt, sondern doch noch aufs Schafott schickt. Die Wahrheit? Mit Sicherheit nicht. Aber Schillers Begründung verhilft uns zum Verständnis des historischen Faktums: Nicht die Verschwörung, derer Maria bezichtigt ist, war der Grund für das Todesurteil, sondern die Beleidigungen, die die Königin der schönen Thronprätendentin an den Kopf wirft. Sie entlarven die Fratze der Macht und geben der Ohnmächtigen so viel Würde, dass sie voller Erhabenheit in den Tod geht.

Ebenso verhält es sich im «Wilhelm Tell». Wenn Schiller Walter Fürst von Uri, Werner Stauffacher von Schwyz und Arnold von Melchthal aus Unterwalden mit ihrem Fähnlein von Aufrechten ein Verschwörungs-Stelldichein auf dem Rütli abfeiern und einen gemeinsamen Schwur ausbringen lässt, dann wissen wir mit absoluter Gewissheit: So war’s nicht. Aber der von Schiller konstruierte Handlungsverlauf gibt unserem schweizerischen Selbstverständnis Sinn. Leider sogar überschüssig, sodass wir vor lauter Begeisterung darüber («Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern») die Fiktion mit der Wirklichkeit und den Dramatiker Schiller mit dem Historiker verwechseln.

Die vermeintliche Einigkeit, die wir am Nationalfeiertag begehen, ist eine Schimäre. In Tat und Wahrheit waren wir selten uneiniger als in Zeiten von Corona. Die Frage, wie wir mit der Pandemie umgehen sollen, spaltet die Gesellschaft. Neu gibt es nicht nur den Graben zwischen Stadt und Land und den Röstigraben, sondern jetzt auch noch den Graben zwischen den Geimpften und den Ungeimpften. Sie begegnen einander voller Misstrauen und Missgunst. Die schlagkräftigste Diffamierung, mit der sie sich bekämpfen, lautet: Verschwörungstheoretiker! Wer mit dieser Keule um sich schlägt, bezweckt nicht, eine Botschaft abzulehnen, sondern gesellschaftlich zu vernichten, wer sie vertritt. Denn nichts anderes ist es, jemanden, der sich in potentiell wissenschaftlichen Zusammenhängen äussert, in den irrationalen Bereich von Verschwörungstheorien zu zerren.

Der Begriff des Verschwörungstheoretikers wird von solchen Menschen exzessiv verwendet, die einen Meinungskonflikt ideologisieren und einen unliebigen Meinungsmacher dämonisieren wollen. Unbestritten wahr ist, dass es in der Weltgeschichte immer Verschwörungen gegeben hat. Von vielen wird das als Freifahrschein dafür genutzt (unsere Kultur der Social media lädt geradezu ein dazu!), den Boden der Rationalität zu verlassen und unendlich viel dummes Zeug zu verbreiten. Wer in der Beurteilung dessen aber immer mit dem Schimpfwort «Verschwörungstheoretiker» um sich wirft, macht es nicht besser. Der Begriff ist so ideologiegebunden, dass er nichts aussagt. Er ist unbrauchbar. Wer, wie unlängst Roger Schawinski, über «Verschwörungen» gar ein Buch schreibt einzig mit dem Ziel, wissenschaftlich abzuservieren, wer sich seinem Glaubensbekenntnis nicht anschliesst, bewegt sich auf totalitären Geleisen.

Wenn die Schweizerinnen und Schweizer am 1. August sich selbst und ihrem Land einen Gefallen erweisen wollen, dann sollten sie weniger über Verschwörungstheorien spekulieren, sondern pragmatisch sein und sich das Plausible vor Augen halten. Das hat uns Schweizer schon immer ausgezeichnet. Plausibel ist nicht, dass am 1. August 1291 auf dem Rütli drei alte Männer mit Rauschebärten und Blickrichtung Abendrot eine Verschwörung angezettelt haben. Plausibel ist, dass dort ein Senn das Vieh der Grundherren seiner Talschaft sömmerte. Nicht mehr und nicht weniger.

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