Alle Räder stehen still...

Aktualisiert: Apr 24

Zwölf ganz Grosse des europäischen Clubfussballs haben sich etwas besonders Schlaues ausgedacht: die Gründung einer internationalen Super-League, die erlaubt hätte, dass sie bei der Verteilung der grössten Geldströme unter sich geblieben wären. Ein inzüchtlerisches Show-Getingel auf den Kanälen der Pay-TV-Veranstalter sollte es werden, ohne sportlichen Wert. Manege frei für die Zirkuspferdchen Messi, Ronaldo etc.! Sechs Engländer waren dabei (Arsenal, Chelsea, Liverpool, Manchester City und Manchester United, Tottenham Hotspurs), drei Italiener (Juventus Turin, AC Mailand und Inter Mailand) sowie drei Spanier (Barcelona, Atletico Madrid und Real Madrid), dazu sollten wohl noch die deutschen Megaclubs (Bayern München, Borussia Dortmund) stossen, aber die waren klüger und hielten sich zurück. Auch mit Paris St. Germain war nicht zu rechnen, obwohl dieser Verein für alles steht, was den inter-nationalen Clubfussball in Misskredit gebracht hat, zum Beispiel die Abhängigkeit von privaten Geldgebern aus den Erdölregionen dieser Welt. Diesmal stand der Vorzeigeclub der Grande Nation jedoch abseits, weil sein CEO, der Saudi-Araber Nasser al-Khelaifi, Vertrauter des Emirs von Katar, im Besitz der Fernsehrechte der Champions-League ist, und weil die anvisierte Super-League natürlich als Konkurrenzprodukt konstruiert war. Davon abgesehen hätte sich Paris St. Germain aber bestens ins Gruppenfoto der anderen zwölf eingefügt, zum Beispiel in Sachen exzessiver Transfer- und Lohnpolitik. Diese treibt die Ausgaben der Vereine so in die Höhe, dass die Einnahmenstruktur sogar im Erfolgsfall gesprengt wird, geschweige denn bei sportlichem Misserfolg (trotz Milliardeneinsatz hat St. Germain die Champions-League noch immer nicht gewonnen). Verständlich, dass die Grössten den Misserfolgsfall a priori ausschliessen möchten.

Zum Kader von Paris St. Germain zählt eine Reihe von Stars (Neymar, Mbappé, Di Maria etc.), von denen jeder bis zu 1 Mio Franken pro Woche bezieht. Besitzer des Vereins ist Qatar Sports Investments; zu seinen Sponsoren zählen die Tourismusförderung von Katar, die Telecom von Katar, die Nationalbank von Katar… Seit der Vergabe der Fussballweltmeister-schaft an… Katar, möglich geworden durch die Käuflichkeit der FIFA und der Mitglieder seines Komitees, wähnen sich die Scheichs im Glauben, schlicht und ergreifend alles sei käuflich. Sparen kann man dann ja immer noch bei der Einhaltung der grundlegendsten Arbeiterschutz- und Menschenrechte beim Bau der Stadien für diese WM.

So sieht es aus im europäischen Spitzen-Clubfussball. Die zwölf Vereine, die im Laufe der Woche die Super-League ausgerufen haben, totalisieren aktuell einen Schuldenberg von mehr als 7 Milliarden Franken. Durch die exemplarische Misswirtschaft treibt man die Kosten immer dramatischer in die Höhe und giert deshalb nach immer absurderen Konstrukten zum Ausgleich auf der Einnahmenseite (statt dass man endlich die Kosten senken würde). Aber diesmal verkam das Projekt der Dollar-Giganten zum fussballerischen Rohrkrepierer, zum Eigengoal. Die Clubbosse und ihre CEOs unterlagen dem Miss-verständnis, dass sie ihr Grundverständnis von der neoliberalen Wirtschaftswelt auf den grünen Rasen übertragen wollten. Ihr neoliberales Selbstverständnis besagt: Die Welt ist dazu da, dass die Superreichen und die Megakonzerne sich daran bedienen und ihren Reichtum und ihren politischen Einfluss vermehren. Solange die Messis, Ronaldos, Mbappés und Lewandowskis über die Bildschirme tingeln, können wir die Reaktionen der Menschen unter dem Deckel halten.

Doch weit gefehlt. Die Panem-et-Circenses-Mentalität der Endzeitstufe funktionierte nicht. Die Reaktion der Fans war so, dass die ganzen schönen Pläne innert 24 Stunden zerfleddert waren und sich in Makulatur aufgelöst haben. Mehr noch: Die Bosse der englischen Grossclubs mussten Asche auf ihr Haupt schütten und ihren Gang nach Canossa antreten. Vor einer Fangemeinde in Millionenzahl entschuldigten sie sich reumütig. Bitte verzeiht, wie konnten wir auch nur, Euch, die Fans, aussen vor zu lassen! Selbstverständlich ist es euer Fussball, nicht unserer. Nostra culpa, nostra maxima culpa! (Unsere Schuld, unsere übergrosse Schuld.)

Unnötig zu sagen, wie sehr diese Krokodilstränen geheuchelt waren. In Tat und Wahrheit handelte es sich um ein simples Missverständnis. Weshalb sollte im Fussball nicht funktionieren, was in der neoliberalen Welt sonst allerorten bestens klappt, von der Steuerbefreiung der Internetgiganten bis hin zur Privatisierung des Trinkwassers? Weshalb sollte ausgerechnet der Fussball die finale Konzentration des Kapitals und die Abschöpfung aller Gewinne durch eine Handvoll Plutokraten verweigern? Weshalb sollten die Lämmer bocken, die sonst immer schweigen?

Ja, weshalb? Die Frage ist schwierig zu beantworten. Weil das Konstrukt hier so simpel war, dass es auch der Hinterste und Letzte durchschauen konnte? Weil die emotionale Bindung des Fans an den Fussball viel stärker ist als an andere Lebensbereiche? Weil die Arroganz der Macher des gescheiterten Plans noch von ihrer Ignoranz übertroffen wird? Oder weil wir zwar TV-Fussball boykottieren können, nicht aber die Nutzung des Internets oder den Konsum von Trinkwasser?

Was immer der Grund ist: Was diese Woche in der Welt des Fussballs passiert ist, sollte ein Lehrstück sein für ihre Durchsetzungsstärke, wenn eine grosse Menschenmenge geschlossen und willenseinig auftritt. Vor 150 Jahren schrieb Georg Herwegh, der deutsche Liberale, der vor dem preussischen Absolutismus in die Schweiz flüchtete: «Und alle Räder stehen still, wenn Dein starker Arm es will.»

Ja, wir müssten nur wollen.

26 Ansichten0 Kommentare

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen

Jeff Bezos hebt ab

Jeff Bezos, der reichste Mann der Welt, hat sich einen Jugendtraum erfüllt. Er liess sich in einer Kapsel von einer Trägerrakete seiner Firma «Blue Origin» 105 Kilometer über Meereshöhe ins All beförd

Die Phalanx der Kardinäle

Diese Woche machte die Meldung die Runde, dass, weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit, die katholische Kirche ihr Strafrecht erneuert und, nach zwölfjähriger Vorarbeit, die Neuerungen präsentier

Ein Nachruf

«De mortuis nihil nisi bene» verlangt ein lateinisches Sprichwort: Über Verstorbene sage nichts ausser Gutes. Würde der vorliegende Text diesem Prinzip folgen, wäre er hier zu Ende, denn über den Vers