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Blüemlisalp

Aktualisiert: 15. Dez. 2023

Zwei TV-Erlebnisse prägten – für mich – die laufende Woche; eines vom Sonntagabend und ein zweites vom Mittwoch. Das erste war etwas vom Bizarrsten, was mir in den letzten Jahren am Bildschirm widerfahren ist. Daraufhin hat das zweite, glücklicherweise, die Welt halbwegs wieder geordnet. Das erste handelt von Deutschland, das zweite von der Schweiz.

Am Sonntagabend berichtete die ARD vom Parteitag der deutschen Sozialdemokraten und fokussierte dabei insbesondere die Abschlussrede von Kanzler Scholz. Der wortkarge hanseatische Besserwisser mit dem schlechten Gedächtnis redete sich in Rage, schrie sich in Panik, wer weiss das. Der rationale Diskurs jedenfalls war gestrichen. Je lauter er wurde, desto mehr liess er sich mitreissen vom Schwall der Lügen, die er seinem Publikum auftischte. Er verlor die Fassung, hüpfte wie Rumpelstilzchen hinter seinem Pültchen auf und ab, berserkerhaft, brüllte in ewigen Wiederholungen ins Mikrofon: «Es war doch der russische Präsident, der die Gaslieferungen abgestellt hat, der russische Präsident, der russische Präsident, der russische Präsident…». Mitgerissen von der Verzweiflung über alles, was er in den letzten zwei Jahren angerichtet hat, warf er mit alternativen Fakten um sich. Was die Ampel in den letzten anderthalb Jahren an Unwahrheiten konstruiert hat: nichts liess er aus. Ach wie gut, dass niemand weiss, dass ich Olaf Scholzchen heiss.

Das System seiner Falschaussagen war so bizarr und die Form so irritierend, dass der unvoreingenommene Betrachter ernsthaft am Geisteszustand des deutschen Bundeskanzlers zweifelte. Dabei waren wir doch alle Augenzeugen, armer Olaf! Keiner der Anwesenden hatte jene Pressekonferenz verpasst, die über sämtliche Bildschirme dieser Welt gegangen ist, als Old Joe Biden die Sprengung von Nordstream ankündigte – in Scholzens Gegenwart. Säuerlich lächelnd musste er diese Demütigung entgegennehmen, die ihm den Rang eines Landesverräters zuwies. Aber weil die Hersteller von Wirklichkeit, die Main-Stream-Medien, einmütig mit den USA, grosszügig darüber hinweggegangen sind, tat das auch der Normalverbraucher. Scholz vertraut darauf, dass das Gedächtnis der Öffentlichkeit so schlecht ist wie sein eigenes.

Ist das noch Lüge? Oder ist das bereits das Abdriften in ein Paralleluniversum, begünstigt vom Umstand, dass Scholz’ Rede am eigenen Parteitag auf ein ihm gewogenes Publikum traf? Nach der Rede erhob sich der Parteitag, reckten seine Mitglieder die rechte Faust in die Luft und sangen die Internationale. Wacht auf, Verdammte dieser Erde. Völker, hört die Signale, auf zum letzten Gefecht. Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.

Es war absurd. Eine Partei, die ohne Ende Waffen in kriegführende Gebiete exportiert, die sich über jedes humanitäre Völkerrecht hinwegsetzt und Waffenstillstände verhindert, die dem eigenen Volk den Wohlstand raubt, die nichts, aber auch gar nichts mit den Zielen der Arbeiterbewegung am Hut hat, nimmt es sich heraus, das Andenken ihrer Altvorderen mit Hohn und Spott zu besudeln. Offenbar wissen die tatsächlich nicht, was sie tun. Dabei müssen wir gar nicht auf die Anfänge der deutschen Sozialdemokratie verweisen, auf Lassalle, Bebel, Liebknecht, Luxemburg – es reichen fünfzig Jahre und die Nennung von Willy Brandt und Helmut Schmidt. Kann eine Partei so vergesslich sein?

Die Basis dieses Parteitags, die ohne Sinn und Verstand die Internationale grölte, ist aus Verzweiflung über die Gegenwart in eine Fiktion abgerutschtt. Mangels Alternativen ketten sie sich an die Lügen ihrer Parteiführung, mit dieser Bundesregierung seien wir auf dem Weg zur Verbesserung der Welt.

Hier stösst der aufklärerisch denkende Mensch an seine Grenzen: Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu gebrauchen, ist out. In ist das Glaubensbekenntnis, der Katechismus. Auf alle vorgefertigten Fragen hat Olaf eine Antwort (und wo er sie nicht hat, hat er sie halt vergessen). Die Schnittmenge mit der Wirklichkeit tendiert gegen Null.

Das ist das Ende der Demokratie. Die USA, die Bundesrepublik, der Wertewesten – vergessen wir alles. Das Existieren im Paralleluniversum ist salonfähig geworden: Wir werden Putin besiegen, wir werden China besiegen, wir werden die Klimakrise besiegen, die Demokratien werden blühen, der Wohlstand wird wachsen, die Welt wird wunderbar sein. Selig sind die Armen im Geiste. Kommt, Kinderlein, spricht Olaf, ich will euch erquicken.

Am Mittwoch, zum Glück, gab’s eine Art televisionäres Korrektiv. Die Schweiz wählte ihre Landesregierung. Von vormittags um acht Uhr bis Mittags um eins lief der Fernseher. Alles spielte sich geordnet ab, würdevoll. Nicht nur den Inhalten wurde Genüge getan, sondern auch der Form. Die kleinen Abstriche, die parteipolitischem Geplänkel geschuldet waren, fielen nicht ins Gewicht, im Gegenteil – niemand wird ja ernsthaft behaupten, wir seien auf dem Weg zum idealen Staatswesen. Also haben auch wir das Recht, da und dort doof zu sein. Die kleinen Störmanöver wirkten eher wohltuend als schädigend, da dadurch die Schnittmenge des TV-Ausschnitts mit der Wirklichkeit vergrössert wurde. Ein Lob auf unsere x-fach durchbrochenen Machtstrukturen, auf die direkt-demokratischen Instrumente, auf unsern Föderalismus und unsere Konkordanz (auch wenn sie ächzt im Gebälk).

Friedrich Dürrenmatt hat vor 60 Jahren die Szene eines schweizerischen Paralleluniversums beschrieben («Winterkrieg im Tibet»). Während in der Aussenwelt der Dritte Weltkrieg tobt und die Schweiz und Europa längst in den Atompilzen zerstoben sind, hat sich das schweizerische Parlament in einem Bunker unter der Blüemlisalp bombensicher eingerichtet. Sie merken gar nicht, was draussen vorgeht, sondern überbieten sich in ihrem Eifer, Gesetze zu erlassen, Motionen abzuarbeiten und Vernehmlassungen durchzuführen. Bei Dürrenmatt, diesem unverwüstlichen Mondkalb, ist es, was es ist: eine Farce. In Deutschland ist es (derzeit) Wirklichkeit. Ein Hoch auf Dürrrenmatt, ein Hoch auf die Schweiz.

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