Die schlimmstmögliche Wendung

Pünktlich zu Friedrich Dürrenmatts 100. Geburtstag ruft uns das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in Erinnerung, dass die Wirklichkeit problemlos mit Dürrenmatts Grotesken mithalten kann. «Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat», notierte Dürrenmatt 1962 in seinen «21 Punkten zu den Physikern», und fuhr fort: «Die schlimmst-mögliche Wendung ist nicht voraussehbar; sie tritt durch Zufall ein.» Wie wahr. In den «Physikern» liegt am Schluss die Formel, die über Wohl und Weh der Welt entscheidet, in den Händen einer irren Irrenärztin, und in der Corona-Pandemie in der Schweiz liegt die Formel über die Volksgesundheit in den Händen des BAG.

Vieles hätten wir uns ausmalen können, aber nicht dieses: Als endlich – durch die Impfung – eine wirksame Bekämpfung der Pandemie möglich ist, scheitert sie an der Beschaffungsstrategie des BAG. Während Israel täglich so viele Dosen verimpft, wie die Schweiz bisher insgesamt erhalten hat, während politische Irrläufer wie Trump oder Boris Johnson sich am Ende noch als Bezwinger des Virus feiern lassen könnten, steht die Schweiz vor leeren Kühlcontainern, in denen das Impfgut lagern sollte. Und zwar nicht etwa, weil es aufgrund der globalen Knappheit nicht in wünschbarer Menge zur Verfügung stünde oder aus Gründen der globalen Verteilungsgerechtigkeit, sondern aufgrund von falschem Taktieren und von knausriger Leisetreterei unserer Behörden. Man vertröstet auf später: Im Sommer sei es dann soweit. Aber ausgerechnet jetzt tritt, wie von Dürrenmatt vorausgesagt, per Zufall die schlimmstmögliche Wendung ein. Der Virus mutiert, und die mutierte Variante wütet noch viel abartiger als deren Stamm. Zwar könnte man impfen, doch die Schweiz hat keinen Stoff.

Es ist schwer, in diesem Moment das Gefühl von Déjà-vu zu vermeiden. Vor knapper Jahresfrist, als die Covid-19-Welle erstmals nach Europa schwappte, ging in der Schweiz die Maskendiskussion los. Bald wurde offensichtlich, was Sache war: Trotz klarer Richtlinien und warnender Gutachten hatten die Bundesbehörden versäumt, auch nur halbwegs ausreichende Lager im Bereich der Schutz- und Hygienemasken anzulegen. Dem Problem wurde über Wochen so begegnet, dass man es klein redete. Daniel Koch, Wortführer der Pandemiebekämpfung, stellte gegen jede Plausibilität beharrlich in Abrede, dass Masken überhaupt sinnvoll schützen könnten. Kaum standen Masken in zureichender Anzahl zur Verfügung, wurde das Tragen zur bundesrätlich verordneten Pflicht. Jetzt, angesichts der grotesk knappen Mengen an zur Verfügung stehendem Impfstoff, behauptet das BAG, man liege voll im Fahrplan – während die impfwilligen Risikopatienten von gesichtslosen Internetportalen abgewiesen und von hilflosen Hausärzten vertröstet werden. Die NZZ am Sonntag (3.1.2021) meldete, dass die für die nationale Impfkampagne benötigte Software vom BAG am 17. Dezember 2020 (!) in Auftrag gegeben wurde. Dass deren Inbetriebnahme zu weiteren Pannen führte, war unvermeidlich. Aber beharrlich stellt das BAG Fehler in Abrede und gibt sich zuversichtlich.

Wohlverstanden: Es ist wahr, dass dem Uneingeweihten das Schimpfen leichtfällt. Tatsächlich gibt es keinen Grund zur Annahme, die schweizerische Delegation, die mit dem Impfstoffhersteller Pfizer verhandelte, habe irgendwelche Richtlinien verletzt. Der Kostenrahmen, der ihr zur Verfügung stand, ist uns ebenso wenig bekannt wie die Budgets der Berufspopulisten Netanjahu, Trump und Johnson, für welche die Beschaffung des Impfstoffs Wahlkampfcharakter hatte. Aber dennoch bleibt dieses schale Gefühl von verpasster Chance und von Mutlosigkeit. Was hätte es gekostet, frühzeitig bei drei potentiellen Impfstoffanbietern je die erforderliche Menge in Auftrag zu geben (Pfizer/Biontech, Moderna, astrazeneca – es gäbe noch weitere!)? Für die Bundesrepublik Deutschland wurde errechnet: 10 Milliarden Euro. Für die Schweiz – mit einem Zehntel der Bevölkerung Deutschlands – hiesse das: 1 Milliarde Franken. Ein Bruchteil der Coronakosten, die der Bund so oder so tragen muss. Überschüssiges Material hätte man problemlos weiterverkaufen oder noch lieber, würdig der humanitären Tradition, auf die wir uns so gerne berufen, anderen, bedürftigeren Ländern verschenken können.

Der Umstand, dass in der Schweiz die Zahlen der Verstorbenen weit über denjenigen anderer Staaten liegt, ist an dieser Stelle mehrfach heftig kritisiert worden. Die offizielle Begründung der bundesrätlichen Politik lautete, man habe die Risiken abgewogen und eine Balance halten wollen zwischen dem Schutz der Bevölkerung und dem Schutz der Wirtschaft. Seit die Impfung möglich ist, wäre es nicht mehr nötig, diese Balance zu halten. Dennoch opfert man weiterhin Menschenleben und verursacht weiterhin Firmenzusammenbrüche und steigende Arbeitslosenzahlen. Wir sind gespannt darauf, mit welcher Begründung man uns diesmal hinhalten wird. Sie wird so mutlos sein wie alles, was wir bis jetzt vernommen haben. Hauptsache, wir warten ab und bleiben optimistisch.

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